Das Bildnis des Künstlers als Misanthrop

Kunst

Mit „Ein Mann der Kunst“ hält Kristof Magnusson der Kunstwelt auf humorvolle Art den Spiegel vor. Das ist Lesefreude pur.

Meine Zeit als Redakteurin bei einem Berliner Kunstmagazin gehörte zu den aufregendsten und gleichzeitig anstrengendsten Jahren meines Lebens: Jede Woche nippte ich auf mehreren Vernissagen Sekt und versuchte, mich in die Werke des jeweiligen Künstlers oder der jeweiligen Künstlerin einzufühlen; meine Kolleginnen und ich trugen roten Lippenstift zu Seidenblusen und philosphierten über die Bedeutung einer in sattem Blau bemalten Leinwand oder einer Installation aus Gabeln, die mitten im Raum auf dem Boden lag.

Das Objekt tritt in Dialog mit der Umwelt war eine der am häufigsten vorkommenden Formulierungen in den Pressetexten, die ich mir irgendwann ungelesen einzustecken angewöhnte. Wir führten Smalltalk und rätselten über die absurd hohen Preise, die für Arbeiten verlangt wurden. „Das kann ich auch“, hörten wir oft – „Ja, du hast es aber nicht gemacht!“, antworteten wir. Ich liebte und hasste die Berliner Kunstszene mit ihrer Fixierung auf Geld und Luxus, ihr geheucheltes Interesse. Zwischendurch sah ich trotzdem eine Menge wirklich guter Kunst und lernte Künstler*innen kennen, die den Trubel nicht schätzten und sich lieber in ihr sonnendurchflutetes Atelier in einer Industrieruine zurückzogen. Manche waren eigenwillig, andere äußerst sympathisch.

Misanthrop erster Klasse

Von KD Pratz, Kristof Magnussons „Mann der Kunst“, kann man letzteres nicht behaupten. Der in die Jahre gekommene Künstler – wohl eine Mischung aus Typen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz oder A. R. Penck – lebt seit mehreren Jahrzehnten zurückgezogen auf einer Burg im Rheingau zwischen Frankfurt und Köln und ist ein geübter Misanthrop. Trägt sein Rückzug aus der Öffentlichkeit dazu bei, dass sich seine Malereien auf dem internationalen Kunstmarkt zu Höchstpreisen verkaufen?

Ein Museum in Frankfurt am Main möchte ihm und seinen Werken auf jeden Fall einen ganzen Erweiterungsbau widmen. Doch bevor das geschehen kann, muss auch der Förderverein grünes Licht geben – und in diesem sind nicht alle begeisterte Anhänger des eigenwilligen Malers. Um auch die letzten Zweifler zu überzeugen, organisiert der Museumsleiter deshalb zusammen mit der Vorsitzenden des Fördervereins, Ingeborg, eine Busreise zu Burg Ernsteck und KD Pratz. Mit dabei ist auch Constantin, der Sohn von Ingeborg, aus dessen Perspektive der Ausflug erzählt wird.

„Würde diese Reise wirklich so schön werden wie die anderen? Was, wenn KD Pratz so unausstehlich war, wie alle sagten und schrieben? Ich hatte nichts über ihn gelesen, was ihn als sympathisch darstellte oder gar gesellig. […] Alle Interviews, von denen es jedes Jahr ungefähr eins gab, waren ein großes Globalgeschimpfe auf alles: die Menschen, die Technik, die Welt. Ich hoffte, dass er in Wirklichkeit anders war.“

Doch KD Pratz macht auch in der Realität seinem Ruf alle Ehre. Und der Förderverein wird in seiner bildungsbürgerlichen Vorstellung von Kunst – ein paar schöne Bilder anschauen, Sektchen trinken, allgemeiner oberflächlicher Konsens – ganz schön durchgerüttelt. Aus dem harmlosen Ausflug ins pittoreske Rheingau wird eine zwischenmenschlich bis zum Bersten angespannte Atmosphäre, die irgendwann explodieren muss. Und das zu beschreiben, das gelingt Magnusson mit absoluter Brillanz.

Kunst

Nicht nur aufgrund meiner eingangs erwähnten Erfahrung mit der Kunstszene kam ich während der Lektüre von Ein Mann der Kunst nicht mehr aus dem Lachen heraus. Seien es die Diskussionen und ulkigen Dialoge der Fördervereinmitglieder, die Beschwichtigungen des Museumsleiters, der allen sein lexikalisches Wissen über zeitgenössische Kunst aufzudrängen versucht oder die grummeligen Antworten des Künstlers selbst:

„Diese Landschaft ist wirklich wunderschön“, sagte Ingeborg. „Schön“, sagte KD Pratz und wies mit einer wegwerfenden Handbewegung auf den Rhein, die Berge, die Burg. „Ich muss die ganze Zeit daran denken, wie viele Leute beim Bau dieser Burg ums Leben gekommen sind, wie viele da unten jämmerlich ertrunken sind. Hier wird seit über tausend Jahren Wein angebaut, aber unter welchen Bedingungen? Das Einzige, was ich hier sehe, ist Kampf. Überlebenskampf. Tod und Sterben.“

Und dann ist da noch die offensichtliche und nur grobe Verfremdung realer Personen und Orte, die den Roman auszeichnen. KD Pratz wird eine Affäre mit Marina Abramovic angedichtet, die ja wirklich existiert, auch das Museum Wendevogel in Frankfurt könnte es genau so geben und die Burg Ernsteck – im Oberen Mittelrheintal gibt es unzählige Burgen, auf denen sich diese kunstvolle Satire zugetragen haben könnte. Magnussons bissige Art, die zeitgenössische Kunstszene mit all ihren dahinterstehenden Interessen zu charakterisieren beziehungsweise zu karikieren, wird zur herrlichen Persiflage des snobistischen Bürgertums und bereitet große Freude beim Lesen. Auch ohne roten Lippenstift!

Kristof Magnusson
Ein Mann der Kunst
Kunstmann Verlag, 2020
Gebunden, 240 Seiten, 22 Euro

Eine Besprechung findet ihr auch bei Marius von Buch-Haltung

1 Kommentare

  1. Hallo,

    diese Rezension macht richtig Lust auf das Buch! Bei „Das kann ich auch!“ muss ich zur Zeit immer an Bananen denken, die an der Wand kleben… Da kann ich mich dieses Gedankens auch nicht erwehren!

    LG,
    Mikka

Kommentare sind geschlossen.