Babylon Berlin für die Ohren

Berlin

Bei mir stapeln sich die ungelesen Bücher auf dem Schreibtisch – und ich höre stattdessen ein Hörspiel: „Die juten Sitten“ ist feinste Unterhaltung!

Natürlich war mir das bekannt: Wenn man sich stunden-, tagelang mit einem Buch beschäftigt hat und zur letzten Seite gelangt, kann der Abschiedsschmerz von den Charakteren tatsächlich sehr groß sein. Geht das auch bei Hörspielen? Oh ja – vor allem dann, wenn es auch noch in einer meiner Lieblingsepochen spielt: Den „wilden Zwanzigern“. Und in Berlin natürlich.

Die juten Sitten wird aus der Perspektive von Hedi erzählt: Die sitzt in den Fünfziger Jahren einem Gefängnis in den USA, weil sie einen Mann erschossen hat. Warum? Das möchte auch ein Journalist der New York Times wissen, der sie regelmäßig besucht. Aber anstatt ihre Tat zu erklären, verliert sich Hedi bei jedem Treffen in ihren Erinnerungen an ihrer Kindheit Ende der Zwanziger Jahre: Sie wuchs in der „Ritze“ auf, einem Bordell in der Mulackstraße in Berlin-Mitte, mit einer Puffmutter Minna als Oma und zwei Prostituierten als Ersatzmütter. Ihre leibliche ist früh gestorben (so genau wird das nicht ausgeführt) und ihr Vater Fritz, der als Gigolo im Adlon reiche, alte Damen verführt, hat wenig Interesse an seinem Sprössling.

Aufwachsen in der Unterwelt

Die „Mulackritze“ gab es wirklich, sie war eine der schummerigsten Spelunken im ehemaligen Scheunenviertel (ihre Einrichtung ist übrigens vollständig erhalten und kann im Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf angeschaut werden!). In Curt Morecks Führer durch das lasterhafte Berlin von 1931 wird sie zwar nicht direkt erwähnt, jedoch das Viertel drumherum als Zentrum der Unterwelt: Mit „mehr oder minder honetten Kneipen“, in denen sich Arbeiter und Verbrecher tummeln und auch mal der ein oder andere Gast aus dem „Westen“ der Stadt – für das gepflegte Gruseln.

Sitten

Wie wird man geprägt, wenn als Kind unter Frauen lebt, die ihren Körper für Geld verkaufen? Da ist zum einen Colette, die gut aussehende junge Frau mit dem niedlichen französischen Akzent, die jeden Freier als ihren „liebsten“ bezeichnet und akribisch, fast schon neurotisch, auf die Sauberkeit ihres Körpers achtet. Und nebenan wohnt Natalia, die russische Domina mit dem pechschwarzen Bubikopf, die für die harten Sachen zuständig ist: Ihre Kunden lassen sich mit Vorliebe von ihr auspeitschen, bis sie blutig sind und nur noch wimmern können.

Klingt brutal? Wer bei Die juten Sitten auf ein kuscheliges Hörspiel hofft, liegt falsch. Ganz der Zeit entsprechend wird hier fröhlich gesoffen, mit Drogen experimentiert, Lust und Schmerz ausgekostet, geprügelt und gevögelt: In der „Ritze“ ist alles möglich. Garniert mit korrupten Polizisten, brutalen Stricherjungen und einer derben Sprache, die den Hinweis „Audible weist darauf hin, dass dieser Titel für Hörer unter 18 Jahren nicht geeignet ist“ auf jeden Fall nötig macht. Das (plus diverse akustische Untermalungen, die ein Hörspiel von einem Hörbuch unterscheiden) macht die Geschichte bzw. Szenerie aber auch so authentisch, dass sich beim Hören die „Ritze“ mit allen Details vor mir entwickelte, ich jede raschelnde Kleiderfalte, jede ausgetrunkene Molle im Gastraum und jedes vor Schmerz oder Lust verzogene Gesicht ziemlich lebendig vor meinem inneren Auge sehen konnte.

Sitten

Am Ende der achteinhalb Stunden wurden eine Menge Geheimnisse aufgedeckt und sind neue entstanden, wartet die Hedi der Fünfzigerjahre auf ihre Hinrichtung und ist auch der Journalist der New York Times zu einigen bahnbrechenden Erkenntnissen gekommen – und wir als Hörer möchten sie nicht verlassen: Die liebevolle Bordellmutter Minna; Colette, die nur geliebt werden will; Natalia, die tief in sich drin ein weiches Herz hat; Fritz, der auch nur ein Mensch mit Neurosen ist und natürlich die kleine Hedi, die später zu einem bekannten Filmstar in Hollywood wurde, sich dann aber die Karriere durch den Mord zerstörte. Kann ich bitte mehr davon haben?

Die juten Sitten
Goldene Zwanziger. Dreckige Wahrheiten
Erschienen bei Audible