Abrakadabra Simsalabim

Hexer

Zaia Alexander habe mit „Erdbebenwetter“ einen modernen Hexenroman geschrieben, heißt es. Aber wo sind die Hexen?

Als ich ein Teenager war, schaute ich jeden Samstag im Fernsehen die Serie „Sabrina – total verhext“, die von einem Mädchen in meinem Alter handelte; sie wuchs bei ihren zwei Tanten auf, die ihr die vernünftige Nutzung von Zaubersprüchen beibrachten und ansonsten die üblichen Teenager-Kämpfe mit ihr ausfochten. Im Haus wohnte auch ein schwarzer Kater namens Salem, der Sabrina regelmäßig fröhlich plappernd die Pläne durchkreuzte – er war nämlich ein verzauberter Verwandter.

Auch im Mittelpunkt von Zaia Alexanders Roman Erdbebenwetter steht eine Katze. Die kann allerdings nicht sprechen: Sophie, die der Erzählerin Lou und ihrer Tochter Lola eines Tages in recht verwahrlostem Zustand zuläuft und die Schicksalsgemeinschaft – denn Lola ist nicht die leibliche Tochter von Lou – fortan ziemlich aufmischt. Während wir auf dieser Zeitebene lesen, wie Lou sich an ihrer Doktoarbeit in Deutscher Literatur abmüht, Sophie Katzenbabys bekommt und Lola die Katze mal als ihre Mutter, mal als ihre Tochter bezeichnet, blickt eine andere Erzählebene ein paar Jahre zurück.

 

„Hast du Lust, ein paar Hexer kennenzulernen?“

Als Lou, die damals noch einen anderen Namen trug, auf einer Filmpremiere in ihrer Heimatstadt Los Angeles ihren früheren Schulfreund Josh wieder trifft, klingt seine Frage zunächst ganz harmlos: „Hast du Lust, ein paar Hexer kennenzulernen?“ Weil Lou sowieso nicht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll und ihre Filmproduktionsfirma pleite ist, willigt sie ein. Und das hat Folgen. Schnell wird sie in einen Kreis aus rätselhaften Menschen gezogen, die sich um einen „Mentor“ sammeln, der sie regelmäßig zu „Kursen“ ordert; als Leserin erwartet man magische Rituale und Beschwörungen bei Vollmond oder Zeremonien, die nackt durchgeführt werden. Aber nein: Alles, was die „Hexer“ bei diesen Kursen machen sind Bewegungsübungen, die stark an eine Pilates-Klasse erinnern.

Hexe

Lou gerät trotzdem derart in den Sog dieser Gruppe, dass sie bereit ist, auf Anweisung ihr altes Leben hinter sich zu lassen, sich eine neue Frisur und einen neuen Namen zuzulegen. Regelmäßig ruft sie der Mentor an, haucht die Frage „Was gibt’s neues?“ in die Sprechmuschel und lässt Lou an sich selbst verzweifeln. Ab und an werfen er und die ihn umgebenden Frauen – und es sind fast alles Frauen – Lou ein paar tiefsinnige Sprüche vor die Füße, an denen sie dann kaut wie an einem zu zäh geratenen Steak: „Alles, was wir machen, zählt, wie unbedeutend es auch scheint.“

Von Gemeinschaft, Verbindung untereinander und mit dem Kosmos, wie es bei Hexen – und durchaus auch bei den „modernen Stadthexen“ – üblich ist, ist hier keine Rede. Das Handeln der „Hexen“ ist unverständlich und inkongruent, über den Austausch von ein paar Kristallen geht die „Magie“ nicht hinaus und dass eine von den Frauen ihrer Ansicht nach regelmäßig von zwei hilfreichen Geistern begleitet wird, könnte man genauso gut als Spinnerei abtun.

Oder liegt das Magische gar nicht in dem absichtlich Herbeigerufenen, sondern im Alltäglichen?

„Sie gab mir Tipps, wie ich das sinnlose Geplapper im Kopf abschalten konnte, das mich das Magische der Welt nicht wahrnehmen ließ. […] Auch Gwens Vorschlag, meinen Standpunkt zu ändern, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, war nützlich. Schaute ich in eine Richtung, sollte ich mich einfach umdrehen und in die andere Richtung schauen, und schon würde sich mir eine völlig neue Sichtweise eröffnen.“

Dass ist allerdings ebenso simpel wie platt und klingt nach in rosaner Tinte hingetupften Weisheiten aus glitzernden Esoterik-Magazinen. Bringt es Lou auf ihrem Weg weiter und wird sie irgendwann ohne die küchenpsychologischen Krücken der selbsternannten Hexer zurechtkommen?


Die Stadt der zerplatzten Träume

Doch Zaia Alexander scheint es um mehr zu gehen als ein paar Zaubertricks. Sie zeigt die Suche nach Halt und Zugehörigkeit einer 30-jährigen, die sich dafür rühmt, ihr ganzes Leben binnen einer Stunde in einen Koffer packen zu können. Sie plädiert – indem sich Lou und Lola nach den nicht ausgesprochenen Befehlen der Katze richten – für die Abschaffung der Hierarchie zwischen Mensch und Tier. Und nicht zuletzt geht es um Los Angeles, dieser Stadt der flimmernden Filmgeschichten, der Heuchelei und geplatzten Träume, in der alle ständig irgendwohin mit dem Auto fahren, trotzdem nie ankommen und in ihrer eigenen Langeweile festsitzen. Die vielen Erzählfäden, die Zaia Alexander aufnimmt, laufen allerdings oft ins Leere. Nachts kommen die Kojoten und reißen Katzen.

„Endlich: Ein moderner Hexenroman!“ steht als Zitat von Denis Scheck unter dem Klappentext. Erdbebenwetter hat in der Tat sehr viele Facetten – aber ein Hexenroman ist es nicht.

Zaia Alexander
Erdbebenwetter
Klett-Cotta, 2020
Gebunden, 320 Seiten, 22 Euro

Foto oben: Photo by Marcos Paulo Prado on Unsplash