Kategorie: Rezensionen

Dola de Jong und „Das Feld in der Fremde“

feld

Es gibt so viele Berichte von Zeitgenossen über die brutalen Jahre von 1939 bis 1945, nach denen die Welt nie wieder so sein würde wie zuvor. Doch Dola de Jongs Roman „Das Feld in der Fremde“ ist ein ganz besonderer „Augenzeugenbericht“: Die Geschichte über eine wild zusammengewürfelte Flüchtlingsfamilie, die im marrokanischen Tanger ein Feld zu bewirtschaften versucht, erschien bereits 1945 – und ist heute aktueller denn je. 

Aart und Lies sind Idealisten: Als sich die Schlinge des zweiten Weltkriegs in den Niederlanden immer enger zieht, fliehen sie mit einem umgebauten Auto Richtung Marokko. Auf ihrer Strecke durch Frankreich und Spanien sammeln sie Kinder verschiedenen Alters auf, die wortwörtlich um ihr Leben laufen: Hans, dessen Vater in Deutschland im Untergrund kämpft und auf der roten Liste der Nazis steht, Maria und Luba, zwei junge polnische Jüdinnen. Außerdem gehören Rainer, Berthe, Pierre und der Säugling Dolfje zu der Truppe, die nun ein Sonnenversengtes Feld am Rand von Tanger versuchen so zu bewirtschaften, dass die ganze „Familie“ davon leben kann.


Schon seit acht Uhr morgens liefen sie hin und her zwischen dem Brunnen und dem Feld. Die Erde war ausgedörrt wie die Hand eines Greises. Wochenlang hatte es nicht geregnet.

Doch das ist und bleibt eine Wunschvorstellung von Aart. Die Kinder sind verlaust, die heruntergekommende Hütte dreckig und verwahrlost und die Nachbarn argwöhnisch. Wieso verhalten sich diese Flüchtlinge nicht wie die anderen Ausländer, die in Tanger auf ihre Weiterfahrt nach Amerika warten? Die den ganzen Tag in einer zähen Brühe aus Langeweile, Ungewissheit und Verzweiflung in den Cafés herumsitzen und sich nach Möglichkeit nicht mit den Einheimischen vermischen?

Marokko, obwohl nicht direkt in den Weltkrieg verwickelt, wird zum Schmelztiegel überprivilegierter Ausländer, der zu platzen droht. Nach und nach beginnen die älteren der Kinder, sich von Lies und Aart loszusagen und einen eigenen Weg aus ihrer Misere zu suchen: Luba wählt sich den reichen Niederländer Manus als Ziehvater, auch wenn dessen Absichten diesbezüglich nicht ganz klar sind; Hans beginnt, seine Nächte als Kellner in einer Bar zu verbringen. Doch die Situation scheint auswegslos.


Ratten in der Falle, die verzweifelt versuchten, sich zu befreien, bevor es zu spät war. Doch die aufgescheuchten Menschen, die ihre Zukunft retten wollten, prallten auf eine Mauer von diplomatischer Mauschelei und Scheinheiligkeit, ruchloser Geschäftemacherei, Dummheit, Vorurteilen, Gleichgültigkeit, sie scheiterten in einem Wust von Einreisebeschränkungen, beglaubigten Erklärungen, Visa, Schiffsfahrkarten, Ausreisegenehmigungen.

Wie fühlt es sich an, wenn man gefangen ist zwischen der grausigen Vergangenheit, in die es kein Zurück gibt (und geben soll) und der scheinbar weit entfernten, rosigen Zukunft? Wenn man nicht weiß, ob man je wieder ein halbwegs normales Leben mit genügend Essen führen kann?

Dola de Jong, die selbst 1940 aus den Niederlanden nach Tanger floh (von wo aus ihr später die Überfahrt in die USA gelang) schildert diese Stagnation zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit mal aus der Perspektive der einzelnen Kinder, mal aus der Sicht eines allwissenden Erzählers. Sie tut das ohne Groll und Sentimentalität, sie will kein Mitleid schüren, sie beobachtet und beschreibt. So wird der Roman zu einem Schlaglicht auf eine Zeit, die lange vergangen ist. Und eine Situation, wie wir sie uns heutzutage kaum noch vorstellen können – und wie es sie doch so oder ganz ähnlich in diesen Tagen zu tausenden gibt!

Dola de Jong
Das Feld in der Fremde
Aus dem Niederländischen von Anna Carstens
Verlag Antje Kunstmann, 2016
Gebunden, 272 Seiten, 22€
ISBN 978-3-95614-123-2

 

Rezension: „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“

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Jeder stirbt für sich allein – und meistens geht der Tod unbemerkt hinter verschlossenen Türen vonstatten. Aber warum eigentlich? Macht es den Abschied vom Leben nicht leichter, wenn man ihn mit jemandem teilen kann, in all seinen hässlichen Auswüchsen? Susann Pásztor hat mit Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster einen Roman über einen ehrenamtlichen Sterbebegleiter geschrieben, der sich an seiner ersten Klientin fast die Zähne ausbeißt.

„Sie müssen ihrem Vater sagen, dass er gehen darf“ – als die Seelsorgerin im Hospiz mir diesen Satz sagte, hätte ich sie am liebsten angebrüllt: „ICH WILL ABER NICHT, DASS ER STIRBT!“ Dabei stimmte das gar nicht. Nachdem ich wochenlang hilflos dabei zugeschaut hatte, wie der Krebs meinen Papa von innen heraus auffraß, wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass er endlich von seinen Schmerzen und den hohen Morphium-Dosen erlöst werden würde. Doch artikulieren konnte ich das nicht, stattdessen flogen Teller, flossen Tränen – und die Hospizmitarbeiter und Seelsorger hielten meine Hand und kochten mir Kaffee. Erst einige Zeit später wusste ich zu schätzen, welche Arbeit diese Menschen eigentlich leisten.

Denn Sterbende und ihre Angehörige bei den schwierigen Schritten Richtung Tod zu begleiten, ist beileibe nicht einfach. Trotzdem lässt sich Fred, die Hauptfigur im Roman von Susann Pásztor, zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden. Seine Kollegen sind überrascht, dass der langweilige Beamte diesen Schritt geht, sie löchern ihn mit Fragen: Warum macht man sowas?

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„Erst mit Zurückhaltung, dann mit zunehmender Begeisterung hatte er ihnen erklärt, dass er einen sinnvollen Beitrag leisten wollte in dieser Gesellschaft, dass man sich dem Tabuthema Tod stellen, ja, es in die Mitte des Lebens zurückholen müsse, wo es schließlich auch hingehörte. Menschliche Zuwendung, liebevolle Begleitung, Erhalt der Lebensqualität, ein würdiges Leben bis zum letzten Atemzug: Das waren die Dinge, für die er einstehen wollte.“
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todSeine ziemlich romantische Vorstellung von der Arbeit eines Sterbebegleiters wird arg auf die Probe gestellt, als er Kontakt zu seiner ersten „Klientin“ aufnimmt: Karla hat Bauchspeicheldrüsenkrebs, die Chemotherapie abgebrochen und nur noch wenige Wochen, so genau weiß man das nicht, zu leben. Ganz pragmatisch und ohne Gefühlsausbrüche bereitet sie sich auf ihr Lebensende vor und sortiert ihren Nachlass. Einen Sterbebegleiter hat sie eigentlich nur angefordert, weil ihr Arzt es ihr empfohlen hat.

Es geht um Leben und Tod, um Festhalten und Loslassen

Über ihre Vergangenheit redet sie kaum, nur die unzähligen Ordner mit Analogfotos von Konzerten verraten, dass sie eng verbunden war mit einer Band, vermutlich mit den Grateful Dead. Angehörige, die Fred fragen könnte, gibt es nicht – bis auf eine Schwester, deren Telefonnummer auf dem Feld „Im Todesfall zu benachrichtigen“ eingetragen ist. Doch der Versuch, die beiden Schwestern bei einem gemeinsamen Weihnachtsfest zu einer tränenreichen Versöhnung zusammenzubringen, scheitert fatal und endet mit vorläufiger Funkstille zwischen Fred und Karla. Die lässt nur noch Freds Sohn Phil in die Wohnung, zwecks Digitalisierung ihrer Fotografien. Doch die Zeit läuft…

Inwiefern darf und sollte man in das Leben von Sterbenden eingreifen? Müssen wirklich alle Geheimnisse und Feindschaften aufgelöst werden, damit es zu einem glücklichen Ableben kommt? Und muss man Sterbende eigentlich mit Samthandschuhen anfassen? Susann Pásztor, die selbst als ehrenamtliche Sterbebegleiterin in Berlin tätig ist, wirft in diesem tiefgründigen Roman viele Fragen auf und gibt nicht auf jede eine Antwort – was sie gar nicht kann, denn es geht um die existenzielle Erfahrung von Leben und Tod, dem Festhalten und Loslassen und dem Frieden machen mit sich selbst. Es ist eine Geschichte, welche mich nicht nur, aber vor allem aus persönlichen Gründen berührt hat. Wir sollten das Sterben zurück in die Mitte der Gesellschaft holen – und dann steht einer auf und öffnet das Fenster, damit die Seele hinausfliegen kann.

Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich die wundervolle Gelegenheit, Susann Pásztor über ihren neuen Roman und rund um das Thema Sterbebegleitung zu interviewen – das fertige Interview lest ihr demnächst auf meinem Blog!

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Kiepenheuer & Witsch, 2017
Gebunden, 288 Seiten
ISBN: 978-3-462-04870-4

 

 

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

dinosaurier

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