Das Schweigen brechen: „Deutsches Haus“ von Annette Hess

Deutsches Haus

„Wir wussten von nichts“: Annette Hess hat mit „Deutsches Haus“ ein Romandebüt vorgelegt, das den Auschwitz-Prozess aus Sicht einer Dolmetscherin schildert.

Es wirkt auf den ersten Blick unglaubwürdig: Ist es möglich, dass eine junge Frau Anfang 20 im Jahre 1963 noch nie von Auschwitz gehört hat? Genau so steht es nämlich um Eva Bruhns, die Hauptfigur aus dem Debütroman Deutsches Haus von Annette Hess. Als sie an einem Sonntag gebeten wird, für einen Dolmetscher einzuspringen – auch sie arbeitet als Übersetzerin aus dem Polnischen – ist sie zunächst verwirrt. Eigentlich übersetzt sie juristische Texte, nun spricht der Mann, dessen Worte sie überträgt, auf einmal völlig Fachfremdes:

„Dann führten sie die 850 sowjetischen Gäste in den Keller der Herberge hinab. […] Dann warfen sie das Licht in den Keller, durch die Lüftungsschächte, und schlossen die Türen. Am nächsten Morgen öffnete man die Türen wieder. […] Die meisten der Gäste waren erleuchtet.“

Irritierte Blicke seitens der Auftraggeber lassen Eva die Röte ins Gesicht steigen, ein Blick ins Wörterbuch macht ihr klar: Nicht Licht muss es heißen, sondern Gas, nicht erleuchtet, sondern erstickt. Wovon ist hier die Rede? Eva ist verstört, versucht später mit ihrer Mutter darüber zu reden, doch die wiegelt ab – der Krieg, das ist doch nun lange her und will man die alten Geschichten wirklich wieder aufwärmen?

Deutsches Haus

Doch Eva will mehr wissen und als sie gebeten wird, auch bei dem beginnenden Auschwitzprozess zu dolmetschen, sagt sie zu – sehr zum Verdruss ihres Verlobten Jürgen, der sie bereits als Heimchen am Herd im Blick hatte. Was die Wirtstochter, deren Eltern kurz nach dem Krieg ihr Restaurant „Deutsches Haus“ eröffnet hatten, in den folgenden Wochen hört und übersetzen muss, wird ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen – und ist auch für die Leser teilweise harter Tobak, auch wenn wir, aus der Sicht von 2018, stärker vertraut sind mit den Geschehnissen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Annette Hess – die mit der Serie Weissensee und den ZDF-Mehrteilern Ku’Damm 56 und Ku’Damm 59 ziemlich erfolgreich ist – hat sich als Vorbereitung auf ihren Debütroman die Tonband-Protokolle der Prozesse angehört, die seit einigen Jahren frei zur Verfügung stehen. Teilweise wortwörtlich, teilweise fiktiv erweitert flicht sie diese Aussagen von Zeugen und Angeklagten in ihren Roman ein und entwickelt, in Kombination mit dem persönlichen Entwicklungsweg der Hauptfigur Eva Bruhns, ein stimmiges Bild der Wirtschaftswunderzeit in der Bundesrepublik der 1960er Jahre. Man wollte wieder fröhlich sein, sich den Genüssen des Lebens hingeben und möglichst nicht an die Vergangenheit denken – „es war ja schließlich Krieg, was hätten wir denn tun sollen?“

„Das ist zwanzig Jahre her. Als wir begriffen haben, was da passiert ist, da war es  zu spät. Und wir sind keine Helden, Eva, wir waren ängstlich, wir hatten kleine Kinder. Man hat früher nicht aufbegehrt, das kann man mit der heutigen Zeit nicht vergleichen.“

Dass Eva den Staub längst vergangener Zeiten aufwirbelt und dabei erschreckende Verzweigungen mit ihrer eigenen Familiengeschichte feststellen muss, weiß die Autorin gekonnt in Szene zu setzen – man merkt ihrer detailreichen Sprache an, dass sie vom Film kommt (und, so verriet Hess in der Premierenlesung in Berlin, die Geschichte sei zunächst auch für das Fernsehen geplant gewesen). Doch so bildhaft sich das Coming of Age der Protagonistin auch gestaltet, so verlaufen sich andere, über viele Seiten erfindungsreich porträtierte Figuren plötzlich ins Leere – das wirkt gelegentlich, als seien der Autorin die Ideen ausgegangen.

Deutsches Haus bleibt trotz einiger Schwächen aber ein stimmiges und eindringliches Debüt, welches den Schwerpunkt nicht so sehr auf die Wiedergabe der Kriegsgräuel legt, sondern auf die Auseinandersetzung der (Nach-)Kriegsgeneration mit der eigenen Schuld, der Scham und dem Verschweigen. Und es beinhaltet durchaus auch eine Warnung an unsere Gegenwart: Dieses „Wir haben ja nichts gewusst“ – das sollten wir wirklich nicht wiederholen.

Annette Hess
Deutsches Haus
Ullstein Buchverlage, 2018
Hardcover, 368 Seiten, 20,-€

Foto: Les Anderson

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