Kulturtipp 01/17: Cornelia Schleime

Als Cornelia Schleime 1984 aus der DDR ausreiste, ließ sie ihre Kunst notgedrungen zurück – und fing im Westen nochmal ganz neu an. Die Berlinische Galerie hat ihr Ende 2016 den Hannah-Höch-Preis verliehen und zeigt aktuell Malereien, Zeichnungen und Aquarelle der Berliner Künstlerin. Mein Kulturtipp des Monats!

cornelia schleime "Ein Wimpernschlag"Cornelia Schleime malt viele Portraits, damit unterscheidet sie sich nicht bahnbrechend von etlichen anderen Künstlerinnen – doch etwas an ihren großformatigen Bildern ist anders, eindringlicher, unverblümter, authentischer. Fast immer sind es allein die Gesichter – meistens von Frauen – die die Leinwand ausfüllen, der stechende Blick der Augenpaare verfolgt einen durch die Ausstellungsräume. Und doch haftet ihnen nichts böswilliges an.

Vielleicht liegt es an den zarten Farben, die jedes Portrait durchziehen? Da gibt es pastellgrüne Wimpern, lilane Lippen, blassblaue Haut, rosane Haarsträhnen – und über allem ein ockerfarbener Schleier. Letzter entsteht durch Asphaltlack oder Schellack, den die Künstlerin, mit Lösungsmittel verdünnt, über ihre Malereien streicht und die dann von alleine einen Prozess des Zerfressens und der Blasenbildung in Gang treten. Ausgang ungewiss.

Weniger Selbstzerstörung, aber ebenso viel Rätselhaftigkeit finden sich in den Zeichnungen und Aqurallen der 1953 in Ost-Berlin geborenen Künstlerin (einige davon sind in ihrem Marokko-Tagebuch zu sehen, welches ich vor einem Jahr besprochen habe). Oft begegnen wir feingliedrigen Frauenkörpern mit Tierköpfen, tanzenden Mädchen mit langen geflochtenen Zöpfen, Wasserpflanzen und Fabelwesen. Alle wirken, als seien sie ohne große Vorplanung entstanden: „Ich kann sehr gut mit Pfützen arbeiten beim Zeichnen. Ich hau sie aufs Blatt, geh dann mit der Feder rein – oh, da ist ja, da entsteht ja ein Bein“, wird Schleime zitiert.

Subversiv und nicht systemkonform

cornelia schleimeJedes einzelne Bild erzählt eine Geschichte – unter anderem die Geschichte der Künstlerin selbst. Ende der 1970er hatte sie in Dresden begonnen Kunst zu studieren, schloss sich avantgardistischen Künstlerkreisen an – der berühmten „Ost-Bohème“ – und experimentierte mit verschiedenen Kunstrichtungen. Das war dem Staat ein Dorn im Auge, sie galt als subversiv, nicht systemkonform – und bekam ein Ausstellungsverbot. Mit nur einem Koffer und wenigen ihrer künstlerischen Werke ging sie 1984 in den Westen und musste dort völlig neu beginnen.

Eine existenzielle Erfahrung, die erneut an die Oberfläche geholt wurde, als die Künstlerin 1993 ihre Stasi-Akten einsehen konnte – und erfuhr, dass sie nicht nur langjährig bespitzelt worden war, sondern auch, dass einer der Spitzel zu ihren engen Freunden gehört hatte. Es entstand die Foto-Serie „Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, , Nr. 7284/85“, in der sie Kopien der Stasi-Akten mit Aufnahmen überklebt, die den steif und umständlich geschriebenen Inhalt süffisant konterkarieren. Diese Künstlerin hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen – und ist so gleichzeitig als aufmüpfig und ausgeglichen in ihren Kunstwerken zu erkennen.

Die Ausstellung „Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag“ läuft noch bis zum 24. April in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg. Geöffnet ist Mittwoch bis Montag von 10-18 Uhr, der Eintritt kostet 8€, ermäßigt 5€ und an jedem 1. Montag im Monat 4€.

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Bilder: oben:Cornelia Schleime, Schädelwind, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt // links: Cornelia Schleime, Ein Wimpernschlag, 2016, Privatsammlung, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt // rechts: Cornelia Schleime, Körpermalaktion in Hüpstedt, 1981, Privatbesitz, © Cornelia Schleime

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