Aus Liebe zur Kunst

Kunst

Was ist eigentlich moderne Kunst und kann man sie journalistisch bearbeiten? Die Essays von Wolfgang Müller sind eine Sammlung messerstichscharfer Sätze – das ist ziemlich gut!


Das häufigste Missverständnis von Künstlern ist, dass sie davon überzeugt sind, besonders individuell zu sein. Oder dass sie glauben, eine Botschaft zu haben. Dabei ist jeder Mensch individuell und vermittelt irgendwelche Botschaften.“

Kurz nachdem ich endgültig nach Berlin gezogen war, bekam ich die Stelle als Online-Redakteurin bei einem kleinen, aber darum nicht weniger professionellen Kunstmagazin mit Sitz im Herzen Kreuzbergs. Ich hatte mich schon immer für Kunst interessiert und war seit frühester Teenager-Zeit jährlich zur Art Cologne und fünfjährig zur documenta nach Kassel gepilgert – aber mit dem Kunstbetrieb in der Hauptstadt kannte ich mich noch nicht aus. In den folgenden Jahren durchlief ich eine harte Schulung von Hedonismus, High Heels und Heuchelei, lernte, mit Kamera, Pressemappe, Lachs-Häppchen und Champagner-Glas gleichzeitig zu jonglieren und dabei den Lippenstift nicht zu verschmieren. Und äh – was war mit der Kunst?

Über zeitgenössische Kunst zu schreiben, sie überhaupt erst einmal aufzunehmen und zu analysieren, ist gar nicht so einfach und braucht Übung. Wolfgang Müller hat davon eine ganze Menge: Seit vielen Jahren schreibt er für Magazine und Tageszeitungen über Ausstellungen und den Kunstbetrieb an sich; letzteren kennt er nicht nur aus der Perspektive des Journalisten und Publizisten, sondern auch vom Standpunkt des Künstlers selbst: 1980, da hatte er gerade mit dem Studium an der Hochschule der Künste (die heutige Universität der Künste) in Berlin begonnen, gründete er mit einem Freund die Band „Die Tödliche Doris“. 1989 brachte er das Album „BAT“ heraus, auf dem er die Ultraschallaute von Fledermäusen hörbar machte und das heutzutage Kultstatus erreicht hat. Sein 2013 erschienenes Buch Subkultur Westberlin 1979 – 1989 las ich damals selbst mit großem Interesse.

Wer so tief verankert ist in Berlin und der Kunstszene, dem sieht man es nach, wenn er mit ziemlich spitzer Feder zugange ist und dabei ohne Scheu das ausformuliert, wo andere Feuilletonisten sich gerne mit hanebüchenem Wortgeschwurbel drumherum winden:

Das ist sehr oft das Problem mit politischer Kunst. Sie mag intentional auf der richtigen Seite stehen, heischt so natürlich auch um Zustimmung und Aufmerksamkeit – was völlig legitim ist -, ist künstlerisch gesehen trotzdem banaler, dummer Mist.“

Nach dem ersten gedanklichen Huch, das ist aber gleich auf die Zwölf, kommt die Zustimmung: Ja, so hätte ich es auch gerne ausgedrückt. Politische Kunst hat ohne Zweifel ihre Legitimation, doch ziehen sich gefühlt unzählige Künstler*innen, die aus eigener Kraft heraus wenig bis gar nichts zu sagen hätten, in den letzten Jahren immer stärker hinter diese Kunstform zurück – offen gesagt ist das einfach nur noch langweilig.

Dass mir die Essays von Wolfgang Müller gleich mit der ersten Seite so viel Freude bereitet haben, liegt nicht nur an seinem mal klaren, mal feuilletonistisch aufgemotzten Sprachstil, sondern selbstredend daran, dass ich in vielen der Ausstellungen, die ihn ratlos zurückgelassen haben, ebenso ratlos vor der als Kunst deklarierten Anhäufung von Gegenständen stand. Doch Müller schreibt nicht nur über die Kunstblase rund um die Galerienszene in Berlin-Mitte, sein essayistisches Spektrum umfasst eine weite Spanne von DADA und Arno Schmidt über die Insel Westberlin bis hin zu den eingelegten Tieren von Damien Hirst. Das ist sicherlich am spannendsten für alle Leser, die sich ein wenig auskennen in der hiesigen Cliquenwirtschaft – aber nicht minder lesenswert für alle, die einfach nur gute Texte zur Kunst lesen möchten!

Wolfgang Müller
Aus Liebe zur Kunst. Essays
Verbrecher Verlag, 2018.
Broschur, 168 Seiten, 16,-€
ISBN 9783957323118

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree