Kategorie: Rezensionen

Die DDR und der „Tag X“

Tag X

Bild: Bundesarchiv, B 285 Bild-14676 / Unbekannt / wikidata:Q4233718 / CC-BY-SA 3.0

Titus Müller hat sich für sein neues Buch den Aufstand der Arbeiter in der DDR am 17. Juni 1953 vorgenommen, den man im Nachhinein als „Tag X“ bezeichnete. Herausgekommen ist ein dichter, authentischer Roman über die Widerstände in den Anfangsjahren des „real existierenden Sozialismus“, der allerdings auch ein paar Schwächen hat.

Wie kam es dazu, dass am 17. Juni 1953 abertausende Menschen in Berlin, Leipzig, Halle und anderen Orten der noch recht jungen Deutschen Demokratischen Republik ihre Arbeit niederlegten und – mit ganz viel Wut im Bauch – auf die Straße gingen, die Auflösung der Regierung forderten, Steine warfen und sich den russischen Panzern entgegen stellten? Baute man nicht gemeinsam an der Verwirklichung einer Utopie des gemeinschaftlichen Zusammenlebens, in dem für jeden gesorgt ist?

In der Theorie klang das rosig, doch die Realität sah anders aus: In den Monaten vor dem Aufstand waren die Waren knapp geworden, wer Brot, Butter oder Milch kaufen wollte, musste lange anstehen oder hatte Pech. Anstatt sich um die Grundversorgung der Bevölkerung zu kümmern, beschließt die Regierung eine Normenerhöhung: Für den gleichen Lohn sollen die Arbeiter mehr arbeiten und bessere Ergebnisse erzielen. Man möchte den Westen überflügeln, im in den Produktionserträgen voraus sein – auf der anderen Seite der Grenze befindet sich nach Meinung der Obrigkeit außerdem so etwas wie „Sodom und Gomorrha“. Doch das lassen die Arbeiter nicht mit sich machen, in den Betrieben wird es laut:

„Wir brauchen keine Betriebsversammlung mit politischen Floskeln und Vertröstungen. Wir wollen konkret von Ihnen wissen, was die Betriebsleitung unternimmt, damit sich unsere Lebensbedingungen verbessern! Marx ist seit siebzig Jahren tot, und wir Arbeiter haben immer noch nicht genug zu essen auf dem Teller, und das im Staat der Arbeiter und Bauern!

tag xMittendrin stehen auch Nelly, Wolf, Lotte, Katharina und Marc. Alle noch relativ jung und bereit, das System zu hinterfragen: Nelly engagiert sich in Berlin bei der jungen Gemeinde der evangelischen Kirche und wird daher kurz vor dem Abitur von der Schule geworfen. Wolf ist Uhrmacher, Sohn eines SED-Funktionärs und verliebt in Nelly; nachdem er sie zu einer Gemeindesitzung begleitet, wird er von der Stasi festgenommen und zur Mitarbeit gezwungen. Lotte ist alleinerziehende Mutter von drei Jungs und arbeitet als Putzfrau in einer Fabrik in Halle – als die Aufstände beginnen, stellt sie fest, dass in ihr ganz schön viel Wut über die Verhältnisse brodelt.

Katharina und Marc geraten ebenfalls auf fatale Weise in die Demonstrationen. Und dann gibt es noch einen Erzählstrang aus der Sicht von Lawrenti Beria, dem früheren Geheimdienstchef der Sowjetunion, der nach Stalins Tod die Fäden in die Hand nehmen will und damit scheitert, sowie die Gedanken des russischen Spions Ilja, der damals für die Verschleppung von Nellys Vater nach Sibirien zuständig war und sie nun umgarnt.

Was Titus Müller hier entstehen lässt, ist ein gut recherchiertes Sittenbild der frühen 1950er Jahre und der politischen Vorgänge in der DDR, in dem viele Fäden miteinander verbunden sind. Der Autor hat gut recherchiert, manchmal sogar zu gut: Da werden in Absätze, die wenig zur restlichen Handlung beizutragen haben, etwas bemüht etliche zeitgenössische Details hineingepropft – das wirkt schnell gestelzt und überfrachtet:

Halle war ebenso die Universität. Der Dom. Händel. Man sah auf den Straßen Kohlenträger mit ihren schweren Kästen auf dem Rücken, Scherenschleifer, die ihre Wägelchen schoben, und vor einer Eisdiele die ersten Mutigen: Sie ließen sich ihre Eiskugeln auf muschelförmige Waffeln geben und setzten sich unter freiem Himmel auf die Stühle aus eisernem Gestell.

Doch auch wenn diese Stellen den Lesefluss gelegentlich zum Stocken bringen, so verzeiht man es dem Autor: Auf knapp 400 Seiten entfaltet er ein alles in allem gelungenes Zeitporträt des Jahres 1953, das ich bis zur letzten Seite nicht mehr weglegen wollte! Eine Empfehlung für alle, die etwas mehr über die Hintergründe des Aufstands wissen möchten, ohne sich durch dröge Geschichtsbücher futtern zu müssen…

Titus Müller
Der Tag X
Blessing Verlag, 2017
Gebunden, 400 Seiten, 19,99€
ISBN 978-3-89667-504-0

Im Fokus: Literatur aus Litauen

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Kurz vor und während der Leipziger Buchmesse in diesem März drehten sich viele Reportagen, Rezensionen und andersweitige Specials um das Gastland Litauen. Doch kurz danach, so erschien es mir, verpuffte die Aufmerksamkeit recht schnell wieder. Ich habe mich deshalb etwas intensiver mit dem kleinen Land im Baltikum und seiner wechselvollen Geschichte auseinandergesetzt und überlegt: Was macht Literatur aus Litauen aus? Zwei Bücher sind für mich dafür besonders prototypisch.

Den Staat Litauen findet man in den Geschichtsbüchern bereits im 13. Jahrhundert, doch eigenständig war er nicht: Tatsächlich war das südlichste Land des Baltikums bis 1917 Teil des Russischen Reichs und erlangte erst 1918 die Unabhängigkeit. Doch die währte nicht lange. 1940 gründete sich die „Litauische Sozialistische Sowjetrepublik“ und trat der Sowjetunion bei, kurz darauf übernahm die deutsche Wehrmacht das Zepter und 1945 wurde man endgültig der Sowjetunion untergeordnet. Erst 1990 erkämpfte sich das Land, das heutzutage aus knapp 3 Millionen Einwohnern besteht, zurück in die Eigenständigkeit.

Soviel Fremdbestimmung hat wohl oder übel auch Auswirkungen auf das Eigenverständnis von Kultur und Literatur. Vor allem während der Zeit der Sowjetunion stutzte man den Literaten die Flügel – auch wenn Stalin sie offiziell als „Ingenieure der menschlichen Seele“ bezeichnete, so wurde dennoch von ihnen erwartet, im Stil des „sozialistischen Realismus“ zu schreiben – aber der ist nunmal nicht so spannend. Viele Autoren zogen sich daher zurück in folkloristische Geschichten und den „magischen Realismus“ zurück, sie beriefen sich auf Märchen- und Sagengestalten ihrer Heimat und ließen Realität und Magie koexistieren.

Magischer Realismus aus Litauen: Kęstutis Navakas

Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion behielten viele Autoren diesen magischen Realismus bei. Einer davon ist Kęstutis Navakas, dessen Buch Die gelassene Katze. Cappriccios von Don Quichotte kürzlich im Corso Verlag erschienen ist. Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät, wo die Reise hingeht: „Mädchen sind reine Metaphern“, „Der Staub in meinen Kleidernähten“ und „Augen schwer wie Einkaufstaschen“ sind Titel, die bereits eine eigene Geschichte erzählen. Da kauft sich zum Beispiel Franz K. unzählige Paare roter Schuhe und erklärt ein Text, was ihn als Text bewegt.

In diese Erzählungen kann man sich komplett fallen lassen, das Steuerrad abgeben und sich von den sprachlichen Wellen und Welten, die Navakas entwirft, durchschütteln lassen:

Beschwipste Städte, Ufer, an die kein Meer schlägt, Kiele aus Beton, Segel aus Regen, die der Wind mit Leichtigkeit wegbläst, ausbläst wie Kerzen, instabil, beliebig.

 

Es sind kleine Versatzstücke erinnerter und direkt erlebter Ereignisse, oft mittendrin einsetzend und endend – „Cappriccios“ eben. Nicht immer kann der logische Verstand beim Lesen folgen, gelegentlich hängen Sätze in der Luft wie abstruse, kleine Fremdobjekte, dessen Zweck man nicht kennt. Realistisch und doch magisch!

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Der erzählende Essay: Giedra Radvilavičiūtė

Eine weitere, in Litauen sehr beliebte literarische Form ist der „erzählende Essay“. Der Begriff Essay führt hier ein bisschen in die Irre, denn mitnichten hangeln sich die AutorInnen hier an verschiedenen Thesen bis zu einer Schlußfolgerung entlang; vielmehr vermischen sich auch hier reale Erlebnisse und Fiktion mit Erinnerungen und Tatsachen zu einem offenen Konstrukt aus Novelle und Tagebucheinträgen.

Giedra Radvilavičiūtė ist eine Meisterin dieser Form: Anfang des Jahres erschien – ebenfalls im Corso Verlag – ihr Buch Der lange Spaziergang auf einer kurzen Mole oder: Mein Spiel gegen mich selbst. Ähnlich wie Navakas greift auch Radvilavičiūtė tief in die Kiste ihrer Erinnerungen, aus der sie ein paar reale Ereignisse fischt und mit Phantasiegebilden und ordentlich trockenem Humor zu einer ebenso magischen Erzählung verknüpft.

Später gingen wir in den Obstgarten hinaus, denn Emilija wollte unbedingt Zwetschken für mich pflücken und mir ein Literglas Honig mitgeben. So stieg sie, ohne ich mit Ričardas bekanntzumachen, die Leiter hinauf und stellte mir eine Emailschüssel auf den Kopf, ich hielt sie mit einer Hand, mit der anderen stützte ich mich seitlich ab und sah aus wie die frauen auf den sowjetischen Etiketten moldawischer Weinflaschen.

Ihre Geschichten wirken so lebendig, dass manch ein Leser jedes Wort für bare Münze hält und sich auch dann nicht beirren lässt, wenn z.B. eine Katze auf Überlebensgröße wächst. Oft würden Teile ihrer Erzählungen aber auch plötzlich real, erzählte sie während ihrer Lesung im Literaturhaus Berlin: „Manchmal zieht die Literatur die Fakten an und nicht die Fakten die Literatur“.

Noch mehr Literatur aus Litauen

Ihr wollt noch mehr Literatur aus Litauen kennenlernen? Die Auswahl an Übersetzungen ins Deutsche ist leider noch etwas spärlich – vielleicht ändert sich nach dem Auftritt auf der Buchmesse ja -, dafür lohnen sich alle davon. Folgende habe ich für euch herausgesucht:

Jurgis Kuncinas: Tula. Roman eines Streunenden auf der Suche nach einer Liebe, die es vielleicht nie gegeben hat
Aus dem Litauischen von Markus Roduner. Corso Verlag

Grigori Kanowitsch: Die Freuden des Teufels
Aus dem Litauischen von Franziska Zwerg. Corso Verlag

Alvydas Šlepikas: Der Regengott und andere Erzählungen
Aus dem Litauischen von Markus Roduner. Mitteldeutscher Verlag

Antanas Škėma: Das weiße Leintuch
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. Guggolz Verlag

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