Das Paradies kann warten

Cornelia Schleime, Nympheas I 2000, Acryl auf Leinen, 180 x 230 cm /  copyright Cornelia Schleime

Cornelia Schleime, Nympheas I, 2000, Acryl auf Leinen, 180 x 230 cm / copyright Cornelia Schleime

1953 in der DDR geboren, Kunsstudium und Ausstellungsverbot, kurze Zeit später Ausreise nach West-Berlin. Viele biographische Details der Künstlerin Cornelia Schleime schwingen auch in ihren Erzählungen mit, die kürzlich unter dem Titel „Das Paradies kann warten“ bei Fuchs & Fuchs erschienen sind.

Eine der wichtigsten Lektionen, die mir aus meinem Germanistikstudium in Erinnerungen geblieben sind: Man soll den Erzähler nicht mit dem Autor bzw. der Autorin gleichsetzen. Dies sollte auch für die Erzählungen von Cornelia Schleime gelten – und dennoch lassen sich gewisse Parallelen zwischen den Erlebnissen der Protagonistinnen und den Lebensstationen der Autorin nicht verleugen. Aber warum auch?

Da wäre das junge Mädchen in der Erzählung „Diese Schweine“, welches ihr rotes FDJ-Halstuch liebend gerne gegen ein glitzerndes Abzeichen eintauschen würde, dass die „russischen Befreier“ an ihren Uniformen tragen. Doch das rücken die nur raus, wenn die Mädels ihnen ihre Brüste zeigen – und unsere Protagonistin hat leider noch keine. „Als ich meinen [Pullover] hochzog, haben sie mich nur ausgelacht und gepfiffen wie bei einem Fußballspiel. Dafür nicht Abzeichen! Kommen du nächstes Jahr wieder, mit Brust!

Schleime_Paradies_Schlange_SU_140319.inddCornelia Schleime, die nach einigen Umwegen in der DDR ein Kunsstudium begann, legte schon immer ihre ganze Seele in ihre Malerei – was der Obrigkeit gehörig gegen den Strich ging. Nachdem sie 1981 Ausstellungsverbot erhielt, stellte sie einen Ausreiseantrag, der sie 1984 nach West-Berlin brachte. Ihre bisherigen Malereien, Zeichnungen und Filme gingen dabei verloren. Schleime setzte neu an – und schuf ein beachtliches Werk, welches sie bis heute meiner Meinung zu einer der aufregendsten Künstlerinnen macht.

Einige ihrer Werke sind in Kleinformat zwischen den Erzählungen abgedruckt, jedes Mal scheinen sie perfekt auf die Atmosphäre und Vorgänge in den Texten abgestimmt zu sein. Mythologische Figuren stehen zwischen den  Zeilen der Erzählung „Das weisse Kleid“, in der eine Frau sich allein auf eine Reise nach Kreta begibt und sich über Wasser hält, in dem sie für ein Abendessen mit Männern schläft. Ein Totenkopf blickt aus einer anderen Seite hervor – es geht um das Dauerthema Gentrifizierung und Vertreibung der eingesessenen Bewohner, um das man in Berlin nicht herum kommt.

In „Das Paradies kann warten“ bringt Cornelia Schleime allerlei Themen und Gefühle zusammen, es geht unter anderem um Verlust, Hoffnung, Sex, Einsamkeit, Familie und Heimat, mal schonungslos offen und abgebrüht, mal zart, feingliedrig und sensibel formuliert. Jede einzelne Erzählung ist so eindringlich, dass nach dem Lesen des Buches eine – irgendwie undefinierbare – Stimmung zurückbleibt. „Cornelia Schleimes Geschichten sind so dicht und unbeirrt geschrieben, dass das pralle Leben aus den Zeilen zu platzen scheint„, steht es im Klappentext. Das kann man nicht besser ausdrücken.

Cornelia Schleime: Das Paradies kann warten. Storys. Fuchs & Fuchs, Berlin 2014. Hardcover, 192 Seiten, mit 30 farbigen Bildern. 21,90€. ISBN 978-3-945279-02-1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree