Das ist SO Berlin!

Berlin

Weil sie bei mir mittlerweile eine ganze Regalreihe füllen, dachte ich mir: Ich stelle euch heute mal meine liebsten Bücher über Berlin vor. Allet schick!

John Bock steht in einem geschlossenen Gerüst, das die Form einer auf dem Kopf stehen Pyramide hat, an der Außenseite hängen drei Männer mit wilden, schwarzen Haaren in einem Gurt; mal halten sie schwarze Kreise aus Pappe in die Luft, mal lassen Sie eine orangene Flüssigkeit auf den Boden Tropfen. Es ist Freitagabend und wir sind in Berlin-Mitte auf einer dieser Performances, die nach Diskussionen auf der Meta-Ebene und Weißweinschorle im schick sanierten Hinterhof des Projektraums ruft. Draußen sind es knapp 30 Grad, die Hitze des Tages hängt zwischen den Altbaufassaden fest. Der Abend ist noch jung, später wollen wir tanzen gehen, der Club öffnet aber erst um Mitternacht.

„Das ist SO Berlin“ lautet ein Spruch, mit dem das Stadtmagazin Zitty vor ein paar Jahren die Straßen tapezierte. Gerne wird er zitiert, wenn etwas absurdes, freakiges, lustiges passiert: Wenn ein Großteil der Berliner*innen die Politik per Volksentscheid zwingt, die Start- und Landebahnen des alten Flughafen Tempelhof zu einem gigantischen Park umzuwandeln, anstatt sie zu bebauen. Wenn man in einer Open Air Bar sitzt, zusammen gezimmert aus alten Fensterrahmen, und den Sonnenuntergang über der Spree anschaut. Wenn überall Elektro läuft. Wenn man sich auch mit Mitte dreißig noch nicht festlegen will, gibt doch so viele Möglichkeiten hier (& Tinder!), und jeder an „einem Projekt“ arbeitet.

Wenn alle Strukturen, die einem über die Jahre von der Gesellschaft aufgedrückt wurden, bei Diskussionen im Morgengrauen in Frage gestellt werden: Muss es die streng monogame Zweierbeziehung sein, die 40-Stunden-Festanstellung, der Bausparvertrag? Eigentlich sollte man sich auch dringend mal um die Altersvorsorge kümmern, aber hey, da ist diese geile Party im Sisyphos heute, stehe auf der Gästeliste, kommste mit?

wochenrueckblick

An Berlin kann man sich abarbeiten, ich tue das seit bald 15 Jahren. Als ich 2005 zum ersten Mal in die Hauptstadt kam, waren es -15 Grad, der Boden lag voll mit gefrorener Hundescheisse und die Häuser in Friedrichshain sahen noch aus, als wäre der Krieg erst gestern beendet worden. Mein damaliger Freund, den ich besuchte, eröffnete mir, er habe eine andere Frau kennengelernt. Ich hasste die Stadt aus tiefstem Herzen – und verknallte mich dennoch.

Ein paar Monate später packte ich meinen Koffer mit dem Nötigsten und zog in ein 25 Quadratmeter-Zimmer mit Flügeltüren, Stuck und Kohleofen auf der Warschauer Straße. Ich war fasziniert vom „dicken B oben an der Spree“, wo die Nächte erst um 2 Uhr morgens begannen und man um 9 Uhr zertanzt und zerzaust aus dem Bruchbudenclub in die gleißende Morgensonne taumelte. Um Brandschutz kümmerte sich kaum jemand, jeder Schuppen konnte gut für eine Party sein. Wir grillten auf einem Hausdach in Prenzlauer Berg Schoko-Bananen und liefen entlang der Schornsteine das gesamte Häusercarré entlang. Ich verliebte mich in einen schnuckeligen Filmstudenten, der noch heute zu meinen engen Freunden zählt. Der Fernsehturm glitzerte wissend; mit Anfang zwanzig, dachte ich, stehen mir noch alle Türen offen. Wie sich das anfühlte, darüber habe ich vor ein paar Jahren schon einmal geschrieben.

Berlin

Ich begann damals, mit Vorliebe Bücher über Berlin zu lesen – weil diese Stadt am liebsten um sich selbst kreist, weil die Geschichte hier so greifbar ist. „Das ist SO Berlin“: es könnte auch für etliche Romane gelten, die versuchen, dieses spezielle Gefühl zwischen die Seiten zu bannen. Dieses „Mach was du willst, aber zwing‘ mich nicht, mich dafür zu interessieren“ und „Jeder nach seiner Façon“, dieses „Berlin, du bist so wunderbar“ oder „Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein, so dreckig und laut“. Allet jut, allet schick, so viel los und doch oft einsam. Die Stadt kann einen in ihrer Anonymität verschlucken.

„Berlin is here to mix everything with everything, Alter!“
„Ist das von dir?“
„Berlin is here to mix everything with everything, Alter? Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügtelt werde, Mifti. Filme, Musik, Bücher, Gemälde, Wurstlyrik, Fotos, Gespräche, Träume…“
„Straßenschilder, Wolken…“
„… Licht und Schatten, genau, weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.“
„Es ist also nicht von dir?“
„Nein. Von so ’nem Blogger.“

Angesichts der Tatsache, dass Helene Hegemann in ihrem Debütroman Axolotl Roadkill lange Passagen von einem Blogger namens Strobo abgeschrieben hat, wirkt dieses Zitat im Nachhinein wie ein mit einem Schmunzeln versteckter Hinweis. Als ich das Buch im Sommer 2010 in einer rauschhaften Nacht durchlas, fühlte es sich aber nur an wie ein Schlag mitten ins Gesicht: Hatte ich je etwas so radikales, schonungsloses, ekelhaftes und in seiner pseudo-intellektuellen Szenesprache sehr rätselhaftes gelesen? Woher nahm dieser Teenager all die Infos über die Techno-Clubs, in denen man sich passend zum Beat das Koks in die Nase zog und diese unverblümte Art, über anonymen Sex zu schreiben? Doch mein Eindruck von Berlin – bei weitem aber nicht meine Erlebnisse – deckten sich mit den Sätzen Hegemanns. Die Verfilmung trifft ebenfalls ins Schwarze.

Berlin

„Kaum hat er mich begrüßt, hat er die Stadt schon zweimal grollend Gomorrha genannt, nun ist die Aufregung ein blauer Dunst, der langsam aus ihm entweicht. Dieser Moralrelativismus, diese Toleranz bis zur Gleichgültigkeit, wie er sagt […] Und die Menschen, sagt er, lieben dieses Berlin, lieben das Dreckloch und die Scheißegalität, weil es hier prickelt wie eine Brausetablette, die sich auflöst. ‚Und niemand nimmt es ernst!‘, sagt er.“

Diese „Scheißegalität“, von mir oben ebenfalls erwähnt, durchzieht auch die Erzählung Stadt der Feen und Wünsche von Leander Steinkopf. Durch die Augen eines Müßiggängers und Flaneurs  durchstreifen wir die Stadt, beobachten das Menschengefüge, das ihm zuwider sind. Auch er sitzt auf Hausdächern und schaut auf den Fernsehturm (Das ist SO Berlin!), lässt sich von hornbebrillten Hipstern handgeklöppelten Kaffee zu astronomischen Preisen aufschwatzen und sinniert darüber, wie es hier wohl vor dem Mauerfall gewesen sein mag.

In seinem Freundeskreis wohnt man in spärlich eingerichteten Altbauwohnungen, nur eine Matratze liegt auf den Dielen, daneben ein Stapel zerlesener Taschenbücher. „Für Julia, vielleicht reichen ja die Sonnenstunden auf deinem Altbauboden um das Buch in einem Rutsch zu lesen – das Rutschen jedenfalls habe ich in guter Erinnerung: Wie ein Zeiger auf dem Ziffernblatt den hellen Flecken hinterher“, schrieb mir der Autor als Widmung auf die erste Seite. Ich las das Buch in einem langem Atemzug, mit dem Kopf dabei in einem Sonnenfleck auf den Dielen liegend.

Berlin

„Hinter dem Oranienplatz war es schlagartig zu Ende mit dem bunten Treiben, der Moritzplatz lag trotz Wiedervereinigung noch immer brach. Im Kreisverkehr sahen sie rechts die Baracken des Grenzübergangs Heinrich-Heine-Straße, gegenüber erstreckte sich weitläufig ein Plattenbaugebiet.“

Wie muss Berlin auf eine frisch gebackene Abiturientin gewirkt haben, die Anfang der 90er Jahre nach Berlin zieht? Christine landet in einer Erdgeschosswohnung in Kreuzberg, im berühmt-berüchtigten Kiez SO36 – der kurz zuvor noch wie das Ende der Welt gewirkt haben muss, weil er im Schatten der Mauer lag. Um sie herum erfindet sich die Stadt neu, sie ist auf einmal nicht mehr geteilt und soll zusammenwachsen, tut sich damit aber ziemlich schwer. Die Narben sind unübersehbar, aber das Nachtleben hat ordentlich wumms.

Klar, dass auch das Küken Christine sich erstmal darin treiben lässt und recht schnell die Sitten und Gebräuche Berlins übernimmt (Das ist SO Berlin). Als Besuch aus der heimischen Provinz kommt, wird es schon schwer, diesem die Stadt verständlich zu machen (etwas, was übrigens heute auch noch oft passiert). Berlin wird Festland von Nicola Nürnberg, erschienen 2015, ist eine kleine Liebeserklärung an die Nachwende-Stadt, in der keiner so richtig wusste, wie es jetzt weitergehen soll und wird und in der deswegen für ein paar Jahre eine spannende Form der Anarchie und des wilden Ausprobierens herrschte (die ganz leise noch heute zu spüren ist). Und wie Berlin, sucht auch Christine nach ihrem speziellen Weg in die Zukunft.

Berlin

„Dass unser Haus auf dem Papier andere Besitzer hatte, hat uns nicht eine Sekunde lang beschäftigt. Nicht nur das Haus, der ganze Osten lag ja da, als hätte ihn jemand einfach so liegengelassen. […] Die alten Spielregeln galten nicht mehr, und die neuen waren noch nicht in Kraft.“

Noch ein paar Jahre zuvor, genauer gesagt 1989, spielt der Roman Wir waren die neue Zeit von Andreas Baum. Als die Grenübergänge am 9. November geöffnet werden, verlassen viele DDR-Bürger fluchtartig die Stadt, in den kommenden Monaten stehen unzählige Wohnungen und ganze Häuser leer. Ein Fest für Hausbesetzer oder „Instandbesetzer“, die eine neue Unterkunft suchen, um dort ebenso neue Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens zu erproben.

Sebastian Brandt, auch er aus der westdeutschen Provinz, sucht den Spirit der Großstadt und landet in einem besetzten Haus am Rosenthaler Platz. Was zunächst nach Abenteuer klingt, wird dann aber schnell anstrengend: Über jeden Kleinkram muss erst im Plenum diskutiert und abgestimmt werden – letztendlich geht es dann aber doch meist um die eigenen Interessen. Wer bekommt das größte Zimmer, wer hat die meiste Macht über die anderen und wie gestaltet man das mit dem Sex unter Mitbewohnern? Irgendwann wird außerdem der Verdacht laut, dass sich unter den Bewohnern ein „Maulwurf“ vom Verfassungsschutz versteckt. Das Misstrauen steigt. Jedes Mal, wenn ich in der Brunnenstraße an dem Gebäude mit dem großen Schriftzug „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“ vorbeigehe, muss ich an den Roman von Andreas Baum denken – für mich ein Text, der das Lebensgefühl Berlins perfekt verkörpert.

Berlin

„Es war einmal ein Land, in dem Lampen ohne Fransen und Kaffeetassen ohne Blümchen die Parteitage beschäftigten. Ein Land, in dem Filme, Opern und Tänze verboten wurden, weil sie ein paar alten Männern nicht gefielen. Ein Land, aus dem man nicht raus konnte, nicht nach Paris, nicht nach Venedig, auch nach Andalusien nicht. Können Sie sich vorstellen, dass es in diesem Land ein Leben gab, das leicht war und bunt, verzweifelt und verspielt zugleich – das Leben der Boheme?“

Über die „Boheme der DDR“ hat man viel gehört, nicht selten spielt dabei der Prenzlauer Berg eine sehr wichtige Rolle. Von geheimen Lesungen auf Dachböden ist da die Rede, von Kunstausstellungen, die in Privatwohnungen organisiert wurden, von exzentrischen Verkleidungen, mit denen man sich die weite Welt in die eigene, von einer Mauer eingegrenzten holte. Und wie war es wirklich? Jutta Voigt hat in Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens versucht, ein Lebensgefühl einzufangen, welches sich streng genommen nur schlecht einfangen lässt.

Ob es alles wirklich so passiert ist oder im Strudel der Erinnerungen –  und den diversen Flaschen Stierblut-Rotweins geschuldet – zu einer aufgehübscht nostalgischen Masse verschwommen ist? Letztendlich ist das nicht wichtig, denn die Autorin (Jahrgang 1941) erweckt die Jahrzehnte hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“ mit so viel, nunja, Stierblut und Herzblut zum Leben, dass man sich wünscht, eine Zeitreise machen zu können, um mit den Künstler*innen des Prenzlauer Bergs durch die maroden Straßenzüge zu ziehen und zu träumen…

Berlin, ick liebe dir…

Berlin, die Stadt, die niemals schläft (wirklich nicht!), die ihre eigenen Regeln hat, die einen früher oder später eigenwillig macht und einlullt; Berlin, ein eigener Kosmos, eine Welt für sich, die in erster Linie um sich selbst kreist. Ich bin nicht die einzige, die ihr restlos verfallen ist. Und so wird die Reihe in meinem Bücherregal, in denen die Bücher aus und über Berlin stehen, immer länger und länger…

BerlinHelene Hegemann
Axolotl Roadkill
Ullstein Verlag
Taschenbuch, 208 Seiten, 8,99,- Euro
BerlinLeander Steinkopf
Stadt der Feen und Wünsche
Hanser Verlag
Gebunden, 112 Seiten, 16,- Euro
berlinJutta Voigt
Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens
Aufbau Verlag
Gebunden, 272 Seiten, 19,95,- Euro
berlinNicola Nürnberger
Berlin wird Festland
Open House Verlag
Gebunden, 272 Seiten, 22,- Euro
berlinAndreas Baum
Wir waren die neue Zeit
Rowohlt Verlag
Gebunden, 288 Seiten, 19,95,- Euro
(auch als Taschenbuch erhältlich)

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