„Das Mädchen mit wenig PS“ – zum 50. Todestag von Ruth Landshoff-Yorck

Foto: Meagan L. Ragan

Foto: Meagan L. Ragan

Ruth ist mittendrin in der Bohème der „Roaring Twenties“ und verzaubert die Leser mit ihren kessen Feuilletons. „Das Mädchen mit wenig PS“ aus dem Aviva Verlag versammelt diese.

„Ich hab in der ganzen Zeit, in der ich in Deutschland Schriftstellerin war, nie ein ungedrucktes Manuskript besessen. Alles wurde irgendwo gedruckt. Und ich wusste nicht einmal, dass das ein Ausnahmefall war“. Ruth Landshoff-Yorck, Tochter eines Ingenieurs und einer bekannten Opernsängerin, stammt aus gut situiertem Hause und muss sich daher über ihr Einkommen keine Sorgen gmachen – sie tut einfach das, wonach ihr der Schnabel gewachen ist.

Fährt als eine der ersten Frauen in Berlin Auto, führt geschickten Smalltalk auf streng genommen gähnend langweiligen Abendveranstaltungen, lässt sich von der Männerwelt hofieren. Und verarbeitet all ihre Erlebnisse in stilistisch gekonnten Miniaturen, die in den damaligen Tageszeitungen und Magazinen abgedruckt werden und das Lebensgefühl der „neuen Frau“ in ebenso spritzige wie treffende Worte fassen. Und dass, obwohl der Journalismus (bis heute hat sich daran übrigens nur marginal etwas verändert) von Herren mittleren Alters dominiert wird, die über die Erlebnisse einer Frau Anfang zwanzig meistens nur schmunzeln.

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„Wenn man viel in Gesellschaften geht, muß man darauf gefaßt sein, viel gelangweilt zu werden. Es ist darum immer gut, eine Reihe schlagkräftiger Erwiderungen auf stereotype Anreden bereit zu haben. […] Bei ‚Wie schön Sie heute abend aussehen‘, empfehle ich der Naiven: ‚Finden Sie wirklich?‘, der Schnippischen ‚Wieso nur heute abend?‘, der Arroganten: ‚Man tut, was man kann‘ und der Blasierten: ‚Sie sind der einzige unter den Anwesenden dem das erst jetzt auffält.'“
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image Mit ihren Glossen legte die selbstbewusste Autorin – die am liebsten mit einer Zigarettenspitze im Mund und der Schreibmaschine auf dem Bauch auf dem Sofa liegend schrieb, heißt es – es nicht auf Pointen an, die man mit dem Umblättern der Seite schon wieder vergessen hat. Vielmehr schafft sie es, die Zeit des Umbruchs zwischen den beiden Weltkriegen auf gekonnte Art zu veranschaulichen; so gekonnt, dass man sich als Leser schon fast sehnsüchtig in diese Zeit wünscht, in der Frauen ihre Ablösung von der mitunter einengenden Männerwelt vorantreiben konnten, ohne gleich als männermordende Emanzen verschrien zu sein.

Wobei das auf einige der in den Feuilletons beschriebenen „Frauenzimmern“ durchaus zutreffen könnte: „Dorinde ist ein praktisches Mädchen. Sie versteht es großartig, sich alles sehr komfortabel einzuteilen: sie organisiert sogar ihre Flirts. Man kann ja nicht von einem Flirt erwarten, daß er vollkommen ist und für jede Tätigkeit brauchbar.“

Knapp 50 Texte sind in dem kleinen, giftgrünen Band versammelt – aufgeteilt in Kapitel zu „Zeitgeist“, den Unterschieden zwischen Frau und Mann und Reise-Anekdoten – und jeder davon entführt den Leser mit teilweise bissigem Humor in eine Zeit, die viele von uns wohl sehr gerne miterlebt hätten!

//Geeignet für//
Alle, die mehr über das Lebensgefühl der „wilden Zwanziger“ erfahren möchten und auf Texte von starken, selbstbewussten Frauen stehen

Ruth Landshoff-Yorck: „Das Mädchen mit wenig PS. Feuilletons aus den zwanziger Jahren“ Hg. und mit einem Nachwort v. Walter Fähnders. Aviva Verlag, 2015. Gebunden, 224 Seiten, 18.90€. ISBN 978-3-932338-81-6

Kategorie Allgemein

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