Alte Steine in Athen: Zu Besuch in Griechenland

Athen

Griechenland besteht nicht nur aus Sirtaki, Souvlaki und Ouzo: Auf meiner Recherche-Reise nach Athen lernte ich das Land von einer anderen Seite kennen.

Nein, die Griechen seien nicht besonders intellektuell, sagt meine griechische Gastgeberin Dora, während wir gemeinsam Tee aus frischen Kräutern trinken, die ihr eine Freundin aus Kreta mitgebracht hat. In Deutschland oder zum Beispiel in England (wo wir beide studiert haben) sei das Wetter häufiger schlecht, da bleibe man eher in seiner Wohnung und habe Zeit, sich fortzubilden. Doch in Griechenland scheine meistens die Sonne und das Leben finde draußen statt. Besonders fleißig seien ihre Landsleute ebenfalls nicht – vielleicht liegt auch das an der vielen Sonne, vermuten wir.

Ob das ein Grund für die am Boden liegende Wirtschaft in Griechenland ist, frage ich mich – sage es dann aber doch nicht laut. Auf meinen Spaziergängen durch die Stadt waren mir immer wieder leerstehende Ladenlokale aufgefallen; die Buchhandlung über mehrere Stockwerke, die ich vorab als Ausflugsziel recherchiert hatte, war aufgrund der Krise längst geschlossen worden. Die Arbeitslosigkeit, das hatte ich ebenfalls bereits vorher gelesen, liegt bei den jungen Griechen bei rund 50 Prozent – eine Zahl, die mir, aus meiner kuscheligen Wohlstandsblase heraus betrachtet, astronomisch hoch erscheint. Wie lebt es sich in einem Land, in dem die ökonomischen Zukunftsaussichten alles andere als rosig sind?

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Astronomisch sind in Athen aber nicht nur die Arbeitslosenzahlen, sondern auch die Preise – zumindest verglichen mit Berlin und ich überlege, ob auch das mit der Krise zusammenhängt. Oder haben die Preise die Krise ausgelöst? Mein Wirtschaftswissen ist praktisch nicht vorhanden, aber dass mich selbst im absolut untouristischen Vorort Kallithea, wo ich nächtige, ein simpler Kaffee mindestens 3 Euro kostet, lässt mich stutzig werden. Möglich, dass ich auf meinen Streifzügen durch Athina einfach zu unaufmerksam war, mich von Touristenfängern habe verlocken lassen.

Touristen werden hier gemolken wie Kühe, werden als wandelndes Portemonnaie auf zwei Beinen gesehen. Als ich mit Dora recherchiere, wie viel ich für ein Metro-Ticket zum Flughafen zahlen muss, sind wir sprachlos: Mit einem normalen Einzelticket für 1,40€ käme ich theoretisch bis eine Station vor dem Terminal – doch das spezielle Flughafenticket, an dem auf den letzten Metern kein Weg vorbeiführt, kostet stolze 10€. Ein ganz schön saftiger Zuschlag für Zugereiste, darin sind wir uns beide einig.

Athen

Doch Athen, auch wenn es ein mittelgroßes Loch in meine Geldbörse frisst, hat dennoch Charme. Das liegt zum einen daran, dass ich aus den winterlichen Minusgraden Berlins binnen zwei Flugstunden in frühlingshafter Wärme lande. Zum anderen schafft die Stadt etwas, was bisher noch kein Museum oder Sachbuch geschafft haben: Sie lässt Geschichte für mich lebendig werden! Ich bin hier, weil ich derzeit an einem großen Coffee Table Book über die Geschichte von Pergamon arbeite, einer wichtigen Stadt der griechischen und römischen Antike. Die liegt mittlerweile in der Türkei, wo ich mich – sogar als harmlose Kultur-, aber eben nunmal Journalistin – nicht hingetraut habe.

Netterweise ließen sich die alten Pergamener seinerzeit aber stark von Athen inspirieren, so dass ein Besuch auf dem Akropolis-Berg und in den diversen umliegenden Ausgrabungsstätten nicht nur meine Phantasie beflügelt, sondern auch ein ziemlich gutes Bild davon vermittelt, wie es damals ausgesehen haben mag. Weil offiziell auch in Griechenland noch Winter ist, haben die Sehenswürdigkeiten nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet, ich verschlafe das zwei Tage lang, weil ich lieber ziellos durch die Stadt gelaufen bin. Als Entschädigung klettere ich an einem Nachmittag auf den Aeropagus, einen Felsen direkt neben dem Akropolis-Berg – und habe, eher zufällig, wohl den romantischsten Ort der Stadt gefunden: Sonnenuntergang mit Blick über die gesamte Stadt. Ich habe Gänsehaut.

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Mit der Akropolis und mir klappt es dann doch noch. Über eine halbe Stunde sitze ich auf den Stufen des Dionysos-Theaters und versuche mir vorzustellen, wie eine der Aufführungen früher wohl ausgesehen hat: Wie konnte man in den oberen (also wirklich sehr hohen Rängen!) überhaupt noch etwas hören, geschweige denn sehen? Während mir die Sonne eine leichte Bräune ins Gesicht zaubert, spiele ich in Gedanken noch einmal die Medea-Tragödie von Euripides durch, die ich kürzlich gelesen habe.

Weil die meisten Besucher nur kurz stehen bleiben, um mit ihren Selfie-Stangen in der Hand sich selbst zu knipsen, habe ich viel Zeit zum Nachdenken. Oben auf dem Felsen selbst, zwischen Parthenon und Erechtheion, sieht das schon ganz anders aus: vor lauter Selfie-Stangen kann ich die Gebäude kaum sehen. Ob sich überhaupt jemand länger als fünf Sekunden mit den alten Griechen beschäftigt hat? Dennoch ein absolutes Plus: Mit meinem Presseausweis werde ich – sooft ich will – sogar mit einem Lächeln, an der Kasse vorbei gewunken. Selten wurde ich, bezogen auf meinen Beruf, so freundlich empfangen!

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Überhaupt: Diese Freundlichkeit allerorts in Athen – ob hier schon wieder die Sonne ihre Finger im Spiel hat? An meinem letzten Tag fahre ich noch einmal ans Meer (Meer ist eigentlich der falsche Begriff, auch hier weiß Dora Bescheid, es ist eigentlich ein Golf, also eine Bucht), um wenigstens einmal meine nackten Füße in das rauschende Wasser zu tauchen und – das gehört zu meinen Traditionen auf Reisen – ein paar hübsche Steine zu sammeln. Mit nassen und sandverklebten Zehen setze ich mich danach ein kleines Café am Strand, der um diese Jahreszeit und vor allem mitten in der Woche – abgesehen von ein paar mutigen Schwimmern – völlig ausgestorben ist.

AthenIch bestelle einen einfachen Cappuccino (& zahle, wahrscheinlich vor allem für die Aussicht, satte 4€ dafür), blinzle in die Sonne. Neben mir sitzt ein älterer Herr und trinkt griechischen Kaffee. Aus einer kleinen Plastikpackung klaubt er krümeligen Kuchen, mit denen er die Spatzen füttert, die sich dieses Festmahl zur Frühstückszeit natürlich nicht entgehen lassen und in Scharen angeflattert kommen. Ich lächle ihm zu, die gefräßigen Spatzen sind mir nur zu gut aus meinem Berliner Kiez bekannt. Neun Jahre lang habe er einen kleinen Wellensittich gehabt, erzählt er mir, aber der sei vor kurzem gestorben. Er könne ihn einfach nicht vergessen, deshalb komme er regelmäßig hierher und füttere die kleinen Sperlinge – auch wenn er damit die Geduld der Kellnerin eindeutig auf die Probe stellt.

Ob meine Füße nicht kalt seien, nachdem ich im Februar so mutig ins Wasser gehüpft sei, fragt er mich besorgt? Nein, sage ich, außerdem musste ich einfach das Meer spüren, bevor ich zurück ins kalte Berlin fliege. Jetzt lächelt er. Dann sortiere ich meine steinernen Fundstücke nach Farbe. In diesem Moment ist alles gut.

Efharistò Athina, auf bald!

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PS: Für gewöhnlich reise ich ohne Reiseführer, zumindest wenn ich nur kurz unterwegs und in einer Stadt bin. Für Athen war ich allerdings schon länger um die „Dumont direkt“-Ausgabe geschlichen, die 2017 für verschiedene Städte neu aufgelegt wurden (& die mir der Verlag netterweise zugesendet hat): Darin findet man keine ausführlichen Erklärungen der historischen Ausgrabungsstätten, sondern Erläuterungen zu den einzelnen Stadtteilen – von denen, ähnlich wie in Berlin, jeder sein ganz eigenes Gesicht hat. Ideal für alle, die auf eigene Faust das Gefühl einer Stadt ergründen wollen, ohne sich mit unzähligen Touristen an den gleichen Orten die Beine in den Bauch zu stehen! Spoiler: Bei den alten Tempeln auf dem Akropolis-Berg klappt das leider trotzdem nicht, da wollen alle hin – zu Recht!

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