Das neue Buch

BuchDie legendäre Bravo Bar – natürlich auch auf der Torstraße / Foto: Fräulein Julia

Rafael Horzon hat „Das neue Buch“ geschrieben – und liefert darin eine süffisante Definition der selbstherrlichen Kunstszene von Berlin-Mitte.

Immer wenn ich Sendungen aus dem Post-Späti auf der Torstraße abholen muss, laufe ich an einem der Ladengeschäfte von Rafael Horzon vorbei. Mal stehen darin nur weiße Regale, mal sind diese mit den bunten Buchrücken des Suhrkamp Regenbogens bestückt. Seit ein paar Monaten sind die Wände des hellen Raumes – ich nenne es bewusst nicht Galerie, bevor Horzon mich noch verklagt, denn er will partout nicht als Künstler bezeichnet werden – mit Platten in rosa und mintgrünen Platten behängt: Dämmmaterial, dass für gewöhnlich bei der Fassadensanierung von Häusern eingesetzt wird. Sieht ganz nett aus.

Achja, Rafael Horzon schreibt übrigens auch Bücher – Sachbücher, das wollen wir hier dringend festhalten, KEINE ROMANE – und jetzt ist von ihm ein neues erschienen. Es heißt, das ist ja auch recht einleuchtend: Das neue Buch. Worum geht’s? Kurz gesagt: Um alles und nichts. Es ist ein Text, der auf der Meta-Ebene entlang strauchelt, wobei das viel zu verkopft klingt. Horzon schreibt darüber, wie er beim Suhrkamp Verlag vorstellig wird, um einen Vertrag für ein neues Buch zu erhalten. Mit mindestens sechstelligem Vorschuss, das versteht sich von selbst für ihn. Schließlich könnte es der nächste Beststeller werden – sowie das erste Buch Das weisse Buch.

„Gut, aber es war ja nirgends auf der Bestsellerliste.“
„Ja, aber auch nur, weil ihr meinen ursprünglichen Buchtitel abgelehnt habt.“
„Wieso, was war denn der ursprüngliche Titel?“
Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon.“
„Aber…“
„Dann hätte nämlich in JEDER Besprechung gestanden: Das Meisterwerk von Bestsellerautor Rafael Horzon. Selbst in den Verrissen.“

Der Suhrkamp-Verleger willigt ein, über ein neues Buchprojekt zu sprechen – wenn Horzon Manuskript und Probeartikel abgibt. Doch da gibt es ein klitzekleines Problem: Worüber soll er eigentlich schreiben? Über sein Leben, meint sein Freund Philipp Mollenkott, oder über Frauengeschichten? Das zieht doch immer. Schwierig, meint Horzon. Schließlich spaziert er die meiste Zeit durch die Gegend oder löst Kreuzworträtsel. Frauengeschichten: Fehlanzeige.

Aber man kann sich ja treiben lassen, wenn man genügend Geld hat oder mutig genug ist, auf alle möglichen Arten an Geld zu kommen, wenn man sich jeden Abend bei einer anderen Vernissage in Mitte durchfuttern kann und die gesamte Berliner Kunstszene in- und auswendig kennt. Irgendwo ploppt schließlich immer eine Champagnerflasche! Auch in den Räumen von Horzon finden immer wieder Vernissagen statt, wobei man mit „Vernissage“ ja eine Ausstellungseröffnung bezeichnet und dafür müsste Kunst zugegen sein, Horzon verkauft aber nur Gebrauchsgegenstände. Der Torstraßen-Bürgersteig ist dann trotzdem rappelvoll mit Häppchen mümmelnden Menschen.

Buch

Das neue Buch im Schaufenster auf der Torstraße / Foto: Fräulein Julia

Doch das Jahr, über das Horzon hier schreibt – mit Klarnamen und Schilderung von Events, die tatsächlich mehr oder weniger so stattgefunden haben – wird überschattet von der Erkrankung seines Freundes Carl Jakob Haupt. Der ist Teil des Modeblogs Dandy Diary und unter anderem bekannt für ausufernde Motto-Parties, auf denen man sich schon mal am ganzen Körper mit Sahnetorte einreibt. Im April 2019 ist Jakob an Magenkrebs gestorben, mit nur 34 Jahren. Etwas, was auch mich sehr berührte, da wir gleich alt waren; ein Jahr zuvor hatte ich Jakob für das Schirn Mag interviewt und ihn als einen überaus symphatischen Menschen kennengelernt.

Wer sich in der Berliner Kunst-, Literatur und Kulturszene auskennt, wird in diesem Buch viele Protagonist*innen wiederfinden, die im feuilletonistischen Berliner Alltag omnipräsent sind. (Ähnlich lustig, aber etwas mehr durch die Blume, schrieb auch Johanna Adorján in Meine 500 besten Freunde über diese Szene) Manchmal wirkt das wie überzogenes name dropping, doch merkt man ja direkt ab der ersten Seite, dass Horzon hier alle humoristischen Register zieht: Was Lacostet die Welt? Geld spielt keine Rolex!

Teilweise ist das so aberwitzig ulkig, dass ich mich vor Lachen fast an mir selbst verschluckt hätte; etwa wenn Horzon – noch immer weiß er nicht, wovon sein Buch handeln könnte – eine Liste möglicher Titel aufschreibt: Mein interessantes Leben, Mein sehr interessantes Leben, Die Vermessung des Universums, Die Vermessung der Feuchtgebiete, Feucht ist mein Gemüse, Die Göttliche Tragödie oder Fotzendämmerung. Warum nicht Fotzendämmerung, Herr Horzon? Ich hätte es gekauft!

Wovon Das neue Buch genau handelt, ist also irgendwie schwer zu vermitteln, man sollte es dringend selbst lesen und sich und überhaupt alles mal für ein paar Stunden nicht so ernst nehmen. Grüße aus Berlin-Mitte, ich geh jetzt erstmal einen Champagner entkorken!

Rafael Horzon
Das neue Buch
Suhrkamp Verlag, 2020
Broschiert, 303 Seiten, 20 Euro