Das Flüstern der Bäume

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Michael Christies Roman „Das Flüstern der Bäume“ ist ein literarischer Schmöker, der von der Macht der Natur und den Wurzeln der Herkunft erzählt.

Kanada im Jahre 2038: Jacinda Greenwood, genannt Jake, arbeitet als Naturführerin in der „Baumkathedrale“ von Greenwood Islands, einer mit teilweise viele Jahrhunderte alten Bäumen bewachsenen Insel. Es ist einer der letzten verbliebenen Primärwälder auf der Erde und einer der wenigen Orte des Globus, auf dem man noch frei atmen kann:

„Während weltweit immer mehr Primärwälder absterben, trocknet der Boden aus, weil es keine Bäume mehr gibt, die ihn vor der beißenden Sonne schützen, und es entstehen tödliche Wolken aus Staub so fein wie Mehl, die das Land ersticken.“

Eine der Folgen der rasanten Klimaveränderungen war „das große Welken“ – eine Mischung aus Dürre, Feuern, Pilzbefall und Insektensterben – ein paar Jahre zuvor, das die Bäume, die sich nicht so schnell anpassen können, fast vollständig dahinraffte. Die Städte sind zu mit Staub bedeckten grauen Slums geworden, in denen Armut herrscht und eine neue Tuberkuloseart, genannt „der Rippenwürger“, die Bevölkerung in klimatisierte Wohntürme einsperrt.

Auch wenn Jake kaum eigenen Besitz hat und ähnlich wie Vieh in einem kleinen Verschlag gehalten wird, schätzt sie sich glücklich, auf der Insel leben zu dürfen; astronomisch hohe Kreditschulden, die sie in ihrem Studium der Biologie angehäuft hat, lassen ihr aber auch keine andere Wahl. Ihre Mutter starb bei einem Zugunfall und ihren Vater hat sie nie kennengelernt – anders als die mächtigen Redwood-Bäume, die auf der Insel stehen, hat Jake keine Wurzeln. Denkt sie.

Als eines Tages ihr Ex-Freund Silas auf der Insel auftaucht und ihr ein altes Tagebuch überreicht, das angeblich ihrer Urgroßmutter gehörte und sie möglicherweise zur rechtmäßigen Erbin der Greenwood’schen Insel macht (bisher hatte sie gedacht, die Dopplung des Namens sei nur ein Zufall), holt Jacinda das Wenige, was sie über ihre Vorfahren weiß, aus ihrer Erinnerung ans Licht. Weil wir als Leserinnen von einem auktorialen Erzähler durch die knapp 600 Seiten starke Geschichte geführt werden, erfahren wir aber natürlich viel mehr Details, als Jake je wissen wird.

Wie bei den Jahresringen eines Baumes können wir uns Schicht für Schicht durch die Vergangenheit der Familie Greenwood arbeiten: lesen von Liam Greenwood, der 2008 als Zimmermann erfolgreich mit „wiederverwendetem Holz“ arbeitet und extravagante Lofts in verlassenen Gegenden ausstattet. Liam, der seine Tochter Jacinda nie kennenlernen wird, dafür bis ins junge Erwachsenenalter mit seiner Mutter Willow in einem VW-Bus lebt und sie auf ihren Protestaktionen begleitet, mit denen sie verzweifelt die Rodung von Wäldern verhindern will.

Bäume

Wir begleiten Willow, die 1974 mit knapp vierzig Jahren überraschend schwanger wird, zu ihrem früh erblindeten Vater Harris Greenwood, einem steinreichen Holzmagnaten, unter dessen strenger Knute und emotionaler Kühle sie seit ihrer Kindheit gelitten hat. Dass sie ihren Onkel Everett nach einer über dreißig Jahre dauernden Haftstrafe aus dem Gefängnis abholen soll, überrascht sie und holt außerdem dumpfe Erinnerungen in ihr Bewusstsein, die sie nicht zuordnen kann.

Das liegt daran, dass Willow 1934, als Everett ihr zum ersten Mal begegnet, gerade erst frisch geboren ist; Everett findet den Säugling in ein Brokattuch gewickelt und an einen Baum gehängt unweit seiner illegal gezimmerten Hütte im Wald. Weil der Landbesitzer, ein skrupelloser Geschäftsmann namens R.J. Holt, über Leichen geht, um einen Erben zu produzieren (wohl aber niemals Liebe für den Nachwuchs aufbringen könnte) flieht Everett kurzerhand mit dem Baby. Und zwar quer durch Kanada, bis er seinen Bruder Harris erreicht.

Der ist eigentlich gar nicht sein leiblicher Bruder: Als 1908 zwei Züge miteinander kollidieren, gibt es nur zwei Überlebende, zwei achtjährige Jungs, die sich nicht kennen – denen man in dem kleinen Dorf aber einen Namen gibt und sie zusammen in einer Waldhütte aufwachsen lässt. Seitdem sind sie nicht zu trennen – bis der Erste Weltkrieg dies für sie vorerst übernimmt.

„Wir sahen zu, wie die Bänder der Brüderschaft zwischen den beiden Jungen mit der Zeit immer enger geknüpft wurden. Es hieß, sie teilten alles miteinander: Selbst Kleinigkeiten wie ein gekochtes Ei schnitten sie genau in der Mitte durch.“

2038, 2008, 1974, 1934 und 1908 sind also die Jahresringe, die Michael Christie hier vor uns Stück für Stück freilegt. Auf den ersten Blick könnte das wirken, als liege der Roman auf der Grenze zur Überforderung, müsse man sich womöglich Notizen machen, um alle Protagonist*innen auseinanderhalten zu können. Doch das ist nicht so: Der feste Stamm der Geschichte sind die Greenwoods, nicht nur namentlich, sondern auch alle beruflich mit Holz verbunden; weitere Charaktere spielen eine Rolle, gleichen aber im Gesamtgefüge eher mittelschweren Ästen im Geflecht der Familiengeschichte.

Michael Christie hält über die vielen Zeitstränge und Handlungsebenen den roten Faden immer fest in der Hand, auch wenn seine Figuren noch so unverwurzelt durch die Weiten Kanadas traudeln. Weil er außerdem gekonnt Familienepos und nature writing verbindet, bei dessen düsterer Zukunftsprognose einem die Haare zu Berge stehen – vor allem, weil angesichts von zahlreichen bedrohten Arten im Pflanzen- und Tierreich die Parallelen zu unserer hiesigen Realität unübersehbar sind – wird dieser Roman zu einem wahren Schmöker, den man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Und ja: Der noch lange im Kopf bleibt.

Michael Christie
Das Flüstern der Bäume
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Penguin Verlag, 2020
Gebunden, 560 Seiten, 22 Euro

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