Das Lächeln der Alligatoren

Alligatoren

Seine erste Liebe, ob nun groß oder weniger groß, vergisst man nie. Das erste Mal einen Frauen/Männerkörper näher kennenzulernen, dieses allumfassende Kribbeln im Körper, als hätte sich eine Horde Ameisen in der Bauchgegend eingenistet. So geht es auch Matthias mit Marta – aber wie viel Zukunft hat eine Liebe, die eher einseitig ausgelegt und zudem von Geheimnissen und Verrat gekennzeichnet ist? „Das Lächeln der Alligatoren“ von Michael Wildenhain ist ein intensiver und eindringlicher Roman über Schuld, Sühne und das Erwachsenwerden.

Anfang der 1960er Jahre auf Sylt: Matthias und seine Mutter sind für die Sommerferien ans Meer gefahren. Doch es geht hier nicht nur darum, Urlaub zu machen, denn in einem Heim auf der Insel lebt Matthias‘ Bruder. Seit er als junges Kind eine Entzündung im Gehirn hatte, ist er kaum noch ansprechbar, reagiert nicht auf andere Menschen und beschäftigt sich stumm mit seinen Bauklötzen. Oft erbricht er sich ohne Vorwarnung.

Matthias ist durchzogen von Ekel und Schuldgefühlen gleichermaßen: Hat die Erkrankung mit seinem Bruder etwas damit zu tun, dass er ihn damals beim Spielen vom Bett geschubst hatte? Und kann es nicht doch irgendwie wieder wie früher werden, als er noch mit Vater, Mutter und gesundem Bruder zusammenlebte?

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„‚Wird er immer so bleiben?‘ Ich schaue meinen Vater an. Und mein Vater nickt. [..] ‚Ja‘, sagt mein Vater, ‚für immer. Das liegt an der Entzündung in seinem Gehirn.'“
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matthiasDie Nachdenklichkeit, die für einen 15-jährigen Teenager eigentlich viel zu viel ist, wird unterbrochen durch seine aufkeimende Sexualität, die auf ein konkretes Ziel gerichtet ist: Marta, die Pflegerin seines Bruders. Ihre Art, ihn zu behandeln, beschert ihm schlaflose Nächte und feuchte Träume. Wie gerne würde er ihr näherkommen!

Was er dann auch tut, allerdings erst ein paar Jahre später, als Student in West-Berlin: Da steht sie ihm plötzlich in einer Vorlesung gegenüber, mit forschem Blick und radikalen Gedanken. Dass dahinter nichts Gutes stecken kann, begreift Matthias erst, als er ihr schon längst mit Haut und Haaren verfallen ist und keinen Zugriff mehr auf seine eigene Lebensgeschichte hat…

Mit der Sprengkraft eines Thrillers

Die Zeitumstände der späten 60er und frühen 70er, die angespannten sozialen Verhältnisse zwischen spießbürgerlichen Mief und freier Liebe, Traditionen und radikalen Forderungen verdichtet Michael Wildenhain in seinem Roman zu einem engmaschigen Gewebe aus Moralvorstellungen, Narzissmus, Schuld und Sühne – mittendrin muss die Hauptfigur Matthias, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden, seinen Weg in das Erwachsenenleben finden.

Als Leser müssen wir mit ansehen, wie der in Liebesdingen völlig unbedarfte, obwohl hochintelligente junge Mann blindlings in sein Unheil rennt; Wildenhain erzählt dies ohne Vorwurf, ohne „ach Junge, hättest du dich mal ferngehalten“-Attitüde, sondern mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis für das Handeln des Protagonisten, der sich zeitlebens mit Schuldgefühlen quält und unter mangelnder Zuneigung seiner Eltern leidet. Es ist eine leise und sorgfältig erzählte Geschichte, die nach und nach die Sprengkraft eines Thrillers entwickelt – bis am Ende alles explodiert…

Michael Wildenhain
Das Lächeln der Alligatoren
dtv Verlag, 2016
Taschenbuch, 248 Seiten, 9,90€
ISBN 978-3-423-14539-8

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