Das ist unser Haus!

HausbesetzerBesetztes Haus in Berlin-Friedrichshain, 1990 / Foto: Wikimedia Commons, Renate Hildebrandt

Drei Autor*innen schreiben gemeinsam einen Roman über die Hausbesetzer-Szene im Westberlin der 1980er Jahre: „Aufprall“ ist ein Experiment, das gelungen ist!

„Doch die Leute im besetzen Haus
riefen: Ihr kriegt uns hier nicht raus!
Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich
Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“

Als eine Gruppe Menschen 1980 im Roman ein Haus in Kreuzberg besetzt, ist der Rauch-Haus-Song von Ton Steine Scherben – der bis heute eine Art Hymne der autonomen Szene ist – bereits ein knappes Jahrzehnt alt. Die Idee, in leerstehende Gebäude einzuziehen, um sie vor dem Verfall zu retten, sie „instandzubesetzen“, floriert zu der Zeit aber noch immer in Westberlin. Der Kalte Krieg ist besonders kalt und die geteilte Stadt grau und kaputt – innerlich wie äußerlich.

„Berlin war eine Fronstadt mit einer übrig gebliebenen Population. Keiner, der glaubte oder hoffte, eine Zukunft zu haben, ging damals nach Berlin. […] Wir Zugezogenen aus der westlichen Provinz wanderten staunend über riesige, mit Unkraut bewachsene Brachen, steckten die Finger in die Einschusslöcher, die an den Häuserweänden von den Straßenkämpfen der letzten Kriegstage übrig geblieben waren, und entdeckten an den Brandmauern die geisterhaften Zimmerumrisse der im Krieg zerstörten Wohnungen.“

Ein Haus zu beziehen, dass seit vielen Jahren leersteht, weder Strom noch Gasanschluss geschweige denn eine Heizung hat, ist erstmal kein Zuckerschlecken. Es bedeutet Matratzenlager in einem Raum, Kohlen schleppen und das alte Badezimmer von einer zentimeterdicken Schicht Taubenkot befreien. Es bedeutet auch regelmäßige Polizeieinsätze, gegen die man sich nur verteidigen kann, in dem man das Erdgeschoss mit Brettern verrammelt und abwechselnd Nachtwache hält.

Thomas, Luise, Vroni, Soraya, Michael, Lars, Irene und andere wollten diese ungewöhnliche Form des zusammenlebens ausprobieren – auch wenn sich herausstellt, dass sie da durchaus unterschiedliche Vorstellungen von haben. Manche sehen sich als die nächste Generation der RAF und spielen mit der (sicher romantisierten) Idee, bewaffnet in den Untergrund zu gehen; andere verlassen sich auf das Kollektiv: irgendwer wird schon einkaufen gehen, jemand anders den Kohleofen anheizen und kochen, ich bleib derweil im Bett liegen.

Das funktioniert eine Weile, doch dann kommen Thomas, Elena und Luise von einem Ausflug nach Prag, den sie zu viert angetreten haben, nach einem schweren Autounfall nur zu dritt zurück – das Gefüge in der Hausgemeinschaft verändert sich. Und die Zeiten sowieso.

Hausbesetzer

Hausbesetzer in Berlin-Kreuzberg, 1981 / Foto: Wikimedia Commons, Tom Ordelman

Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland haben Aufprall gemeinsam verfasst und dabei ihre eigenen Erinnerungen an die Jahre auf der Insel Westberlin einfließen lassen: Sie sind ihre Charaktere und sind es doch nicht. Zwar gibt es mit ziemlicher Sicherheit Überschneidungen zwischen Heinz Bude und der Figur Thomas sowie zwischen Bettina Munk und der Figur Luise, doch ist dies keine Autobiographie und vor allem: der Text ist frei von jeglicher Nostalgie oder diesem „hach, diese wilde Zeit, als Kreuzberg noch cool war“-Unterton.

Und da wir uns in einem Umfeld befinden, in dem das Kollektiv mehr zählte als das Individuum, wechseln die Autor*innen immer wieder zwischen Kapiteln in der Ich-Perspektive und der Wir-Perspektive, die wie eine Chor im griechischen Theater mit (weiblichen) Stimme spricht. Das führt anfänglich kurz dazu, dass die Schilderungen der Atmosphäre in Westberlin wie aus einem Geschichtsbuch abgeschrieben klingen, entwickelt mit der Zeit aber eeinen rauschhaften Sog: Man ist als Leserin Teil der Hausbesetzerszene, man sitzt rauchend mit am Küchentisch und stimmt basisdemokratisch ab über alles und nichts – etwas, was auch im Roman Wir waren die neue Zeit von Andreas Baum, der vor vier Jahren erschienen ist, eindrücklich geschildert wurde.

Die Hausbesetzer gönnen sich selbst wenig:

„Wir waren hart gegen uns selbst. Redeten uns ein, dass Freiheit und Liebe sich ausschließen. In der Bindungslosigkeit sagen wir unser Liebesideal. Selbst langjährige Paare verhielten sich, als ob sie schon am nächsten Tag getrennt sein könnten. Experimente wurden am offenen Herzen durchgeführt. Wer Sex will, nimmt sich ihn. Niemand darf Ansprüche an den anderen stellen. Freiheit ist oberstes Gesetz. Rücksichtslosigkeit ist Selbstausdruck.“

Aufprall ist individuelle und kollektive Erinnerung zugleich, die über den Großteil des Romans angenehm zu lesen dahinfließt, bis sie am Ende ein bisschen zerfasert – genau, wie sich die ehemalige Gemeinschaft zerstreut. Längst ist das besetzte Haus aufgelöst und der Kommunardentraum geplatzt, die Männer und Frauen zurück in Einzimmerwohnungen gezogen, man trägt jetzt lieber Föhnfrisur und knalligen Lippenstift, wenn man in Pumps über die „O-Meile“ (Oranienstraße) stolziert. Als im Spätherbst 1989 die Berliner Mauer fällt ist klar: Das war’s. Oder geht es jetzt erst los?

Drei Menschen schreiben zusammen einen Roman: Das ist ein gewagtes Unterfangen, doch im Fall des Trios Bude, Munk, Wieland ist das absolut gelungen!

Heinz Bude, Bettina Munk, Karin Wieland
Aufprall
Hanser Verlag, 2020
Gebunden, 342 Seiten, 24 Euro

Die Autor*innen haben darüber hinaus eine Playlist zum Buch bei Spotify veröffentlicht, was ich für eine ziemlich tolle Idee halte!