Das Zu-spät-Kommen-Syndrom

Berlin

Berlin-Logbuch VI: „Ich werde es hier in dieser Stadt einfach nicht schaffen, pünktlich zu kommen. Zumindest nicht, wenn ich alleine unterwegs bin.“

Irgendwie liegt es nicht in meinen Rheinländer-Genen, in Berlin genügend Zeit für die Bahnfahrt einzuplanen, weil man das in Köln oder Bonn einfach nicht braucht. Bzw. es da nach guter kölscher Art sowieso normal ist, zu spät zu kommen. Und zusätzlich ist es in Bonn schon möglich, den Stadtteil zu wechseln, wenn man nur die Straße überquert, oder die komplette Fahrtstrecke einer Bahnlinie in einer Stunde zurückzulegen. Während man hier endlos und endlos fahren kann, dabei panisch auf die Uhr schauen muss, und das obwohl der Bahnverkehr hier relativ reibungslos abläuft.

So ist es mir auch gestern passiert. Nachdem ich ein Weilchen mit J. im Treptower Park meine Füße in die grün-siffige Spree gehangen hatte, mir dabei die Sonne in den Nacken hatte scheinen lassen, hab ich mich aufgemacht Richtung Wannsee, um dort an der ersten Lesung teilzunehmen, über die ich berichten soll. Eine dreiviertel Stunde bis eine ganze Stunde hatte ich eingeplant, was jedoch für knapp fünfzehn Stationen nicht zu reichen scheint. Und das
Glück war sowieso nicht auf meiner Seite.

Zunächst glänzten die S-Bahnen an der Haltestelle Treptower Park mit Abwesenheit aufgrund eines Auffahrunfalls oder ähnlichem, dann hatte ich auch in aller Eile noch vergessen mir ein Ticket zu ziehen, was aber in Berlin die Todesstrafe bedeutet – also an der nächsten Station wieder aus der Bahn, versuchen ein Ticket zu ziehen und wieder in die Bahn zu springen. Natürlich aussichtslos. Dann Anschlußbahn Richtung Wannsee um zwei Minuten verpasst, die nächste erst zehn Minuten später, so ein verdammter Mist aber auch, denn es war schon 19:40h, und wie bitte sollte ich es schaffen, in zwanzig Minuten zwölf Bahnstationen abzuklappern?

Berlin

Es hat so grade hingehauen. Als ich endlich an der S-Bahn Station Wannsee ankam war es kurz nach acht, ich bin so schnell gelaufen wie mich meine Flip-Flops nur tragen konnten, und zum Glück kennt und nutzt man auch in Berlin das Akademische Viertel – ich kam also gerade noch rechtzeitig. Puh. Was wäre das für ein Start gewesen, direkt bei meinem ersten Einsatz als rasende Reporterin (im wahrsten Sinne des Wortes) zu spät zu kommen? Geld hatte ich dann auch keines mehr übrig, es reichte noch auf den Cent genau für ein Rückfahrtticket (und ich wurde kein einziges Mal kontrolliert, aber wie gesagt, darauf verlässt man sich lieber nicht) und so musste ich schmachtend zusehen wie diverse Menschen um mich herum ihre Gläser Rot- oder Weißwein in sich hineinschütteten… Dazu noch mein knurrender Magen, der sich schon im Park gemeldet hatte, und jetzt anfing zu rebellieren.

Auf dem Rückweg dann erneut endloses Warten auf eine Bahn, keinen Cent um sich Schoki zu ziehen, schon weiche Knie und Ohnmachtsgefühle – dann auch noch stinkenden und seltsamen Herren neben mir in der Bahn, der meinte mir mein bisschen Stoff vom Minirock auch noch wegschauen zu müssen und dazu panisch aus einem Flachmann zu trinken. Es sind so endlos viele Stationen bis zum Hackeschen Markt, da hatte ich mich entschieden auszusteigen, weil ich dort um eine Bank wusste, und keine Kraft mehr hatte, noch weiter komplett um die Stadt herum zu fahren. Der erstbeste Falafelburger, den ich mir für zwei Euro am Markt kaufte, war so lecker wie noch nie, und nachdem ich endlich wieder bei Kräften war, konnte ich mich auf den Heimweg machen.

J. und G., die einzigen verbliebenen Mitbewohner zurzeit, hatten sich aufgemacht in
irgendein Camp außerhalb Berlins, weswegen ich den Schlüssel zum Briefkasten besaß, der wiederum den Schlüssel zur Wohnung beherbergen sollte. Kurz vor meiner Straße fiel mir siedendheiß ein (und zwar wirklich siedendheiß!) dass ich ja überhaupt gar nicht in den Flur kommen würde, da die Tür dort neuerdings abgeschlossen ist. J.’s Handy hatte leider schon aufgegeben, weswegen ich mir schon Sätze zusammensuchte, um diverse Nachbarn im Hause davon zu überzeugen, mich doch bitte in den Flur zu lassen. Aber was für ein Glück – die Tür zum Flur stand offen. Der Herr hatte mitgedacht, und ich konnte erleichtert und alleine in der großen Wohnung in mein Bettchen fallen…

Playlist:
Yeah Yeah Yeahs: „Miles away“

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