Debütantenball im Frühling

Debüt

Das Frühjahr 2020 ist ein ganz besonderes, und zwar nicht nicht nur im negativen Sinne! Heute mit drei Debütant*innen aus Indiebook-Verlagen.

Ich kann nur erahnen, wie es jungen Autoren und Autorinnen in diesem Frühling geht: Da haben sie monate- oder vielleicht jahrelang an einem Text gesessen, der nun endlich in einem Verlag als Buch erscheint. Und dann kommt da so ein Virus daher, die Leipziger Buchmesse wird abgesagt, alle Lesungen ebenso. Wie bekommt man als Debütant*in jetzt Aufmerksamkeit? Ich kann ein wenig dazu besteuern – und euch drei Neuerscheinungen aus der aktuellen Saison ans Herz legen!

Marina Frenk
ewig her und gar nicht wahr
Marina Frenk durfte ich Anfang Januar auf einem Verlagsabend kennenlernen, bei dem wir russische Gerichte aßen, mit der Autorin plauderten und eine Menge Wein und Wodka tranken – ganz ohne aufgezwungene physische Distanz. Ich musste kurz nachdenken, ob das wirklich in diesem oder vielleicht doch im vergangenen Jahr stattgefunden hat?

Fest steht: Der Roman ist Ende Januar erschienen und erzählt die Geschichte von Kira, die mit ihrem Freund Marc und dem kleinen Söhnchen Karl in Berlin lebt. Ihre Beziehung ist eher berührungsarm, ihre Karriere als Künstlerin irgendwann ins Stocken geraten und dann sind da noch die zahlreichen Erinnerungen an ihre Kindheit: In den 1990er Jahren kam sie mit ihrer Familie aus Moldawien nach Deutschland, weg aus der Sowjetunion und hinein in eine ungewisse Zukunft.

Wie findet man Halt in einem fremden Land, welche Rolle spielen die jüdischen Wurzeln der Eltern und Großeltern, über wie viele Generationen hinweg haben die Kriegstraumata Bestand? In den einzelnen Kapiteln des Romans – die in der Gegenwart, in den 1990er und den 1940er Jahren spielen – verschwimmen Realität und Wirklichkeit immer wieder, man kann und sollte der Erzählerin längst nicht alles glauben, was sie sich in ihrer Einsamkeit zusammenerinnert. Denn:  es ist ewig her und gar nicht wahr, oder? Ein nicht nur sprachlich beeindruckendes Debüt einer Frau, die ihre eigene Herkunftsgeschichte in den Text hat einfließen lassen und dennoch keine Autofiktion verfasst hat.

Auszug: „Ich erinnere mich an das Schwarze Meer. Ich war fünf Jahre alt und besaß ein aufblasbares Krokodil, grellgrün mit braunen Streifen.“

Debüt

Amanda Lasker-Berlin
Elijas Lied
Noa, Loth und Elija könnten nicht unterschiedlicher sein: Elija, die Älteste, wurde mit Trisomie 21 geboren und arbeitet als Theater-Schauspielerin; Noa, die Mittlere, verdient sich ihr Geld in einer Büro-Kantine (& mit etwas anderem, das ich hier nicht verraten werden); Loth, die Jüngste, hat ihre bunten Haare und den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit eingetauscht gegen die Mitgliedschaft in einer WG von deutschnationalen „Patrioten“.

Ausgerechnet Loth, die magersüchtige, verhärmte und radikalisierte der Drei, will mit ihren Schwestern eine Wanderung durch ein Moor machen – das Moor, durch in dem sie als Kinder oft mit ihren Eltern gewesen sind. Einmal wieder Kind sein und den schwesterlichen Zusammenhalt spüren, ob das dahinter steckt? Doch wer sich mit familiären Systemen auskennt (und das tun wir wohl alle) weiß recht schnell: Das kann gar nicht gut gehen. Vor allem dann nicht, wenn Loth ihre offen rechtsradikalen Ansichten nicht für sich behalten kann und überzeugt ist, dass Elija mit ihrem genetischen Defekt eigentlich nicht auf die Welt hätte kommen sollen.

Die Idee, diese höchst unterschiedlichen Charaktere in einer Art Kammerspiel im Moor zusammenzubringen, ist nicht ausgefallen, aber grandios umgesetzt: Amanda Lasker-Berlin schafft es auf bedrückende Art und Weise, mit einer reduzierten und eispickelharten Sprache nicht nur die zwischenmenschlichen Fettnäpfchen auszuleuchten, sondern auch jegliche Leichen aus den Kellern der drei Frauen zu holen. Das kann nicht gut gehen und es geht auch nicht gut. Wie die Schwestern an sich selbst scheitern, ist äußerst beklemmend – und absolut lesenswert!

Auszug: „Noa stellt sich hin. Loth schlurft auf sie zu. Dahinter hüpft Elija. Loth zieht beim Laufen eine Zigarette aus ihrer Hosentasche, riecht daran.“


Christian Schulteisz
Wense
Und einen Mann nehmen wir auch noch ins Programm: Christian Schulteisz hat sich Hans Jürgen von der Wense zum Vorbild für seine Hauptfigur genommen und damit jemand ziemlich verschrobenes erwischt. Wense (1894-1966) war ein ziemlich kauziger Universalgelehrter, der mehrere Sprachen beherrschte und auf seinen Wanderungen durch die Landschaft und Wälder rund um Göttingen und Kassel jeden Stein umdrehte. Er interessierte sich zudem für Astronomie und Astrologie, erstellte ausführliche Horoskope und liest sich quer durch die Sagen und Mythen verschiedener Völker. Ein wahrlich rastloser Mann!

So rastlos und angespannt wie die Hauptfigur ist auch der Roman von Schulteisz; das kleine Büchlein von 120 Seiten ist eine fast schon hektische Niederschrift von Wenses Zeit während des Zweiten Weltkrieges, als er für die Prüfung von Sonden für den militärischen Wetterdienst eingesetzt wird, obwohl er viel lieber ziellos durch die Gegend und die Zeiten streifen würde. Doch diese Ruhelosigkeit stört nicht, sie entwickelt sich vielmehr zu einem extrem starken Sog hinein in das Universum dieses Mannes, der zu Lebzeiten unfassbar viel Wissen anhäufte – ohne für alles davon Verwendung zu haben. Ein kleines, feines Debüt, das ich gerne empfehle!

Auszug: „Vor hundert Jahren wäre er vielleicht noch Zoologe geworden, und vor dreißig Mineraloge, hätte ihn die Musik nicht so begeistert. Und wären nicht die uralten Sprachen und Mythen, hätte er längst die neue Disziplin der Geoästhetik begründet!“