Das Bildnis vom Künstler als jungem Mann: „Leinsee“ von Anne Reinecke

Künstler

Ein Higlight aus dem Frühjahrsprogramm: Anne Reinecke erzählt in „Leinsee“ die Geschichte eines jungen Mannes auf der Suche nach seiner verlorenen Kindheit.

„Eltern, die ihre Kinder nicht loslassen, tun das um ihrer selbst willen. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Kinder sind nicht dazu da, dem Leben der Eltern einen Sinn zu geben“, hatte Ada Stiegenhauer einmal in einem Interview gesagt. Doch wie weit sollte man als Eltern gehen mit dem Wunsch, die Kinder zur totaler Autonomie zu erziehen? Im Falle von ihrem Sohn Karl, so scheint es, haben Ada und August Stiegenhauer es deutlich übertrieben. Und zwar so stark, dass sie jede emotionale und räumliche Verbindung zwischen sich und ihrem Sprössling lösten: Bereits früh wurde Karl in ein Elite-Internat gegeben, aber unter anderem Namen, damit ihm der Ruhm seiner Eltern nicht im Weg stünde.

„Die Eltern schrieben Karl regelmäßig Briefe, aber sie achteten streng darauf, seine Anonymität nicht zu sehr zu beschädigen. Sie wollten ihm ein normales Leben ermöglichen, sagen sie, einen eigenen Weg außerhalb ihrer Berühmtheit. Deshalb besuchten sie ihn nie. Auch zu seinen Geburtstagen nicht, auch zur Abiturfeier nicht.“

Da war es nur konsequent, dass Karl nach dem Abitur den Kontakt zu den Eltern einfach einschlafen lässt, sich nicht mehr meldet. Insgeheim hegt er den Wunsch, dass sie eines Tages vor seiner Tür stehen, ihn mit herzlichen Worten in die Arme und in ihre symbiotische Ehe mit aufnehmen. Doch dies geschieht nicht. Karl, mittlerweile selbst ein bekannter Künstler der Berliner Bohème, hört erst wieder von seinen Erzeugern, als sein Vater sich mittels eines verwirrend knallorangenen Seils an der Decke des Wohnzimmers erhängt. Er wollte nicht mehr leben, weil seine Frau Ada in Kürze an einem Hirntumor zu sterben droht.

Zunächst notgedrungen reist Karl in das Anwesen seiner Eltern, wo er den Nachlass verwalten soll. Doch will er das Erbe seiner weltberühmten Künstlereltern überhaupt annehmen? Der junge Mann fällt in eine Existenzkrise, räumt das Haus aus und baut sich in seinem alten, leeren Kinderzimmer ein Nest aus Kleidungsstücken und Fundstücken – das gemütliche Nest, welches ihm seine Eltern immer verweigerten. Und dann ist da plötzlich ein junges Mädchen, das unbekümmert im Baum seines Gartens sitzt und ihn anschaut: Ein unschuldiges, verspieltes Kind, wie er es nie gewesen ist. Und dann bekommt Karl auf einmal die Gelegenheit, das nachzuholen, was er als kleiner Junge nicht ausleben durfte. Doch kann man seine Kindheit überhaupt nachholen?

leinseeLeinsee, der Debütroman von Anne Reinecke, ist eine vielschichtige Geschichte mit etlichen Bedeutungsebenen, durchzogen von Metaphern, Gedanken, Interpretationen. Über allem steht die unterdrückte Kindheit Karls und die gestörte Beziehung zur Mutter, die ihn so geprägt hat, dass er sogar den Irrtum nicht aufklärt, als Ada in ihrer Amnesie ihren Sohn für ihren Mann hält und liebevoll an ihre Brust drückt.

Da ist Tanja, die im Verlauf des Romans zusammen mit Karl erwachsen wird und ihn bei diesem schwierigen Prozess an die Hand nimmt. Und da ist die Kunst: So wie Ada und August Stiegenhauer Gegenstände zerkleinert und in Harz gegossen hatten, um ihre ewig währende Liebe zu manifestieren, packt Karl tote Tiere in Plastikfolie und vakuumiert sie, bis nur noch der Umriss zu sehen ist – ähnlich, wie er auch sich selbst die Gefühle entzog, um nicht zu sehr unter ihrer Last zu leiden.

Anne Reinecke schafft es nicht nur mit einer erstaunlichen Mischung aus bedrückender Schwere und federleichter Unbeschwertheit, das Freischaufeln Karls aus dem tonnenschweren emotionalen Erbe seiner Eltern zum Ausdruck zu bringen – sie hat dabei auch noch einen betörend bunten Roman geschrieben:

„An Tischen mit rosageblümten Plastiktischdecken aßen aus türkisen Plastikglaskelchen Rentner und Touristen gemisches Eis mit Sahne, Erdbeersoße und Krokant“

heißt es an einer Stelle, die Kapitel sind mit „Harzgolden“, „Puddinggelb“ oder „Klirrsilbern“ überschrieben und bilden mal zarte, mal sehr grelle Farbkleckse inmitten des gleichgültigen Graus in Karls Herzen. Es gibt Hoffnung für Karl, seinen eigenen Weg zu gehen – und sie schimmert bunt. Leinsee ist definitiv ein Roman, der für mich zu den besten des Frühjahrs gehört!

Anne Reinecke
Leinsee
Diogenes Verlag, 2018
Hardcover, 368 Seiten, 24,-€
ISBN 978-3-257-07014-9

Foto: Kinga Cichewicz

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