Dein Leben ändern für ein Kind? – „Das weiße Schloss“

Kind

Wie könnte Elternschaft in Zukunft aussehen? Christian Dittloff hat mit „Das weiße Schloss“ einen drastischen Roman geschrieben, der den Nerv der Zeit trifft.

„Ich glaube nicht, dass ich die Mutter sein kann, die ich sein möchte, wenn ich das Kind mit mir herumtrage.“

Als Ada diesen Satz gegenüber ihrer Nachbarin äußert, ist die Entscheidung schon längst gefallen: Sie und ihr Freund Yves haben sich bei der Institution „Das Weiße Schloss“ beworben und wurden angenommen. Das Unternehmen ermöglicht ihnen, ein gemeinsames Kind zu zeugen, dies aber von einer Leihmutter austragen zu lassen und – eine Innovation, für die sich das Schloss rühmt – aufziehen zu lassen. Bei erfolgreicher Durchführung des Projektes wären sie Teilzeit-Eltern, die ihren Sprössling in bestimmten Abständen besuchen kämen, aber nicht mit ihm in einem Haus leben würden. Schwerpunkte der Erziehung, Tugenden und Leitlinien sowie Zukunftspläne für das Kind wurden selbstredend im Voraus mit der Austragendene abgeklärt.

Christian Ditloff, das wird gleich auf den ersten Seiten oder sogar schon beim Lesen des Klappentextes klar, hat sich für sein literarisches Debüt ein Thema mit enormem Diskussionspotential ausgesucht. Kann man Elternschaft völlig in fremde Hände geben? Und mal von der technischen Möglichkeit der künstlichen Reproduktion abgesehen – sollte man so etwas unter ethischen, moralischen, religiösen Gesichtspunkten überhaupt tun?

Ada und Yves – deren nicht unbedingt ausgeklügelte Namenswahl im Zusammenhang mit der Leihmutter Marie im Laufe des Buches ein immer größeres Gewicht bekommt – wählen die Art und Weise der Elternschaft nicht aufgrund der eigenen Unmöglichkeit, Kinder zu zeugen (auch wenn Ada bereits eine Fehlgeburt hatte), sondern weil sie nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen. Ein Kind kriegen und gleichzeitig weiter ein selbstbestimmtes, uneingeschränkt hedonistisches Leben zu führen – na das muss doch irgendwie möglich sein, oder nicht?

„Wir können morgens ausschlafen und nachts durchschlafen und wir müssen keine Ecken abrunden oder abkleben und Nachtlichter im Flur installierten und alle drei Tage die Wände neu streichen und einen Zaun um den Teich aufstellen und uns entschuldigen, nur weil unser Kind jemanden im Bus auf sein Übergewicht aufmerksam macht.“

Wie Adam und Eva, die im Paradies den Apfel vom Baum naschten und sich „erkannten“, frönen Ada und Yves ihrem Leben als ungestörtes, gut verdienendes Paar, sie lassen ihrer Sexualität freien Lauf und erfüllen sich jeden Wunsch, der ihnen in den Sinn kommt. Unterdessen empfängt Marie, die aus dem Katalog ausgewählte Leihmutter auf dem Weißen Schloss, die befruchtete Eizelle von Ada und kann – und so wirkt es in dem Kontext – mit dem Brüten loslegen. Doch auch wenn das Projekt auf dem Papier wasserdicht erscheint, so ergeben sich im Laufe der Geschichte immer wieder Probleme, Zweifel und Ängste.

KindEine Geschichte, die man als Leser ebenso verständnisvoll wie fassungslos verfolgt. Würde man selbst auf die Höhen und Tiefen von Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft verzichten wollen zugunsten der eigenen Selbstverwirklichung? Bedeutet Kinder kriegen nicht immer, Kompromisse eingehen zu müssen? Und gleichzeitig: Ist man nicht zumindest ein klein wenig angetan von der Idee, ein Kind zu bekommen UND sein Leben nicht vollständig umkrempeln zu müssen?

Der Roman, so viel sei an dieser Stelle verraten, wird diese Fragen nicht beantworten, vielmehr noch weitere aufwerfen – nach alternativen Möglichkeiten von Beziehung und Familie zum Beispiel und danach, ob das Konzept der Kleinfamilie nicht längst überholt ist. Und wer wird sehr lange nachhallen. „Das Weiße Schloss“ ist ein radikales wie rätselhaftes und vor allem starkes Debüt, das für mich ohne Frage zu den Highlights des Herbstprogramms gehört!

Christian Dittloff
Das Weiße Schloss
Berlin Verlag, 2018
Gebunden, 304 Seiten, 22,-€

 

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