Der Bär im Porzellanladen

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Tobias Rehberger

Die abc art berlin contemporary hat sich gemausert: Aus der Enttäuschung über das Ende des Art Forums ist eine ernst zu nehmende Messe mit internationalen KünstlerInnen geworden – und mit enstpannter Kunst. Ein Rundgang.

Als ich die hellen Hallen des Station am Gleisdreieck betrete, laufe ich fast gegen den riesigen, verrosteten Kronleuchter, der wie von der Decke gefallen direkt im Eingangsbereich liegt. Kristof Kintera hat sich diese Installation ausgedacht, die wie ein überdimensionales Requisit aus dem Filmklassiker Der Rosenkrieg von 1989 wirkt. Und die man wie eine Zusammenfassung der diesjährigen Prämisse der abc art berlin contemporary lesen kann: Groß darf es sein, gerne pompös und aus der schieren Lust an der Kunst. Lieber nicht so verkopft diesmal.

Maike Cruse hat ganze Arbeit geleistet. Zum zweiten Mal lag die Verantwortung in den Händern der im September 2012 zur Direktorin der Messe ernannten Kuratorin, die für die diesjährige Ausgabe 111 Galerien einlud, das offene Kojensystem am Gleisdreieck mit Einzelpositionen im Rahmen der Berlin Art Week zu bespielen. Ob es daran lag, dass ich zum ersten Mal nicht beruflich auf der Messe war und – anstatt während des Presserundgangs hektisch die ersten Bilder bei Facebook zu posten – die Kunst einfach genießen konnte, dass mich diese Ausstellung so sinnlich berührte?

Ein bisschen Spaß muss sein…

Es lag sicherlich auch einfach an den Kunstwerken. Anstatt monochromer Minimalismus-Malerei wurden KünstlerInnen ausgewählt, deren Arbeiten nur so vor Farbe strotzen, ganz so, als wollten sie für einen Moment die ganzen gesellschaftlichen und weltpolitischen Probleme da draußen vergessen machen. Tobias Rehberger zum Beispiel, mitgebracht von der Galerie neugerriemschneider, der mit einer bunt bemalten Stellwand vertreten war, die stark an die Op Art der 1960er erinnerte. Von Douglas Coupland (ja, der mit den Büchern) gab es einen Tisch voller Globen, über die sich bunte Farbschlieren ziehen und bei Chert zeigte man bemalte Holzplatten von Andrea Kvas. Diese, sowie ein Holzstapel und mehrere bemalte Objekte, wurden während der Messe in regelmäßigen Abständen von Galeriemitarbeiterinnen auf der Ausstellungsfläche umsortiert: Nicht so sehr aus kuratorischen Gründen, sondern weil diese Arbeit keine feste Form, dafür viele Interpretationsmöglichkeiten hat.

Doch um das ewige Interpretieren von Kunst, das man auch sehr gut übertreiben kann, ging es diesmal gar nicht, schien es mir. Nicht selten standen die Installationen einfach ohne theoretischen Überbau im Raum – und wenn einem doch einmal ein Waschzettel in die Hand gedrückt wurde, so zeigte sich, dass auch KünstlerInnen Humor verstehen: So lässt Anca Munteanu Rimnic in ihrer Performance URSU eine Person im Bärenkostüm wahllos Kristallvasen zerschmettern und zertreten. Rimnic spielt damit auf die Glasfabriken in ihrer Heimat Rumänien an, deren Arbeiter die kitschigen Vasen am Straßenrand an Touristen verkaufen. Die Künstlerin fragt sich: „Was würde ein Bär machen, wenn er diese Vasen als Überbleibsel einer Zivilisation in seinem Lebensraum finden würde?“ Gute Frage.

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Kristof Kintera

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Rechts: Marc Bijl

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Andrea Kvas

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Douglas Coupland

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Performance von Marc Bijl & Almar David: „Live as art, 1927“

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Friedrich Kunath

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Performance von Donna Huanca: „Psychotria Elata“

 

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