Berliner Verlagspreis 2021

Berliner Verlagspreis

Am 7. November wird zum vierten Mal der Berliner Verlagspreis vergeben. Ich gehöre zu den Bloggerinnen – und stelle euch zwei der nominierten Verlage vor.

In Deutschland gibt es unzählige Verlage, etliche davon sitzen in Berlin – und die konnten sich für den Berliner Verlagspreis bewerben, der seit 2018 vergeben wird und dessen Hauptpreis mit 35.000 Euro dotiert ist. Über 70 Bewerbungen gingen ein, sechs davon kamen auf die Shortlist. Als diesjährige Bloggerin für den Preis – zusammen mit Elina von Hauptstadtmutti und Anne von anne.liest.buecher habe ich die schöne Aufgabe, zwei der potentiellen Gewinner vorzustellen. Und das sind?

mikrotext Verlag

mikrotext

Nikola Richter in ihrem Büro in Neukölln / Foto: Fräulein Julia

Nikola Richter zu treffen bereitet mir immer wieder Freude: Wir kennen uns bereits seit fast zehn Jahren; 2013 hatte ich sie zu einem „New Storytelling“-Kreativwettbewerb nach München eingeladen, den ich zusammen mit Microsoft für Literaturblogger*innen organisierte. 2013 war auch das Jahr, in dem sie mit den Berliner Festspielen die „Netzkultur“ organisierte – und in dem ihr Verlag das Licht der Welt erblickte. Einen Verlag habe sie schon als Mädchen in ihrem Kinderzimmer gegründet, erzählt sie mir, als ich sie an einem grauen Tag in ihrem Büro in Neukölln besuche. Nach einem Literaturwissenschaftsstudium, Stationen in einem Kinderbuchverlag und beim Konkursbuchverlag und mehreren Jahren im Kulturjournalismus enstand dann auch ein echter: mikrotext, der Verlag für Texte mit Haltung und für neue Narrative.

Neue Narrative, das können zum Beispiel Facebook-Posts von Aboud Saeed sein, der 2011 während des Aufstands der Bevölkerung in Syrien regelmäßig Kurztexte in dem sozialen Netzwerk veröffentlichte und diese bei mikrotext unter Der klügste Mensch im Facebook publizierte. Demnächst erscheint sein neues Buch Die ganze Geschichte. Oder die urbanen Märchen unter dem Titel Eine Zusammenfassung von allem, was war der ebenfalls syrischen Autorin Rasha Abbas; der aberwitzige Text Wie man mit einem Mann unglücklich wird von Ruth Herzberg oder Sarah Khan, die in Wochenendhaus über den Umbau einer alten Dorfschule zu einem Häuschen im Grünen schreibt. Alle Bücher sind auch als E-Book erhältlich.

Im vergangenen Jahr wagte Nikola Richter mit dem Projekt „Offener Verlag“ etwas, das sich wohl nur wenige trauen würden: Verleger*innen konnten sich bei ihr mit eigenen Publikationsideen bewerben, sechs Bücher sind letztendlich daraus entstanden. Eine dezentrale Arbeit, die sich in Zeiten des Home Office und physischer Distanz als passend herausstellte, erzählt mir Nikola. Nachdem sie bereits 2019 und 2020 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde, ist sie nun für den Berliner Verlagspreis nominiert.

Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Berliner Verlagspreis

Peter Graf in seiner kleinen Buchhandlung im Winskiez / Foto: Fräulein Julia

Seit seiner Gründung 2017 habe ich den Verlag „Das kulturelle Gedächtnis“ aufmerksam verfolgt. Vier Bücher erscheinen dort pro Saison, die sich visuell wie inhaltlich abheben von der Masse auf dem Buchmarkt: Es geht unter anderem um die Gartenstadtbewegung der Jahrhundertwende, ’nature writing‘ aus Kanada von Emily Carr (über das ich in meinem anderen Blog LiteratUrwald schrieb), Hans und Sophie Scholl, um das Berliner Scheunviertel während der Weimarer Republik und die Protestbewegung in Belarus. Kurz: Da ist von allem etwas dabei.

Oft, das erzählt mir Verleger Peter Graf als ich ihn in seinen Verlagsräumen in Prenzlauer Berg besuche (die seit kurzem auch eine Buchhandlung für Bücher aus unabhängigen Verlagen sind), handle es sich dabei um wiederentdeckte Texte aus früheren Jahrzehnten. Auf die stößt er zum Beispiel, indem er in Archiven recherchiert oder Literaturkritiken aus dem frühen 20. Jahrhundert liest. „Unser, zugegeben etwas hochtrabend klingender Verlagsname suggeriert ja schon, dass sich die Bücher in einer Form mit der Vergangenheit beschäftigen“, so Graf. Weil er den Verlag nicht alleine führt, sondern mit drei Bekannten, die allesamt aus dem Verlagswesen stammen, aber unterschiedliche Interessen haben, entsteht die oben erwähnte vielfältige Mischung.

Wichtig ist Graf und seinen Mitverlegern dabei, dass die Bücher einen Wiedererkennungswert haben: Zwar gibt es unterschiedliche Formate bezogen auf die Größe der Bücher, doch ist das Layout des Titelbilds stets ähnlich. Auch der bunte Farbschnitt der Seiten gehört als Markenzeichen zum Verlag dazu. Es sind Bücher, die man einfach gerne im Regal stehen hat.