Dana Grigorcea: „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“

Grigorcea

Als ich auf dem „Sommerapéro“ des Dörlemann Verlags in den Genuss einer Lesung von Dana Grigorcea kam, wusste ich sofort: Dieses Buch muss ich unbedingt lesen! Nun ist der Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ erschienen – und hat mich nicht enttäuscht.

Viktoria arbeitet als Bankangestellte in Wien, sie ist überpünktlich und arbeitet streng nach Regeln. Bis ihre Bank eines Tages überfallen wird – von einem alten Mann mit Stil: „Gestatten die Herrschaften, das ist ein Bankraub!“ Viktoria wird beurlaubt; um ihr Trauma zu verarbeiten, zieht sie zurück nach Bukarest, wo sie aufgewachsen ist. Einen Sommer lang lässt sie sich treiben und die Hauptstadt Rumäniens zur Zeit des Ceaușescu-Regimes wieder aufleben.

GrigorceaVieles hat sich verändert, doch die Grundzüge sind noch zu erkennen, die Personen gleich geblieben, nur gealtert. Da ist „die Hübsche“, eine Kioskverkäuferin, die zu Viktorias Kinderzeiten als „Remailleuse“ also als „Maschenaufnehmerin“ (zum Flicken von Feinstrumpfhosen im Osten) arbeitete. Der Nachbarssohn Codrin, dessen Mutter ihren Mann beim Fremdgehen erwischte und kurzerhand mit einem Beil erschlug. Dinu, ihr Ex-Freund, der mittlerweile als Stuntman arbeitet und die Seele von Großmutter Mémé, die durch die erinnerungsschwangere Atmosphäre geistert.

Und das ist es auch, was den Roman maßgeblich ausmacht: Diese erinnerungsschwangere Atmosphäre, in der sich Erlebnisse aus der Gegenwart fast lückenlos mit Situationen aus der Vergangenheit vermischen, Realität mit Phantasie zu einer untrennbaren Masse zerläuft.

Dass Dana Grigorcea hier eine ganze Menge autobiographischer Elemente zwischen die Buchdeckel gepackt hat, stört nicht, im Gegenteil – es macht den Roman zu einer fulminanten Mischung aus Nachdenklichkeit, Kritik an den bestehenden und vergangenen Verhältnissen, gepaart mit humorvollen Erinnerungeng an ihre Zeit als „Pionierin“ bei der „Zeremonie zur Übergabe der roten Halstücher“:

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„Der Tag hatte schlecht begonnen, denn meine rote Nelke wurde von einem Kollegen, der zwar klein und zierlich war, aber den seine Eltern zum Karate schickten, mit einem sogenannten Sprungtritt nach vorn geköpft. Es blieb nur der Stiel, mit dem ich zwar duellieren konnte, hätte noch ein anderer Kamerad auch nur noch den Stiel gehabt, aber alle hatten ganze Nelken.“
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In einer kurzen Picknickpause stehlen sich Viktoria und drei Freunde davon, um das alte Gefängnis, in dem die Zeremonie stattfindet, davon – und kommen auf die Idee, ihren Mitschüler in rostige Handschellen an der Wand zu stecken, um dem Ort spielerisch entgegenzutreten. Doch die Handschellen sind so alt und eng, dass sie ihn nicht mehr befreien können – wodurch eine der lustigsten Szenen des Buches entsteht. Ein wahrlich schöner, liebevoller Roman!

Dana Grigorcea
Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit
Dörlemann Verlag, 2015
Gebunden, 264 Seiten, 22€
ISBN: 9783038200215

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