Bis dass der Tod uns scheidet

Claude

Krieg und Frieden, Surrealismus und Liebe: In „Never anyone but you“ erzählt Rupert Thomson von der unverwüstlichen Beziehung zweier mutiger Frauen.

Als Suzanne 1972 stirbt, blickt sie auf 40 gemeinsame Jahre mit Lucie zurück – Jahre in den Künstlerkreisen von Paris und in der Abgeschiedenheit der Insel Jersey, Jahre von Selbstzweifel und zugleich überragendem Mut. Würde sie es noch einmal genauso machen?

Lucie und Suzanne lernen sich 1909 in Nantes kennen, beide noch im zarten Teenageralter, aber schon längst fähig für romantische Gefühle – je häufiger sie sich treffen und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto stärker wird ihre Zuneigung zueinander. Darüber, dass sie sich verliebt und entschieden haben, eine Beziehung miteinander zu führen, breiten sie einen Deckmantel des Schweigens aus – Homosexualität ist in ihren Kreisen nicht salonfähig. Lucie, schon immer eine radikale Person, die sie nicht um die Meinung ihres Umfelds schert, zieht Suzanne mit ihrer zwischen Übermut und Todessehnsucht changierenden Leidenschaft in den Bann:

„Ich habe das Gefühl, dass ich aufhöre zu existieren, wenn du den Blick von mir abwendest.“ Sie wirkte erstaunt, fast so, als wäre das, was sie gesagt hatte, für sie selbst eine Offenbarung, als wäre es eine dieser Wahrheiten, deren man sich erst völlig bewusst wird, wenn man die Worte dafür findet. „Wenn du mich nicht anschaust, ist es, als würde ich verschwinden.“

 

Es spielt den Beiden in die Hände, dass Lucies Vater nach dem Tod seiner Frau die Mutter von Suzanne heiratet – möglicherweise hatten sie schon länger eine Affäre gepflegt – und das Liebespaar somit offiziell zu Stiefschwestern macht. Gemeinsam ziehen sie nach Paris, Lucie nimmt den Namen „Claude Cahun“ an, Suzanne nennt sich „Marcel Moore“, sie tragen ausschließlich Männerkleidung, rauchen Zigarre und tauchen nach und nach in die Kreise der Bohème ein. Sie freunden sich mit Sylvia Beach an, Inhaberin der Buchhandlung Shakespeare & Company und Joyce-Publizistin, nehmen an Zusammenkünften der Surrealisten rund um André Breton teil. Claude schreibt und fotografiert, Marcel fotografiert und illustriert Plakate und Modezeitschriften.

Claude

„Erinnerst du dich an den Abend bei Shakespeare & Company, als Joyce aus Ulysses gelesen hat? Erinnerst du dich an seine Stimme, so hell und näselnd? Er holte kaum Luft beim Lesen. Aber dieses Buch. Was für ein Buch…“

 

So erinnern sich die beiden Frauen später, in den eiskalten Wintern nach dem zweiten Weltkrieg. Den haben sie auf der Insel Jersey verbracht, angetrieben von Widerwillen, der sie fast das Leben gekostet hätte: Mit Nachrichten in leeren Zigarettenschachteln und heimlich getippten Flugblättern versuchen sie, das System der auf der Insel stationierten Nationalsozialisten zu unterwandern und die Soldaten zum Widerstand aufzufordern. Stattdessen landen sie im Gefängnis – und lassen sich trotz aller Entbehrungen nicht brechen.

In welche Sparte könnte man Never anyone but you einsortieren, welche Schlagworte werden diesem Buch gerecht? Ist es ein Künstlerroman, eine queere Liebesgeschichte, eine Erzählung aus dem Widerstand, eine Darstellung radikalen Mutes? Welche Rolle spielt es, dass Claude Cahun und Marcel Moore tatsächlich existierten, der Autor sich an ihrer Lebensgeschichte orientierte und sie für das Buch mit ausgedachten Szenen schmückte?

Never anyone but you ist mehr als eine literarische Biographie der beiden Frauen, es ist die Erzählung zweier starker Persönlichkeiten, die die Leser vom ersten Satz an in den Bann zieht – unter anderem durch die ausdrucksstarke Charakterisierung der beiden eigenwilligen Persönlichkeiten und ihrer tiefgehenden Verbindung. Sie wirft außerdem Fragen auf nach dem heutigen Umgang mit Beziehungen und warum diese scheinbar bei den kleinsten Erschütterungen zerbrechen – anders als bei Lucie und Suzanne, die ihre lebenslang geschworene Treue bis zum Ende einhielten. Ein Buch das, ob fiktiv ausgeschmückt oder nicht, dank seiner Intensität einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Rupert Thomson
Never anyone but you
Aus dem Englischen übersetzt von Daniel Schreiber
secession Verlag, 2019
Gebunden, 414 Seiten, 26,- Euro

Foto oben: Claude Cahun, Selbstporträt, 1929

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