100 Jahre Groß-Berlin

Berlin

Am 1. Oktober 1920 wuchs Berlin durch Eingemeindung von jetzt auf gleich um knapp 2 Millionen Einwohner – zwei Neuerscheinungen erzählen von den Jahren davor.

Ob Spandau heutzutage wirklich zu Berlin gehört, wird immer wieder diskutiert: Es gibt zahlreiche Witze darüber, dass sich der Bezirk weit außerhalb der Stadt befindet, wenn nicht sogar schon in Brandenburg liegt. („Wir waren so weit im Westen, das wir fast schon wieder im Osten waren“, scherzt ein Freund gerne, der zu DDR-Zeiten in Spandau aufgewachsen ist) Fakt ist auch: Einst tat er das. Bis zum 1. Oktober 2020 war Spandau eine kreisfreie Stadt im Westen von Berlin, dann wurde sie eingemeindet – zusammen mit den kreisfreien Städten Charlottenburg, Lichtenberg, Wilmersdorf, Neukölln, Schöneberg, der Stadtgemeinde Cöpenick und den Kreisen Niederbarnim, Osthavelland und Teltow. Über Nacht waren zu den 1,9 Millionen Berlinern 1,9 Neu-Berliner hinzugekommen und die Stadt wurde – nach London und New York – zur drittgrößten Stadt der Welt.

Als Hans Ostwald als Reporter durch Berlin tingelt, liegt das Groß-Berlin-Gesetz zwar bereits zur Diskussion auf den Tischen der Politiker, die Umsetzung ist aber noch ein paar Jahre und einen Weltkrieg entfernt: Ostwald, der eigentlich gelernter Goldschmied war, arbeitete seit den späten 1890er Jahren als Journalist in der Stadt, die sich bereits große Mühe gab, Metropole zu werden. Thomas Böhm, ebenfalls Journalist, hat kürzlich eine Auswahl von Ostwalds Texten aus den Jahren 1904-1908 unter dem Titel Berlin. Anfänge einer Großstadt herausgegeben und uns damit den Zugang zu den Momentaufnahmen eines scharfen Beobachters ermöglicht.

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Was Ostwald in seinen Schriften anspornte, warum er mit Leidenschaft „mit dem Ohr auf der Straße“ lag und die sozialen Verhältnisse unter die Lupe legte, erklärte er 1904 in seinem Vorwort:

„Diese Großstadtdokumente sollen über die eigenartigen Persönlichkeiten und Bevölkerungsschichten, über die sittlichen und sozialen Zustände unserer modernen Großstädte Licht verbreiten. Sie sollen nicht aus Vergangenheiten, aus staubigen Urkunden und alten Nachrichten ihren Inhalt schöpfen. Sie sollen aus dem vollen Leben heraus ihren Extrakt geben.“

Über alle „Vorzüge der Großstadt und […] ihre Missstände, Verderbtheit und Verkehrtheiten“ wollte er berichten. Ostwald ist allerdings kein Flaneur mit Stock und Hut, der langsamen Schrittes über das Kopsteinpflaster schlendert und seine Beobachtungen später in zarte Bonmots verwandelt (wie es später Franz Hessel tat); Ostwald ist mittendrin – und bleibt dabei trotzdem neutral. So verbringt er zum Beispiel eine Nacht in Berlins größter Obdachlosenunterkunft in Prenzlauer Berg (heute befindet sich auf dem Areal das Einwohnermeldeamt), findet zwischen hustenden und von Kopfläusen geplagten Männern keinen Schlaf.

„Morgens um fünf rief ein Beamter zur Tür herein: ‚Aufstehen!‘ Wir wuschen uns notdürftig, trockneten uns mit unseren Taschentüchern und klappten unsere Pritschen hoch. […] Dann kam ein Hausdiener mit Brotstücken, je zweihundert Gramm. Er ging die Reihen hinunter und warf jedem seinen Teil zu. Einer, bei dem es an die Erde fiel, schrie ihm nach: ‚Grad, als wenn wir Hunde wären!'“

Doch neben den schmutzigen, dunklen Ecken widmet sich Ostwald auch den glitzernden Nachtlokalen, den Varietés, in denen es lange Frauenbeine zu sehen gibt, den edlen Waren im Kaufhaus des Westens. Ebenso wie den Spelunken im Scheunenviertel und den lokalen Berühmtheiten wie Narbenemil und Revolverfred, dem Homosexuellen-Strich im Tiergarten und den erschreckenden Lebensverhältnissen in den Mietskasernen. Manche Überschriften könnten auch aus dem Jahr 2020 stammen: „Der Fortpflanzungstrieb im Hüttenfeuer der Großstadt“, „Seltsame Typen aus dem Berliner Nachtleben“ oder „Die Rückständigkeit der Stadtverwaltung“ zum Beispiel.

Ostwalds Berlin ist noch nicht das wilde „Babylon“ der Zwanziger Jahre, wie wir es aus den Romanen von Volker Kutscher oder aus der dazugehörigen Serie kennen; noch hat der Kaiser das Sagen, noch ist der Erste Weltkrieg in weiter Ferne. Aber es ist schon zu erkennen: Aus dieser zwielichtigen, schillernden, dreckigen und glamourösen Stadt wird noch einmal etwas ganz besonderes werden.

Hans Ostwald, Thomas Böhm (Hrsg.): Berlin. Anfänge einer Großstadt. Szene und Reportagen 1904-1908. Galiani Berlin, 2020. Gebunden, 416 Seiten, 28 Euro.

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Tim Krohn mit seinem neuen Roman – natürlich vor einer Litfaßsäule / Foto: Fräulein Julia

Mit dem neuen Buch von Tim Krohn wechseln wir die Gattung: Die heilige Henni der Hinterhöfe ist ein Roman, und auch wenn dieser aufgrund der jahrelang dauernden und akribischen Recherche des Autors zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts auf historischen Fakten beruht, bleibt es eine erfundende Geschichte.

Und die beginnt 1914. Da ist Henni gerade elf Jahre alt, lebt mit ihrer Familie im dritten Hinterhof einer Mietskaserne in Prenzlauer Berg (die heute durchsaniert sind und zu horrenden Preisen vermietet oder verkauft werden), das Klo befindet sich auf halber Treppe (also außerhalb der Wohnung), es riecht nach Bohnerwachs, Kohl und Kohlen. Das Leben findet hauptsächlich draußen statt, wo Henni und ihr Bruder mit Nachbarskindern Banden bilden und durch den Kiez streunen, auf die Berichte von der Front warten – denn 1914 beginnt der Erste Weltkrieg – und dann auch mal Nachbarn als mögliche Spione an die Schupos verpfeifen. Henni is een richtijet Aas, könnte man auf Berlinerisch sagen.

Aber sie weiß, wie man sich durchschlägt. Als der Krieg nach vier Jahren endlich ein Ende findet, dann aber die Kohlen und das Essen knapp werden, verdient sich die Berliner Göre mit den stechend grünen Augen ihr Geld als Amüsierdame im illegalen Wohnzimmerbordell ihrer Nachbarin – das ist auch ein guter Ort, um mehr über diese Sache zwischen Männern und Frauen zu erfahren. Von da an lässt sich Henni nicht mehr die Butter vom Brot nehmen, arbeitet zeitweise als Unterwäsche-Modell, sucht sich reiche „Onkels“, die ihr eine kleine Butze im Scheunenviertel bezahlen, schliddert von einer Situation in die nächste. Die Weltgeschichte – Kriegsende, Ausrufung der Republik, Inflation, Dadaismus, zunehmender Nationalsozialismus – scheint ihr einfach zu „passieren“. Henni schaut mit großen Augen zu.

„Im Sommer 1919 trieben es die Berliner den Stadtvätern dann zu bunt, und das Organisieren von Tanzveranstaltungen wurde ebenso verboten wie das Fischen mit Handgranaten, womit die Kriegsveteranen sich den Hunger und die Zeit vertrieben. […] Die Mädels tanzten im Privaten mit ‚geladenen Gästen‘, und statt Frischfisch aus den Berliner Seen gab es ‚Proteine aus der Tube‘, wie Anna Köchel scherzte, die es von allen Mieterinnen in der Kaserne am dollsten trieb. Sie wohnte im Vorderhaus unterm Dach und veranstaltete sogenannte Schönheitsabende.“

Henni sei nicht naiv, sondern einfach furchtlos, erklärt mir Tim Krohn im Interview; darüber hinaus seien die Menschen damals aber auch einfach naiv gewesen. Dass seine Hauptfigur überhaupt Hauptfigur wurde, ist Zufall, denn eigentlich wollte er die Geschichte der jüdischen Fotografin Yva erzählen, die in den Zwanziger Jahren in Berlin arbeitete und sich später weigerte, ins Exil zu gehen (mit vorhersehbarem Ausgang). Doch auch die Frau, die ihr für die Aufnahmen Modell stand, sollte eine eigene Geschichte bekommen. Als Krohn sich deren (aus der Geschichte verschiedener realer Personen zusammengesetzte) Vergangenheit anschaute, wurde sie und damit Henni auf einmal spannender als Yva.

Wie diese rothaarige Göre, die später zur verführerischen jungen Frau wird, sich durch Berlin treiben lässt, liest sich höchst charmant. Man denkt nicht selten an Irmgard Keun und ihr kunstseidenes Mädchen, auch Schriften von Erich Kästner oder Gabriele Tergit schimmern in Krohns Text durch. So ist die Heilige Henni der Hinterhöfe ein in der Gegenwart verfasster Roman der wirkt, als sei er während der Weimarer Republik geschrieben, vergessen und nun wieder hervorgeholt worden: Ein amüsantes, schlüpfriges und liebevolles Sittenbild von Groß-Berlin zwischen den Kriegen.

Tim Krohn: Die heilige Henni der Hinterhöfe. Kampa Verlag, 2020. Gebunden, 256 Seiten, 22 Euro.

Foto oben: Max Missmann „Friedrichstraße Ecke Leipziger Straße 101/102“ (Ausschnitt), 1907

1 Kommentare

  1. Danke für diesen gelungenen Beitrag und die wunderbare Anregung – „Die heilige Henni der Hinterhöfe“ landet bei der liebenswürdigen und wohlwollenden Beschreibung doch gleich auf meiner Wunschliste! Herzliche Grüße nach Berlin!

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