Ach, Virginia

Woolf

Michael Kumpfmüller hat es gewagt: In „Ach, Virginia“ beschreibt er die letzten Tage von Virginia Woolf vor ihrem Selbstmord, durch ihre Augen. Das ist ihm gelungen.

Ach, Virginia… Wann wurde ich das letzte Mal von einem Buchtitel angeseufzt? Doch es scheint mir, als gäbe es gar keine passendere Reaktion auf die tragische Lebensgeschichte der Virginia Woolf, die sich Anfang 1941 das Leben nimmt, indem sie sich – in den Manteltaschen Wackersteine – im nahegelegenen Fluss ertränkt. Auch in ihrem kleinen Cottage im Süden von England bleibt sie nicht von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs verschont, doch ist es weniger die internationale Politik, die ihr die letzten Kräfte raubt – es sind ihre inneren Dämonen, die sich als bleischwere Depression über ihr Gemüt legen und ihr die Fähigkeit nehmen zu schreiben. Oder liegt es gar nicht daran, dass sie nichts mehr zu Papier bringt?

„Vielleicht hat sie ja einfach nichts mehr zu sagen. Man hat sein Leben lang geschrieben, und dann eines Tages, während man sich die Schuhe bindet, weiß man, dass es damit vorbei ist. Der unterirdische See ist ausgetrunken, die Quellen sind erschöpft, man hat getan, was in seiner Macht stand, man hat sich bemüht, aber nun ist es vorbei, und wahrscheinlich ist genau das ihre Lage.“

Die Umstände sind eigentlich ideal, sie hat ein Zimmer für sich allein – ein ganzes kleines Häuschen im Garten sogar, in dem sie an ihren Texten arbeiten kann; ihr Mann Leonard kümmert sich liebevoll um sie, auch wenn zwischen ihnen keine eheliche Zärtlichkeit herrscht und eigentlich auch nie geherrscht hat. Doch Virginia Woolf kann nicht mehr, möchte auch nicht mehr – nicht mehr schreiben, unter Menschen sein, existieren müssen.

Michael Kumpfmüller beschreibt die letzten Tage der britischen Schriftstellerin, in denen sie den Entschluss zu ihrem Selbstmord einerseits längst gefasst hat, andererseits mit sich hadert. In langen, inneren Monologen, die ansatzweise etwas vom stream of consciousness haben, für den die Werke Woolfs bekannt sind, reflektiert sie ihre knapp sechzig Jahre auf dieser Welt: Erlebnisse mit Freunden und Familie, zwischenmenschliche Verwicklungen und amouröse Eskapaden, zum Beispiel mit Vita Sackville-West; ihre Erfolge mit Romanen wie Mrs Dalloway oder To The Lighthouse, die schon damals von der Presse begeistert aufgenommen wurden; ihre Ehe mit Leonard Woolf, ihre Abneigung gegenüber Körperlichkeit, ihre Scham- und Schuldgefühle.

Woolf

Kann man die letzten Tage und Stunden einer Frau, deren Blick durch die Depression vernebelt und doch gleichzeitig glasklar war, beschreiben, ohne ins Theatralische zu rutschen? Kumpfmüller ist es auf beeindruckende Weise gelungen: Er trifft mit seinen Sätzen tatsächlich den Ton, den man aus den meisten Texten von Virginia Woolf kennt: eine Mischung aus nonchalanter Zurückhaltung und subtiler Ironie, gepaart mit punktgenauer Beobachtungsgabe.

Liest man Ach, Virginia, möchte man gleich noch einmal zu den Schriften Woolfs greifen; Zu ihren feministisch angehauchten Essays oder ihren träumerischen Romanen, in denen die hochgeschnürte Londoner Gesellschaft mit Federn im Hut und abgespreiztem kleinen Finger am Afternoon Tea nippt und dabei geschickt heikle Gesprächsthemen umschifft. Eine Gesellschaft, die Virginia Woolf gleichsam liebte wie verachtete und aus der sie sich letztendlich bewusst herausnahm. Ein bedrückender, intensiver, anrührender Roman!

Michael Kumpfmüller
Ach, Virginia
Kiepenheuer & Witsch, 2019
Gebunden, 240 Seiten, 22 Euro.