Da wird mir ganz „bleu morant“

Porzellan

Mit seinem zweiten Roman reist Tom Saller erneut die 1920er Jahre  – diesmal aber nicht ans Bauhaus, sondern in die Königliche Porzellanmanufaktur in Berlin. 

Vor einigen Jahren besuchte ich im Rahmen der Langen Nacht der Museen die Königliche Porzellanmanufaktur in Tiergarten: Ich weiß noch, dass es mich sehr beeindruckte, mit welchem Fingerspitzengefühl die Porzellanmaler*innen die filigranen Muster auf die Tassen und Teller aufmalten. Jeden Tag benutze ich Porzellan (wenn auch nicht aus der KPM), hatte mich aber bisher nicht gefragt, wie es hergestellt wird – wenn man einmal von handgetöpferten Tassen absieht, für die ich eine kleine Leidenschaft hege und die ich auch schon selbst produziert habe.

Porzellan

In der Königlichen Porzellanmanufaktur werden Christbaumkugeln bemalt – auch mitten im Sommer

Auch Anja hat keine Ahnung von Porzellan. Sie ist ein störrischer Teenager im West-Berlin der 1980er Jahre, als ihr einer ihrer Lehrer einen Job vermittelt: Sie soll einer alten Dame in einem herrschaftlichen Charlottenburger Haus Gesellschaft leisten. Besagte Dame Lili, Anfang des Jahrhunderts geboren und bei ihrem Vater, einem Teehändler, und Takeshi, einem Japaner, aufgewachsen, möchte Porzellanmalerin werden. Schon früh hatte Takeshi mit seinen Teezeremonien ihr Interesse an Ästhetik und Schlichtheit geweckt und sie ermutigt, ihren Traum zu verwirklichen.

Doch es sind die 1930er Jahre und an der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin bildet man zwar aus – aber nur Männer. Lili weicht auf die Burg Giebichenstein in Halle aus, wo die ehemalige Bauhaus-Schülerin Marguerite Friedländer zu ihrer Mentorin wird. Doch die Zeiten sind dunkle und Lili und Marguerite kämpfen nicht nur gegen eine männlich dominierte Arbeitsumgebung an, sondern bekommen zunehmend Probleme aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln. Und dann passiert ein Unfall, den Lili auch Jahrzehnte später noch nicht verkraftet haben wird.

Porzellan

Claudia Tetzlaff, Leiterin des KPM-Archivs & Autor Tom Saller

Die Handlung des Romans, der auf zwei Zeitebenen stattfindet, ist schnell zusammengefasst. Tom Saller allerdings nimmt sich alle Zeit der Welt, die Geschichte von Lili Kuhn zu erzählen: Wie sie ohne Mutter – diese ist 1918 an der Spanischen Grippe gestorben – aufwächst, wie sie jahrelang Religionsunterricht bei einem Rabbi nimmt, ohne zu konvertieren, wie sie immer auf der Suche nach ihrer Bestimmung ist. Und wie sie ihre Faszination für Porzellan entdeckt. Gefördert wird sie dabei unter anderem durch den damaligen Leiter der KPM, der ihr die wichtigsten Eigenschaften von Porzellan erklärt:

‚Würden Sie bitte einmal an der Schale riechen, Fräulein Kuhn?‘
Verständnislos blickt Lili ihn an.
‚Nun, Sie sollen einfach Ihre Nase daran halten. Was nehmen Sie wahr?‘
[…] ‚Nichts‘, sagt Lili und hebt wieder den Kopf, ‚der Korb riecht nach nichts.‘

Riecht nach nichts, schmeckt nach nichts und man kann reinbeißen, ohne dass ein Abdruck entsteht – das sind die Grundeigenschaften von Porzellan, die uns auch Claudia Tetzlaff, Leiterin des KPM-Archivs, bei einer Führung durch die Produktionshallen im Vorfeld der Buchpremiere testen lässt. Erneut bin ich fasziniert, wie viel Geduld und Ruhe die Porzellanmaler*innen aufbringen müssen, um eine Vase oder eine Figurine zu bemalen – zum Beispiel mit dem weltberühmten „bleu morant“, das Friedrich II. in jahrelanger Arbeit hatte entwickeln lassen, dessen Rezept noch immer streng geheimgehalten wird und dessen Name die Berliner auf ihre forsche Art zum „blümerant“ machten. (Auf dem Foto ganz oben seht ihr übrigens nicht dieses bleu morant, sondern die lösliche Farbe, mit der Porzellan nach dem Brennen auf feinste Risse hin überprüft wird)

Die Geduld, die es mit Pinsel und Porzellan braucht, nimmt sich also auch der Autor mit seinen Figuren. Eine eigentümliche Ruhe legt sich über den Roman, die den hektischen Zeiten des angehenden Nationalsozialismus gegenübersteht. Wie in seinem Debüt Wenn Martha tanzt verzichtet Saller auf Floskeln oder blumige Ausschmückungen, seine Sprache ist von einer angenehmen Einfachheit, die dem schlichten Design des Bauhaus-Porzellans ähnelt.

Porzellan

Tassen mit dem Logo der KPM

Dass die junge Anja selbst auf der Suche ist, dabei von der drohenden Trennung ihrer Eltern durcheinandergebracht wird und durch die alte Dame Lili etliches für ihr eigenes Leben lernt – das wirkt teilweise etwas zu gewollt. Außerdem kommt auch wie schon bei Wenn Martha tanzt das Ende etwas abrupt und mit allzu zufälligen Verbindungen von Charakteren. Doch das tut dieser Geschichte, einer Mischung aus Coming of Age, Emanzipation und Psychoanalyse, letztendlich nicht weh. Ein Roman, für den man sich Zeit nimmt – und danach sein Porzellan mit ganz anderen Augen betrachtet.


Du möchtest Ein neues Blau von Tom Saller lesen?
Ich verlose zwei Exemplare des Romans!
Um am Gewinnspiel teilzunehmen, hinterlasse einen Kommentar unter diesem Text – und zwar bis Sonntag, 22. September, 20 Uhr und unbedingt mit gültiger Email-Adresse. Die Gewinner*innen werden im Anschluss benachrichtigt!
// Das Gewinnspiel ist beendet!


9 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese tolle Buchvorstellung! Das Buch wird über kurz oder lang auf meinem Lesestapel landen 🙂 Besonders schön wäre es natürlich es jetzt schon zu gewinnen 😀

    Liebe Grüße
    Franziska

  2. Anja Carrà

    Jetzt steht also auch schon das nächste Buch auf meiner Liste, welches ich zu lesen gerne bereit bin … dank dieser Buchvorstellung. Noch dazu, dass meine Namensvetterin auch aus demselben Jahrgang zu stammen scheint und so wie es anmutet finden sich auch noch weitere Parallelen!

  3. Klingt interessant. Ich würde mich freuen, wenn auf diesem Weg, der Roman bei mir landen würde. 😊

  4. Ruth Leukam

    Mir hat schon Sallers erster Roman „ Wenn Martha tanzt“ gut gefallen. Nach dieser schönen Rezension mache ich gern beim Gewinnspiel mit .
    Liebe Grüße
    Ruth

  5. Das Buch klingt Deinem Bericht nach sehr interessant, danke dafür! Es ist außerdem von der Zeit, in der es spielt, als auch von der Gegend her ganz nach meinem Geschmack! Ich würde mich sehr über ein Exemplar freuen, es würde mich dann gleich in den Urlaub an die Ostsee begleiten.

  6. Irrgärtnerin

    Danke für deine stets so tollen Rezensionen, liebe Julia. Ich würde mich sehr über das Buch freuen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree