Rosa und die Unsicherheit einer Generation: Barbara Kenneweg im Interview

Mir passiert es nicht so häufig, dass ich ein Buch zur Seite legen muss – nicht, weil es mich langweilt, sondern weil es mich emotional so berührt.

Bei „Haus für eine Person“, dem Debütroman von Barbara Kenneweg, war dies der Fall. Die Geschichte von Rosa, die sich mit Anfang 30 von ihrem alten Leben lossagt, um am Stadtrand anonym ganz neu zu beginnen, empfand ich als besonders intensiv. Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die Gelegenheit, die sehr charismatische Autorin auf ein Gespräch über ihren Erstling zu treffen. Ist ihr Buch programmatisch für die Verlorenheit einer Generation?

Frau Kenneweg, wie kam es zu der Idee für diesen Roman?

Ehrlich gesagt: Solche Arbeitsprozesse sind ja immer auch ein Geheimnis. Und zwar ein Geheimnis, das man selbst anfangs nicht kennt. Ich wurde auch schon gefragt, was meine Absicht war, als ich diesen Roman geschrieben habe – das zum Beispiel könnte ich in dieser simplen Form gar nicht beantworten. Ich beginne etwas, weil es mich dahin zieht, aber ohne das ich Antworten hätte. Ohne, dass ich einen klaren Fahrplan hätte. Bei diesem Roman war es so, dass es zwei große Quellen oder Wünsche bei mir gab. Die Geschichte ist überhaupt nicht autobiographisch, aber das Viertel ist sehr dokumentarisch beschrieben, das gibt es tatsächlich. Ich bin – wenn auch unter vollkommen anderen Umständen als die Protagonistin – in dieses Viertel umgezogen und habe die Umgebung sehr bewusst wahrgenommen.

Um die Ecke von mir stand wirklich so ein winziges Haus im spitzen Winkel, das sehr kurios aussah und meine Phantasie beflügelt hat. Ich musste mir vorstellen wie es wäre, wenn eine alleinstehende Person in dieses Haus zieht, eine wesentlich jüngere Person – an diesen Ort, an dem fast nur ältere Menschen wohnen. Und daraus ergab sich dann nach und nach die Geschichte. Von Anfang an war für mich klar, und das war die zweite große Quelle, dass ich keinen gewöhnlichen Handlungsbogen schreiben will. Die Frage war für mich, wie sich das Leben wirklich anfühlt. Deswegen habe ich versucht, tief in diese Figur hineinzuschlüpfen und aufzuschreiben, wie sich ihr Leben von Sekunde zu Sekunde entwickelt. Ich habe versucht festzuhalten, wie Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen und sich aus diesen kleinteiligen Dingen Entscheidungen ergeben, die letztlich unseren Lebensweg ausmachen…

Diese Verknüpfung von Wahrnehmungen, geht die in unserer heutigen, schnellen Welt verloren?

Ich denke in der Regel bekommen wir nicht bewusst mit, wie wir innerlich funktionieren. Das Leben ist viel zu laut – vielleicht war es das aber auch schon immer. Es braucht sehr viel Aufmerksamkeit, um mitzubekommen, was ich selber eigentlich den ganzen Tag tue in meinem Kopf. Ich glaube, dass wir inzwischen fast alle soweit sind zu wissen, dass man nur etwas verändern kann, wenn man bei sich selbst anfängt. Von daher ist diese Innenschau ganz allgemein eine wichtige Sache und vor allem ein Abenteuer – vielleicht das größte Abenteuer des 21. Jahrhunderts. Ohne nach Innen zu schauen macht es wenig Sinn, nach Außen zu schauen.

Wollen wir denn überhaupt wissen, was sich in uns verbirgt?

Meistens wollen wir das gar nicht wissen! Das, was uns alles umgibt, empfinden viele Leute als Last, aber es ist natürlich andererseits auch eine willkommene Flucht. Man kann sich wunderbar die ganze Zeit beschäftigt halten und immer nach außen schauen, ohne mitzubekommen, was mit einem los ist. Und plötzlich, vielleicht mit Mitte 40 oder 50, packt einen die große Krise.

Rosa

Rosa, die Hauptfigur in Ihrem Roman, ist aber erst Anfang 30. Sie zieht sich komplett zurück, um wieder zu sich selbst zu finden. Ist diese Krise auch programmatisch für diese Generation?

Rosa muss das ganz bestimmt machen, aber ich weiß nicht, ob das eine ganze Generation so sieht. Für sie ist es der einzig mögliche Schritt, aber auch weil sie sich wirklich verirrt hat. Sie hat bemerkt, dass sie sich nur besinnen kann, wenn sie eine gewisse Ruhe von diesen Dingen bekommt. Das liegt aber auch daran – und das ist vielleicht doch programmatisch für die Generation – dass die Welt so unglaublich vielfältig geworden ist, durch die ganzen Informationen, die verfügbar sind. Das finde ich einerseits phantastisch und nutze es selbst sehr aktiv, aber es ist eben auch eine riesige Herausforderung: man muss unglaublich stark filtern. Im Falle von Rosa nimmt es außerdem die Notwendigkeiten weg: Die Welt ist so groß, die Möglichkeiten ebenfalls, aber nichts ist notwendig. Sie muss für sich herausfinden, was für sie eigentlich wichtig ist.

„Vielleicht ist meine Generation so unsicher und antriebsschwach, weil sie von Kindesbeinen an immer wieder erfahren hat, nicht gebraucht zu werden“, heißt es im Roman. Schaut man sich Rosa an, vor allem in Kontrast zu ihrer alten Nachbarin, die „fünf Kinder in drei politischen Systemen großgezogen hat“, wirkt sie regelrecht langweilig dagegen. Ist sie also auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens?

Das ist ein sehr heikles Thema! Wenn man sich in einer Situation befindet, wie Krieg, Armut etc., die absolut existentiell ist, weiß man meistens genau, was zu tun ist. Zum Beispiel, seine Kinder durchzubringen, dafür zu sorgen, dass sie etwas zu essen haben. So entsetzlich das ist, so klar ist es auch. Ich will das in keiner Weise idealisieren oder verharmlosen. Aber Rosas Generation steht natürlich vor dem gegenteiligen Problem: Es scheint gar nichts mehr von Notwendigkeit zu sein, die Welt dreht sich auch ohne Rosa und ihre Zeitgenossen. Das ist eine ganz andere Art von Schwierigkeit und echter Herausforderung. Rosa ist eine der wenigen Menschen, die sich dieser Sache stellt, die es ganz unverblümt an sich ran lässt. Ich weiß nicht, ob sie ihre Nachbarin Frau Paul nicht manchmal ein bisschen beneidet, weil das schwere Leben einfacher erscheint. Das ist es im Endeffekt wahrscheinlich nicht, aber wir brauchen ein sehr hohes Maß an Klarheit oder Selbstbestimmtheit, um die Freiheiten, die wir haben, wirklich nutzen zu können.

Ich hatte auch den Eindruck, dass Rosa gelegentlich neidisch auf ihre alte Nachbarin ist, die so viel durchgemacht hat. Ist dadurch bei ihr auch der Gedanke entstanden, ihr Kind ganz allein auf die Welt zu bringen oder war das eher ein Zufall?

Ich würde nicht sagen, dass sie es darauf angelegt hat. Ihre ganze Handlungsweise könnte man aus einem soliden Standpunkt heraus auch als verantwortungslos bezeichnen. Sie bereitet sich nicht wirklich auf die Geburt vor, sie hat kein soziales Netzwerk mehr. Wahrscheinlich, ohne dass es ihr bewusst ist, sucht sie schon die Extremsituation. Ich glaube, dass sie das nicht absichtlich macht, aber sie nimmt billigend in Kauf, das es zu so etwas kommen könnte. Und so kommt es ja letztendlich auch.

Vielen Dank für das Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree