Das Glück der kalten Jahre

Frauen

Vier Frauen, vier Jahreszeiten, vier ganze Leben: Martyna Bunda erzählt in „Das Glück der kalten Jahre“ eine Familiensaga im Nachkriegspolen. 

„Meiner Mutter, meiner Schwester, meinen Töchtern, unseren Großmüttern, Tanten Freundinnen“ – so steht es in der Widmung von Martyna Bundas Roman Das Glück der kalten Jahre, das kürzlich von Bernhard Hartmann aus dem Polnischen übersetzt wurde. Ist es also ein Buch nur für Frauen? Nein. Aber es ist die Geschichte von Frauen und ihrer Fähigkeit, in Zeiten der Gräuel, des Mangels und der Kälte trotzdem Wärme und Mitgefühl weitergeben zu können, weiterzumachen, auch wenn sie am liebsten resigniert hätten.

In der Zusammenfassung klingt es fast märchenhaft: Es war einmal Rozela, die hatte drei Töchter – Gerta, Truda und Ilda –, die sie allein großziehen muss, denn ihr Mann war bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Gemeinsam mit ihren Kindern lebt sie in einem großen Steinhaus, das nur schwer zu heizen ist, vor allem in den kalten Wintern der 1930er und 40er Jahre. Doch es mangelt ihnen an nichts – bis der Krieg sie aus ihrer Idylle reißt und eine Wunde verursacht, die sich auch über die kommenden Jahrzehnte nicht schließen lässt.

Jahre


Das Glück der kalten Jahre
ist aus allen vier Perspektiven erzählt; in kurzen Episoden wird das Leben von Rozela, Gerta, Truda und Ilda aufgefächert, das sich in erster Linie um die Selbstbehauptung als Frau der Nachkriegsjahre dreht. Und die Männer? Die gibt es natürlich auch, aber sie wirken oft wie Statisten am Rande des eigentlichen Geschehens, sind nichtsnutzige Trinker mit Hang zum Ehebruch, Taugenichtse im Schatten der vier starken Frauenfiguren: Es sei nicht klug, von den Männern allzu viel zu erwarten, erklärt Rozela Gerta.

Dass die Autorin ein halbes Jahrhundert polnischer Familiengeschichte multiperspektivisch erzählt, ist eine interessante Herangehensweise, aber darin liegt auch ein Nachteil des Romans: Die einzelnen Episoden werden stark verdichtet erzählt, manchmal handelt es sich nur um eine Buchseite und das lässt die Ereignisse oft „drollig“ wirken:

„Die Rückreise kam ihr sehr viel länger und anstrengender vor. Vom Bahnhof fuhr Gerta direkt nach Dziewcza Gora. Dort angekommen, fiel sie so, wie sie war, in Kleidern und Schuhen, auf das mütterliche Bett. In den zwei folgenden Tagen konnte sie nichts und niemand wachbekommen.“

Außerdem dauert es eine Weile, bis man sich als Leser*in an diese Struktur gewöhnt, der Lesefluss stockt am Anfang ein wenig und es braucht Zeit, bis man die einzelnen Charaktere auseinanderhalten kann bzw. sie ihren Eigenheiten und Erfahrungen zuordnet. Dass jede der vier Frauen mit aller Kraft versucht, die Schrecken des Krieges – die sich nicht nur mental, sondern auch körperlich eingegraben haben – zu vergessen und zwar durch eine unermüdliche Denke á la „Das bekommen wir schon irgendwie hin, denn wir haben immer alles allein und ohne Männer geschafft“, hat man schnell verstanden. Irgendwann nutzt sich diese Intention ab und verkommt zu Kalendersprüche-artigen Weisheiten, womit wir wieder beim „drollig“ wären.

Nichtsdestotrotz, bei aller Kritik: Das Glück der kalten Jahre zeichnet das Bild von vier unerschütterlichen Frauenfiguren, die sich selbst dann noch Mut zusprechen, wenn alles um sie herum zusammenzubrechen droht – was den Roman zu einer Mischung aus feministischer Selbstbehauptung, unaufgearbeiteten Traumata und polnischer Bullerbü-Idylle macht. Eine Zusammensetzung, die es in sich hat!

Martyna Bunda
Das Glück der kalten Jahre
Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann
Suhrkamp Verlag, 2019
Gebunden, 317 Seiten, 24,- Euro

Foto: Les Anderson