Ab jetzt wird sich etwas ändern

Berlin

Berlin-Logbuch XVII: Nein, ich bin auf keinem „Jetzt-wird-alles-besser“-Trip gelandet, aber es wird sich dennoch einiges ändern.

Beim alltäglichen Email checken im Cafe gegenüber habe ich erfahren, dass ich ab September nicht mehr als Reporterin arbeiten werde, sondern so gesehen eine Ganztagsstelle in der Redaktion bekomme. Auf der einen Seite ist das eine super Chance, die nicht so schnell wieder kommt, weil ich in diesem Monat mit Sicherheit noch einige Texte verfassen muss, beziehungsweise lernen werde, wie man eine solche Seite am Laufen hält. Nur arbeiten gehen kann ich dann nicht mehr.

Gut, soviel Melancholie schwingt bei dem Gedanken jetzt nicht mit, es ist ja meistens ziemlich langweilig dort, und auch wenn ich Bratkartoffeln mit Bulette (auf Deutsch: Frikadelle) und Spiegelei jetzt langsam sehr gut hinbekomme. Traurig werde ich eher bei dem Gedanken, was für ein Geld mir durch die Lappen geht, wenn ich den kommenden Monat nicht mehr zweimal die Woche den Tag dort zu verbringen, um zu frühstücken, Zeitung zu lesen, Mittag zu essen, Kaffe zu trinken und zu quatschen. Mir wird jedoch nichts anderes übrig bleiben, denn wenn ich ab sofort jeden Tag zum Wannsee tuckern muss, dann möchte ich mein Wochenende nicht auch noch im Restaurant verbringen. Oder was immer es genau ist. Denn dann sehe ich ja gar nichts mehr von Berlin, kann nicht mehr weggehen oder mir die Stadt anschauen. Und das könnte ich ja genauso gut in Bonn haben, dafür muss ich nicht in eine andere Stadt ziehen.

Heute hatte ich mal einen Tag frei, und habe beschlossen, mir Schöneberg, insbesondere die Goltzstraße, einmal bei Tag anzuschauen. Also habe ich mich aufgemacht Richtung Möckernbrücke, dann umsteigen in die U7 und runter zur Eisenacher Straße, um ein bisschen über die „Shoppingmeile“ von Schöneberg zu watscheln. Sehr interessante Geschäfte gab es dort zu entdecken, natürlich wie immer massig 2nd Hand Shops – aber auch Einrichtungsläden und Vertreter der Naturkosmetik und heilenden Massage konnte man dort finden. Alles ein bisschen spirituell und fernöstlich, was glaub ich auch daraus entsteht, dass es in dieser Straße ausschließlich Vietnamesische oder Thailändische Restaurants gibt.

Ich hatte Hunger, und mir vorgenommen, ausnahmsweise mal in einem Restaurant zu essen. Die Auswahl, was genau ich essen würde, fiel dann ja nicht so schwer, nur wo. Letztendlich habe ich mir dann bei „Fish&Vegetables“ drei Hühnchenspieße in Erdnuss-Sauce genehmigt – ich sollte viel öfter so etwas essen. Ständig Falafel oder Bratkartoffeln sind sicher nicht förderlich für meine Gesundheit. Und eigentlich hatte ich ja den Vorsatz, mich hier gesund zu ernähren, was aber bis jetzt nur bedingt geklappt hat.

Berlin

Nach diesem kurzen Streifzug habe ich beschlossen, den langen Weg in die Gropius-Stadt auf mich zu nehmen; wir haben ja alle sicherlich „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gelesen, und wie so ein Plattenbauviertel in der Realität aussieht, hat mich schon immer interessiert. Gibt es wirklich nur Beton, so weit das Auge reicht? Fehlanzeige. Als ich nach fast zwanzig Minuten rappelnder Bahnfahrt endlich an der Lipschitzallee angekommen war, sprangen mir zwar auf Anhieb mehrere große Plattenbauten ins Auge, aber mindestens genauso viele Bäume. Eigentlich gar nicht so ungemütlich hier, trotz der hohen Betonklötze. Und so schön ruhig. Natürlich ist es nicht mein bevorzugter Platz zum Leben, aber sicher gibt es auch hier einen gewissen Wohlfühl-Faktor. Unwohl habe ich mich zumindest nicht gefühlt.

Mein Abendessen bestand dann aus selbstgemachten Lauch-Möhren-Bratlingen (ich werde dieses Rezept noch hier in Berlin perfektionieren..) und einem Melonen-Mix aus dem Supermarkt. Es ist natürlich nicht so, dass ich auf Kalorien achte, aber ich würde behaupten, dass ich mich heute ziemlich gesund ernährt habe. Und das kleine Schokicroissant lassen wir mal gutmütig außen vor.

Später fein gemacht für die Ausstellung „Kunst oder Königin“, einer ziemlich inspirierenden Sammlung von Kunstwerken Berliner Künstlerinnen, in der Arena, gleich hier um die Ecke. Quasi. Das es doch ein gutes Stückchen vom Treptower Park bis auf die Warschauer Strasse ist, habe ich dann gemerkt, als ich den ganzen Weg zurückgelaufen bin. Barfuss und beschwingt. Jetzt habe ich zwar dreckige Füße, und bin eventuell auch zu müde, um sie noch zu waschen, aber fühle mich rundum wohl. Morgen muss ich meinem Chef dann nur noch beibringen, dass ich wohl nicht mehr arbeiten kann.

Playlist:
Peter Licht: „Sonnendeck


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!