Darauf ein Raki: „Die Entführung des Generals“

rezension_fermor_textEuch hängt die Berichterstattung über den möglichen „Grexit“ zum Hals raus? Mir auch. Verteufeln wir die Griechen nicht, sondern lesen lieber „Die Entführung des Generals“ von Patrick Leigh Fermor und erinnern uns, was für wunderbare Menschen z.B. auf Kreta wohnen!

Ich liege an der Südküste von Kreta, in einem kleinen Dorf, das man noch nichtmal Dorf nennen kann – streng genommen ist es nur eine kleine Ansammlung von Häusern, eine Taverne, ein Café und ganz viel Strand. Von der Griechenlandkrise ist hier, zumindest in diesem Moment, nichts zu spüren. Auch Deutschen gegenüber sind die Kretaner völlig entspannt – aber das war nicht immer so. Ich klappe das in orangenes Leinen gebundene Buch „Die Entführung des Generals“ auf und reise zurück in die Wirren des zweiten Weltkriegs.

Wir schreiben das Jahr 1944 und Kreta ist von den Deutschen besetzt. Zahlreiche Partisanen versuchen, gegen die Unterdrückung der Deutschen vorzugehen, sie verstecken sich in den kilometerlangen Gebirgszügen, die in der Mitte der Insel thronen und eine Überquerung zu einer langwierigen Geschichte machen. Unterstützt werden sie von britischen Spionen – unter ihnen ist auch Patrick Leigh Fermor, der als Jugendlicher quer durch Europa gewandert war und dessen Reiseaufzeichnungen noch heute zu den erfrischendsten Texten dieser Spezies zählen. Er hatte schon vor dem Krieg länger auf Kreta gelebt, kennt sich mit den Sitten und Gebräuchen der Landsleute aus – und mit deren Widerstandsgeist. Als er den Plan fasst, einen deutschen General zu entführen, um die deutschen Truppen aus dem Konzept zu bringen, ist ihm die Unterstützung der verschiedenen Partisanengruppen also ziemlich sicher.

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Und so kommt es tatsächlich zur titelgebenden Entführung: In einer Nacht- und Nebelaktion wird das mit Standarten geschmückte Auto von General Kreipe in einer gespielten Kontrolle angehalten, der Fahrer sprichwörtlich übers Ohr gehauen und der berühmte Insasse mitgenommen. Ziel ist es, ihn über die Berge zu bringen und mit einem Schiff ins Ausland zu verschiffen – was gar nicht so einfach ist.
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rezension_femor_coverPatrick Leigh Fermor ist ein großartiger Erzähler und so war es gar keine Frage, dass man sich bei der Lektüre dieses kleinen Büchleins – obwohl ich die diversen Kriegsstrategien oft nicht nachvollziehen konnte – keine Sekunde langweilt. Denn auch wenn die Zeiten mehr als dunkel waren, so handelten Fermor und seine Partisanenfreunde stets freundlich dem General gegenüber, versorgten ihn mit ausreichend Essen und Raki (ich weiß mittlerweile auch: ohne Raki geht in Griechenland gar nichts!) und waren stets darauf bedacht, dass er sich trotz der widrigen Umstände wohlfühlte. Dass Fermor hier nichts schönredet, beweist ein Foto aus dem Jahr 1972: Es zeigt „Entführer und Entführter wieder vereint in Athen“, wie sie (natürlich!) mit einem Raki auf ihr Wiedersehen anstoßen.

Die Deutschen werden in diesem Rückblick, den Fermor übrigens erst sehr spät zu Papier brachte, nicht über alle Maßen verteufelt – wie schlimm können Männer sein, die sich in ihren Schlafstätten mit Sackhüpfen die Zeit vertreiben? – doch hervorgehoben wird in erster Linie die zähe Widerstandskraft der Kretaner, die Bereitschaft, sich für das Wohl der Mitmenschen in größte Gefahr zu bringen, die Lust an Wein, Weib und Gesang. Dieser Lebenslust war Patrick Leigh Fermor verfallen – und ich kann es gut nachvollziehen!

Patrick Leigh Fermor: Die Entführung des Generals. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, 2015. 304 Seiten, Leinen & Leseband. 25€. ISBN 9783038200178

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