Das 10-Minuten-Projekt

Foto: Van Ho

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Zehn Minuten am Tag etwas völlig neues ausprobieren – kann das ein gebrochenes Herz heilen? Chiara Gamberale hat es ausprobiert und ihre Erfahrungen in dem Roman „Das 10-Minuten-Projekt“ aufgeschrieben. Nach einer wahren Geschichte.

Wenn ich Zusammenfassungen dieser Art auf Klappentexten lese ist das eigentlich ein Grund für mich, das Buch direkt wieder wegzulegen, aber dieses Buch macht trotzdem Spaß und deshalb klingt ein Abriss so: Bis vor kurzem noch führte Chiara, Mitte 30, ein in ihren Augen perfektes Leben mit ihrem Ehemann, einem Landhaus vor den Toren Roms und einem Job als Kolumnistin einer bekannten Tageszeitung.

Schlagartig ändert sich dann jedoch alles, als sie in die Stadt ziehen, ihr Mann für ein Masterstudium nach Irland geht und ihr von dort telefonisch mitteilt, er habe eine andere Frau kennengelernt – und sie auch noch als Kolumnistin urplötzlich durch ein Sternchen aus einer Castingshow ersetzt wird. Auf einmal bricht alles zusammen und Chiara ist sich nicht sicher, dass sie jemals heil aus dieser Situation entkommen wird. Bis ihre Therapeutin ihr eine Aufgabe gibt:

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„Machen Sie ab jetzt einen Monat lang zehn Minuten am Tag etwas, das Sie noch nie gemacht haben.“ – „Und was?“ – „Irgendwas. Hauptsache, Sie haben es in Ihren fünfundreißig Jahren noch nie gemacht.“
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Chiara ist zunächst nicht überzeugt davon, lässt sich aber auf das Experiment ein. Warum auch nicht? Sie hat ja sowieso nichts anderes zu tun. Jeden Tag nimmt sie sich fortan zehn Minuten Zeit, um etwas zu machen, das ihr bisher fremd war, verrückt vorkam oder sie absolut nicht interessierte. Sie lässt sich in einem Schönheitssalon die Nägel in eine knalligen Pink lackieren, backt Pancakes, obwohl sie bis vor kurzem kaum den Herd zu bedienen wusste, versucht sich am Kreuzstich und geht die veranschlagten Minuten rückwärts durch die Stadt. Nicht bei allem davon hat sie Erfolg, doch nach und nach lernt sie, auch mit dem Scheitern umzugehen. Und eröffnet sich ganz nebenbei Erfahrungsräume, in die sie sonst wohl niemals vorgestoßen wäre – z.B. als sie das erste Mal Blumen pflanzt:

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„Es ist sinnlich. Ja. Die Hände in einen Sack voller Erde zu tauchen und zwei Töpfe damit zu füllen ist sinnlich. Viel sinnlicher als YouPorn. Mir laufen unerwartete Schauer über den Rücken.“
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df319b6660Klingt wie ein leicht kitschiger Frauenroman? Ja, ist es auch. Denn natürlich geht es auf all den Seiten nicht nur darum, dass Chiara wieder zu sich zurückfindet bzw. sich selbst neu kennenlernt, sondern auch um ihre Ehe, die in Scherben liegt – und mit der abzuschließen alles andere als leicht ist. So stellt ihr chauvinistischer Noch-Ehemann bei seiner Rückkehr nach Italien ziemlich schnell fest, dass er seine Angetraute ziemlich vermisst. Doch diese Intimität, die eine Ehe erfordert, geht ihm zu weit, schränkt ihn in seiner Freiheit ein – ob man es nicht einfach ohne versuchen könnte?

Das ist zuweilen ein bisschen „too much chick lit“, ein bisschen zu schmalzig und weinerlich. Aber die Idee dahinter ist nicht schlecht, denn würde es nicht jedem von uns gut tun, dieses zehn-Minuten-Experiment einmal selber – ob nun gerade frisch getrennt oder einfach im Alltagstrott gefangen – auszuprobieren? Chiara Gamberale, die hier übrigens ungeschminkt ihre wahre Geschichte niedergeschrieben hat, hat (soviel darf man verraten) so einen Weg aus ihrer Krise gefunden. Und man wünscht es ihr sehr.

Chiara Gamberale: Das 10-Minuten-Projekt. Übersetzt von Valerie Schneider. Bloomsbury Berlin, 2015. Hardcover, 208 Seiten, 16€. ISBN: 978-3-8270-1262-3

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