Aufstieg und Fall des Benjamin von Stuckrad-Barre

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Nach vielen Jahren hat Benjamin von Stuckrad-Barre mit „Panikherz“ ein neues Buch geschrieben – ein erstes Resumee seines drogenverkorksten und scheinwerferlichtbestrahlten Lebens – und das liest sich genauso erschreckend ehrlich wie humorvoll. „Stucki“ ist wieder da!

„Auch ein gutes Buch!“, hatte mir Stuckrad-Barre damals in meine relativ zerlesene Ausgabe von „Remix 2“ geschrieben, auf der Lesung „Auch Deutsche unter den Opfern“ in Köln. Ich war glücklich, dem Autor endlich einmal im echten Leben gegenüber zu stehen, wenn auch nur für eine Minute. Dass ich schon auf die Dreißig zuging, tat nichts zur Sache: Benjamin von Stuckrad-Barre, vielmehr seine Bücher, hatten mich in meinen Teenie-Jahren von ca. 16-20 so gut wie auf Schritt und Tritt begleitet.

Ich war ein Fan-Girl, wenn auch in erster Linie bezogen auf seinen Schreibstil, besaß jedes seiner Bücher. In meinen spätpubertären Tagebuch-Schreibexzessen, die sich eigentlich nur um Weltschmerz, Jungs und Schule (und die dortigen Jungs) drehten, versuchte ich ihn nachzuahmen. Legte ein bisschen Rotzigkeit und Verachtung über andere Menschen und ihre Eigenheiten in diese Endlosschleifen der Selbstreflexion. Noch während meine Literaturstudiums verteidigte ich meine Faszination für den Autor, sogar im Seminar über Popliteratur war ich die einzige, die sich dazu bekannte, seine Bücher zu lesen – der Dozent rief mich fortan immer mit „Stuckrad-Barre-Fan“ auf. Dann las und hörte ich lange nichts von „Stucki“.

Und nun das. „Panikherz“ liegt in meinem Briefkasten, mein Herz hüpft und hat doch ein bisschen Angst: Wird es, kann er nach all den Jahren wieder, hat es noch…? Wieviel seines gewohnten Schreibstils wird Stuckrad-Barre einfließen lassen können in seine Autobiographie (wenn man das, er ist 41 Jahre alt, schon so nennen kann), in der er offenherzig über seinen jahrelangen Drogenkonsum, seine Schweinwerferlichtsucht und seine Essstörung, seine Faszination für und Freundschaft zu Udo Lindenberg, seine Kindheitserlebnisse als Pfarrerssohn und seine Schummeleien als Journalist schreibt? Doch, und das wird mir schon auf der ersten Seite klar: „Stucki“ ist wieder voll in seinem Element!

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„Musik hören war ja gut. Aber leider musste ich auch selbst welche machen, denn sonst würde man später ja ziemlich sicher einen Schnurrbart bekommen, Mofa fahren, eine Lehre machen, bei der man ein Namensschild am Kittel tragen muss, und eine Frau mit Dauerwelle heiraten.“
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Generalisierungen, darin ist Stuckrad-Barre schon immer gut gewesen. Nicht alle freut das: „Du bist so gut, wenn du einfach nur beschreibst; aber dieses Aburteilen ist mir manchmal zu hart – das sind doch alles AUCH MENSCHEN“, beschwerte sich sein Vater einst. Generalisieren, dass kann Stuckrad-Barre auch heute noch, auch wenn seine Sätze – er ist schließlich irgendwie geläutert – definitiv an Barschheit verloren haben.

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Doch was die Wortneuschöpfungen angeht, für den ich den Autor schon immer so mochte, so ist und bleibt er ein charmanter Neologist: „Rahmschnitzelbehaglichkeitstrübsinn“, „Handlungsreisendentristesse“ und „Bürotassenhumordeutsche“ sind Begriffe, die man gut und gerne dauerhaft in den Sprachschatz aufnehmen könnte.

Es sind auch genau diese Neologismen, dazu die stakattohaften, verschachtelten Sätze, die die Ruhelosigkeit des Autors auf den Punkt bringen; diese Aufgekratztheit, die sich jahrelang absurderweise nur mit Alkohol, kiloweise Kokain und anderen Drogen in Schach halten ließ und Stuckrad-Barre durch vier Entzugskliniken begleitete.

Die panische Angst, „runterzukommen“, vielleicht mal durchzuatmen, ein Projekt zu beenden und die Klappe zu halten, ließ ihn immer wieder zum weißen Pulver greifen, bloß nicht nüchtern werden: „Manchmal schlief ich wohl 36 Stunden, manchmal auch nur zwei, es war alles nicht so klar und sollte das auch auf gar keinen Fall werden, also machte ich direkt, noch im Bett, weiter.“ Die Welt um ihn herum dreht sich, klare Gedanken sind Mangelware – nur die Liebe zu den Texten von Udo Lindenberg und dem Sänger persönlich halten ihn am Leben.

Mit „Panikherz“ geht man als Leser direkt hinein in dieses panische Herz, beobachtet Aufstieg und Verfall des Benjamin von Stuckrad-Barre, taucht mit ihm tief in die Sucht ein, dreht sich mit ihm in den Gedankenspiralen eines Drogenabhängigen immer und immer wieder um ihn selbst. Schon das Lesen erzeugt mitunter einem Rausch nicht unähnliche Gefühle: Herzklopfen, schnellerer Puls, Ruhelosigkeit. Ich konnte das Buch nicht weglegen, brauchte zwischendurch einen beruhigenden Kräutertee, las dann Seite für Seite weiter, bis meine Augen vor Müdigkeit zufielen. Benjamin von Stuckrad-Barre is back – und ich sage es, wie der Autor das im Buch immer wieder tut, in GROSSBUCHSTABEN: Das ist GROSSARTIG!

//Geeignet für//
Alle die wissen: Popliteratur lebt! Fans der ersten Stunde, Nostalgiker und alle, die sich gerne in einen Rausch lesen

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz„. Kiepenheuer & Witsch, 2016. Gebunden, 576 Seiten, 22,99€. ISBN: 978-3-462-04885-8

Kategorie Allgemein

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