An einem Morgen um halb fünf

Berlin

Berlin-Logbuch IV: „Lange geschlafen, ausgiebig gefrühstückt. Dazwischen Foto-Aktionen auf dem Klo, mit den schnulzigen Julia-Arztromanen und den Hausfrauenpornos“

Zugegeben war ich gegen Abend von den letzten Tagen doch etwas übermüdet, aber das überzeugte die Jungs nicht wirklich; deswegen wurde ich, nachdem J. einen sich selbst in Lichtgeschwindigkeit verdoppelnden Hefeteig für Pizza fabriziert und ich Lachs mit Spinat im Blätterteig gefuttert hatte, zur Abwechslung auf eine Party geschleppt. Und zwar in den so genannten „Bunker“ – ich bin mir nicht wirklich sicher, was dieses Gebäude in seinem früheren Leben einmal war (Anmerkung aus dem Jahr 2020: Ein Bunker, Jules, was sonst?); auf jeden Fall war es ein großer, nach oben spitz zulaufender Betonklotz, also jegliches Tageslicht (was jetzt um diese Uhrzeit, davon mal abgesehen, auch schon schlafen gegangen war) abschirmend und fast komplett aus Treppen bestehend.

Auf diversen Emporen standen im Retro-Style geschmückte Matratzen und Sofas, aber ich bin mir auch im Nachhinein nicht wirklich sicher, ob der Bunker dadurch gemütlich wurde. Ich habe lediglich in Erinnerung, dass die Luft, die nicht freundlich gerochen hat, sich aufgrund von nichtvorhandenen Fenstern oben auf der so genannten Tanzfläche gestaut hat, dazu lief nervtötender Techno und Geld für Alkohol hatte ich auch keins mehr.

Zum Glück konnte man auch draußen gemütlich chillen, was sogar bei heruntergekommener Hinterhofatmosphäre möglich ist, oder im Cassiopeia ein bisschen die Hüften oder den ganzen Körper zu Reggae-Klängen und Grasgeruch schwingen lassen. Irgendwie war ich auch an diesem Abend schon etwas wehmütig, weil es mein letzter Abend in Berlin, für diesmal etwas längere Zeit, sein würde.

Als ich J. endlich dazu bewegt hatte, Richtung Zuhause zu gehen, fiel mir aber plötzlich ein, dass ich Berlin unbedingt noch von oben, nämlich von einem Hausdach, sehen muss; also hab ich meinen kleinen Rest Energie zusammengebündelt und bin mit J. und S. auf dessen Hausdach geklettert. Das war so gesehen gar nicht einfach, weil ich in meiner Euphorie völlig vergessen hatte, dass ich ja eigentlich Höhenangst habe. Und als ich dann am Fuße der ca. vier Meter langen und wackligen Holzleiter stand, hab ich doch ein etwas mulmiges Gefühl in meiner Magengrube oder sogar im ganzen Körper gehabt.

Das wurde dann auch nicht besser, als ich endlich auf dem Dach war, denn das war ja nun noch höher, dazu logischerweise kein Geländer am Rand und meine Augen beziehungsweise meine Sehstärke lässt bei Nacht ja sowieso zu wünschen übrig. Aber trotzdem hoch und runter über Dachabtrennungen, vorbei an Schornsteinen und Fernsehantennen, bis wir meiner Meinung nach fast die komplette Häuserreihe abgelaufen waren – und am Ende, fast ganz am Rand: da stand ein Sofa.

Ich glaube diese Aussicht, beziehungsweise das Gefühl, das man dabei verspürt, sich in gewisser Weise so nah am Tod (der war nur zwei, drei Schritte entfernt) zu befinden, ist unschlagbar. Was ist der Fernsehturm am Alexanderplatz schon gegen die Atmosphäre, bei Nacht gechillt auf einem Sofa am Rande eines Hausdaches zu sitzen? Ein bisschen war ich jedoch froh, wieder festen Boden in Form eines Hausflures unter meinen Füßen zu haben, aber sowas muss man einfach mal erlebt haben!

Berlin

Danach dann in plätscherndem Regen zu Fuß nachhause, weil J.’s Fahrradgepäckträger sich weigerte, Passagiere aufzunehmen – aber was ist schon das bisschen Regen in so einer schönen Nacht? Zuhause angekommen hatte sich der Hefeteig augenscheinlich erneut verdoppelt und hat uns deshalb quasi dazu gezwungen, ein neues Pizzablech zu machen. Warum auch nicht, um fünf Uhr morgens? Der Vorsatz, aus Müdigkeit in dieser Nacht spätestens um drei Uhr schlafen zu gehen, war ja eh schon längst gebrochen.

An einem morgen um halb fünf
Sind wir hier in einem raum
Wir sehen uns an
Dabei reden wir kaum
Die straßen sind belebt
Viele menschen gehen vorbei
Frühling 2007
Wir können alle andern sein

Da noch keiner aus der Chaos-WG den Weg in sein Bettchen gefunden hatte, war auch noch eine kleine Party mit lauter und lustiger Musik möglich, die uns dazu animierte, wie aufgescheuchte Hühner durch die Wohnung zu hüpfen oder weitere nette Szenen aus dem Hausfrauenpornoheft „Heiß und Heimlich“ mit verteilten Rollen zu lesen…

Irgendwann hab ich mich aber davongeschlichen; das Schleichen musste sein, weil die noch wachgebliebenen Herren mich partout nicht gehen lassen wollten, das geht ja auch nicht, du fährst doch morgen schon wieder nachhause, du kannst doch jetzt noch nicht schlafen gehen? Letztendlich hat dann aber meine Müdigkeit gesiegt. Bis jetzt hab ich erst ganz selten den Kampf gegen sie gewonnen. Was werde ich nur die nächsten Wochen machen, bis ich meine Jungs wieder habe? Eventuell habe ich mich verliebt. Allerdings gleich in vier Männer…

Playlist:
2Raumwohnung – Wir sind die anderen (Frühling 2007)


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!