„Bis zum Schluss wusste ich nicht, wie die Geschichte ausgehen würde“

BudapestFoto: Nikoletta Kiss

„Das Licht vergangener Tage“: Der Roman von Nikoletta Kiss spielt vor dem Hintergrund des ungarischen Volksaufstandes 1956. Ich habe mit der Autorin über ihr Debüt gesprochen.

„Zwei Frauen zwischen Berlin und Budapest, zwischen Liebe, Verlust und der Sehnsucht nach einem erfüllten Leben“ steht auf dem Klappentext; eine Zusammenfassung, die für mich ein bisschen nach Genreliteratur klingt und mein Interesse für gewöhnlich nicht wecken würde. Doch im Fall von Das Licht vergangener Tage merkte ich trotzdem auf: Eine Erzählebene spielt 2017 in Berlin, eine andere ab 1949 in Budapest. Was weiß ich über diese Zeit in Ungarn? Zugegeben nicht besonders viel, außer, dass sich das Land damals hinter dem Eisernen Vorhang befand. Der Roman, der mich tatsächlich recht schnell zwischen die Seiten zog, bot also eine gute Möglichkeit, diese Bildungslücke zu füllen – und der gebürtigen Ungarin außerdem ein paar Fragen zu stellen.

Liebe Nikoletta, dein Roman spielt Ende der 1940er Jahre in Budapest und in unserer Gegenwart in Berlin. Warum hast du gerade diese Zeiten gewählt?

Ich habe Erfahrungsberichte gelesen über die Budapester Deportationen 1951 und war überrascht, dass dieses Thema in den ungarischen Geschichtsbüchern meiner Jugend Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre nicht vorkam. Nach der Machtergreifung der Kommunistischen Partei (1949) wurden in Budapest ca. fünftausend Familien enteignet und in ländliche Gebiete deportiert. Es handelte sich um das Budapester Großbürgertum, Aristokraten und Intellektuelle, die für das neue kommunistische Weltbild eine vermeintliche Gefahr darstellten. Noch heute sind die historischen Ereignisse der 50er Jahre in vielen ungarischen Familien ein Tabu.

So war es auch lange Zeit in meiner. Mein Großvater war während des Volksaufstandes 1956 ein junger Soldat in der Armee. Er hatte den Auftrag, die „Konterrevolution“ mit der Waffe niederzuschlagen. Sein bester Freund war einer der Soldaten, die sich auf die Seite der Aufständischen stellten und die Waffenkammern öffneten. Die beiden Männer waren ein Leben lang Freude geblieben. Dennoch konnten wir in der Familie nie darüber reden, was in diesen Tagen der Revolution genau geschehen war. Nur so war ein weiteres Zusammenleben möglich. Mein Roman ist nicht autobiographisch. Dieser familiäre Hintergrund hat jedoch mein Interesse an dem historischen Stoff geweckt. Und so hat sich mir ein Roman aufgedrängt.

Worum geht es in dem Buch genau?

Den Kern des Romans bildet die Geschichte von Rebeka und István, die in den 1950er Jahren in Ungarn spielt. Diese Geschichte und ihre Figuren sind über ein Jahrzehnt lang in mir gereift. Vielleicht spürt man beim Lesen, dass die Gegenwartsebene diese Zeit zum Reifen nicht hatte. Sie ist im Nachhinein entstanden, nachdem ich mir die Frage gestellte hatte, welche Relevanz der Roman für unsere Gegenwart hat.

Ich hatte das Bedürfnis diesen Bezug herzustellen: Ein zentrales Thema des Romans ist die Suche nach dem Entwurf eines sinnstiftenden Lebens. Wählt Rebeka die Liebe oder die finanzielle Sicherheit mit dem dazugehörenden Platz in der Gesellschaft? Lässt sich István von dem sozialistischen Kunstbetrieb instrumentalisieren oder lehnt er sich auf? Ist der Rückzug in die innere Emigration eine Resignation? Findet man Glück durch Familie und die kleinen Freuden des Alltags oder liegt die Erfüllung darin, Karriere zu machen oder etwas zu schaffen, das nach uns bleibt?

Während Rebeka ein Leben lang im Widerstand lebt und für ihre individuelle Freiheit und Selbstbestimmung kämpft, lebt ihre Enkelin Anna ein freizügiges Leben in unserer privilegierten Gegenwart, in der sie alle Wahlmöglichkeiten hat. Kein Lebensweg ist heute falsch oder richtig, doch das jeweils andere Leben erscheint oft als das Verpasste. Annas Leben wirkt auf den ersten Blick als das so viel einfachere im Vergleich zu Rebekas Vergangenheit; wahrscheinlich ist es so – aber ist es wirklich so simpel?

Im Mittelpunkt steht nicht nur die Liebe zwischen Rebeka und István, sondern auch die sozialistischen Aufstände. Was hat dich an diesem Thema fasziniert?

Der Volksaufstand 1956 war eine Zäsur in der ungarischen Geschichte. Alles begann mit einer friedlichen Sympathiekundgebung der Budapester Studenten für die Polen und entwickelte sich über Nacht in einen verbitterten Freiheitskampf der Ungarn gegen die kommunistisch-stalinistische Diktatur. In den knapp drei Wochen andauernder Kämpfe verloren über dreitausend Menschen ihr Leben und über zweihunderttausend flüchteten ins Ausland. Die Sowjets schickten Panzer und schlugen den Volksaufstand nieder. Trotzdem führte dieser Kampf zu einer Liberalisierung der sozialistischen Gesellschaft in Ungarn.

Mich fasziniert (wie auch meinen Protagonisten István) der Prozess, in dem aus der brodelnden Unzufriedenheit einer unterdrückten Bevölkerung plötzlich eine Revolution entsteht und wie unterschiedlich Individuen damit umgehen. Jeder einzelne wurde in diesen Wochen moralisch und menschlich auf die Probe gestellt. Es gab Helden und Anti-Helden, Gegner und Verteidiger der kommunistischen Idee und Realität. Und es gab die Masse, Menschen mit umgehängten Waffen, die von der Dynamik der Masse mitgerissen wurden.

„Der Auslagerungsbefehl gab ihnen vierundzwanzig Stunden, das Nötigste zusammenzupacken, nicht mehr als fünfzig Kilogramm pro Person. Das sei eine Unverschämtheit, brüllte Bárdossy, als nichts mehr half. Die Männer gaben sich unbeeindruckt. Morgen um die gleiche Zeit käme der Laster, sagte der eine mit starrer Miene.“

Wie schafft man es, ein Jahrzehnt, das man nicht erlebt hat, lebendig werden zu lassen und dabei authentisch zu bleiben? Wie hast du dazu recherchiert?

Diese Frage habe ich mir selbst oft gestellt: Ist es eine Anmaßung über eine Zeit zu schreiben, die ich selbst nicht miterlebt habe? Ich habe über ein Jahr lang mit Recherchen verbracht und, vor lauter Respekt, nicht zu schreiben begonnen. Die Recherchen haben dann die Entstehung des Romans natürlich bis zum Schluss begleitet. Ich habe Erfahrungsberichte von Ausgelagerten gelesen, historische Fakten studiert, Biographien, auch Romane gelesen und mich mit vielen Zeitzeugen unterhalten. Viele Anekdoten aus der Kindheit meines Vaters auf dem Land sind in die Landszenen eingeflossen.

Das künstlerische Schaffen meiner Figur István ist stark inspiriert von dem mir verehrten ungarischen Maler und Grafiker Béla Kondor (1931-1972). Istváns künstlerisches Werk, sein Antrieb als Künstler, Teile seiner professionellen Biographie habe ich von Béla Kondor entliehen. Es wäre aber falsch, in der Figur Istváns den Künstler Kondor zu suchen. Istváns Persönlichkeit und die Handlung selbst sind frei erfunden. Ich musste sehr viel lesen, viel wissen über meine Figuren und die Zeit in der sie lebten, bevor ich glaubte sie richtig zu kennen. Erst da konnte ich ihre Geschichte aufschreiben.

„Das Licht vergangener Tage“ ist dein erster Roman. Wie lange hast du daran gearbeitet?

Ich habe im Jahre 2008 mit den Recherchen begonnen. Jahrelang war dieser Roman mein ganz privates Vergnügen, ein Hobby, das ich nicht gewagt hätte, ein Romanprojekt zu nennen. Ich habe neben meinem eigentlichen Beruf, später zusätzlich neben unseren zwei kleinen Kindern an den Abenden, Wochenenden, im Urlaub jede freie Stunde zum Schreiben genutzt. Durch diese „Ablenkungen“ hat es so lange gedauert.

Hattest du von Anfang eine klare Struktur für die Geschichte und die Charaktere oder hat sich im Laufe des Schreibens etwas verändert?

Ich haben durch meinen Beruf als Unternehmensberaterin einen stark analytischen Hintergrund. Ich brauche Struktur und muss genau wissen wie die Handlung verläuft, wer meine Charaktere sind. Doch natürlich entwickeln sich die Figuren während des Schreibens anders als erwartet. Ich habe neue Ideen, entdecke neue Motive, neue Aspekte ihres Innenlebens, neue Wendungen der Handlung. So wird die Geschichte immer komplexer. Meine Anfangsplanung ähnelt einem Rohbau. Der Ausbau, das Detail, der Schliff, das alles passiert im Laufe des Schreibens. Bis zum Schluss wusste ich nicht, wie die Geschichte ausgehen würde.

Doch als ich am Ende angelangt war, hatte ich als Autorin kaum noch Freiheiten. Das Ende ergab sich als Funktion aus den bisherigen Ereignissen, den Entscheidungen, der Herkunft, der Persönlichkeit meiner Figuren. Es hätte für mich nicht anders ausgehen können. Es war eine Herausforderung und brauchte eine strukturierte Herangehensweise, die zwei Zeitebenen so miteinander zu verweben, dass der Spannungsbogen beim Lesen gehalten wird, dass sich dem Leser zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Informationen erschließen. Ich plante alles mit Excel-Tabellen, auch das ist eine Beraterkrankheit.

Budapest

Du wurdest selbst in Budapest geboren, bist aber in Berlin aufgewachsen. Was verbindet dich persönlich mit der Stadt deiner Geburt?

Ich war sechs Jahre alt als meine Eltern berufsbedingt aus Budapest nach Ost-Berlin zogen. Obwohl ich seither nie länger als ein paar Monate am Stück in Budapest gelebt habe, fühle ich mich mit der Stadt tief verbunden. Seit wir in Wien leben, ist die ungarische Sprache, die ungarische Kultur sehr nah. Das genieße ich sehr. Als Kind und als Jugendliche verbrachte ich jeden Sommer bei meiner Großmutter am Balaton und in Ferienlagern. Ich wollte so sein und so sprechen wie meine ungarischen Freunde. Ich sprach ein akzentfreies, gutes Ungarisch, doch es war die Sprache meiner Eltern. Jedes Jahr hatte mich die aktuell angesagte Jugendsprache bereits überholt, die ich von neuem versuchte nachzuahmen. Das Schlimmste war, wenn jemand zu mir sagte, man höre mir an, dass ich „draußen“ lebe. Es implizierte, ich gehöre nicht dazu.

Hast du literarische Vorbilder?

Es gibt viele Vorbilder! Da ist Terézia Mora, die großartige Übersetzerin aus dem Ungarischen und inzwischen weltbekannte Autorin; Kristzina Tóth, die ich bewundere für ihre empfindsamen und haarscharfen Beobachtungen in ihren Kurzgeschichten; oder Noémi Kiss, die stille, alltägliche Tragödien mit einer Sprachgewalt beschreibt, die mir Gänsehaut macht. Doch meine eigentlichen Vorbilder sind nicht bestimmte Personen, sondern jedes neue Buch, das mich fasziniert. Ich versuche aus den Texten zu lernen, lese bewusst, achte auf den Aufbau, die gewählten Perspektiven, auf den Rhythmus der Sprache, auf treffende Sprachbilder. Jedes gelesene Buch entwickelt auch mein eigenes Schreiben ein wenig weiter.

Welches Buch hat dich als letztes fasziniert?

Franz Fühmanns Reisetagebuch, das er während seiner Budapest-Reise 1971 führte, hat mich tief bewegt. Es gibt Fragen, die stellt man sich nur in Budapest, schreibt Fühmann und tatsächlich geht es in diesem schlanken Bändchen um viel mehr als nur um einen wunderschönen Reisebericht.

Arbeitest du bereits an einem neuen Roman und wenn ja, was kannst du davon bereits verraten?

Ich stecke in der Phase der Recherchen zu einem neuen Roman, in der es sich anfühlt, als stünde ich vor einem riesigen Berg, den zu besteigen mir unmöglich ist; in der ich mich wieder einmal frage, ob es eine Anmaßung ist, dieses Thema auch nur anzufassen; in der ich bereits jetzt weiß, dass ich alles ganz anders und besser machen will, als in dem ersten Roman. Immerhin weiß ich schon eines: Ich weiß, was ich alles nicht weiß. Und das ist wirklich schon was.

Nikoletta Kiss
Das Licht vergangener Tage
Heyne Verlag, 2020
Paperback, 448 Seiten, 12,99 Euro