Der Club der Buchstabenmörder

Foto: Flickr / Herbstrose aus Hamburg

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Zu seinen Lebzeiten war es Sigismund Krzyzanowski nicht vergönnt, eines seiner Werke veröffentlichen zu können – in der Sowjetunion waren seine Texte nicht erwünscht. Zum Glück macht es der Dörlemann Verlag nun möglich, ein Schätzchen des Autors zu lesen: „Der Club der Buchstabenmörder“ ist ein ganz phantastisches Buch!

Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass der Autor hier mit einem Stilmittel spielt, welches sich in etlichen Romanen der Weltliteratur wiederfindet: Ein namenloser Erzähler – der am Ende seiner Erlebnisse diese aufgeschrieben hat, so dass wir sie lesen können – ist zu Besuch bei einem – ebenfalls namenlosen – Herren, der sich in der Vergangenheit einen Namen als bekannter Schriftsteller gemacht hat. Doch seit zwei Jahren, so erklärt er seinem überraschten Fan, habe er keinen einzigen Buchstaben mehr geschrieben.

Einst hatte er aus Geldmangel eine kleine Dachwohnung bewohnt, deren Wände über und über mit Büchern gefüllt waren, in deren Geschichten er sich allabendlich versenkte. Doch der plötzliche Tod seiner Mutter machte es notwendig, dass er für die Finanzierung dieser lange Reise alle Bücher verkauft – wobei er es auch danach belässt, belassen muss, denn es ist einfach kein Geld da für neue Bücher. Um sich die Zeit zu vertreiben, imaginiert er sich die verkauften Texte, Silbe für Silbe, Satz für Satz:

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„In Gedanken blätterte ich eine Seite nach der anderen um; dann ließ mein Gedächtnis versehentlich einige Buchstaben fallen – sie gerieten durcheinander und entglitten meinem Sehfeld. Ich versuchte sie zurückzurufen: Einige Wörter kehrten zurück, andere nicht; daraufhin begann ich, die Lücken wachsen zu lassen, eigene Wörter in die Wortzwischenräume einzusetzen.“
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Er schreibt so viele Geschichten davon nieder, bis er reich und berühmt wird – doch auf einmal ist seine Phantasie leer, kein einziger Buchstabe will mehr auf Papier gelangen. „[…] damals beschloss ich ein für alle Mal, den Deckel des Tintenfasses zuzuklappen und in das Reich der reinen, nicht vergegenständlichten, freien Ideen zurückzukehren.“

Es entsteht der „Club der Buchstabenmörder“ sieben Herren, die sich jeden Samstagabend in das Kaminzimmer der Hauptperson zurückziehen und, zurückgelehnt in schwere Ledersessel, einer nach dem anderen prächtige Geschichten phantasieren. Nichts davon darf aufgeschrieben werden, das würde als Hochverrat gelten. Doch eines Tages legt sich ein Schatten über die illustre Runde der Bibliophilen, als einer der Männer unter mysteriösen Umständen zu Tode kommt…

97830382001921925 bis 1926 hat Krzyzanowski dieses fabelhafte kleine Büchlein geschrieben – und konnte es zu Lebzeiten nicht veröffentlichen. Der Text – ebenso wie seine anderen – entspreche nicht dem „sozialistischen Realismus“, sagte die Obrigkeit und so produzierte der Autor bis zu seinem Tod für die Schublade. Ist man als Leser mit diesen Umständen vertraut, so lässt sich die Geschichte recht einfach deuten: Dass die sieben alten Herren sich zwar auferlegen, keine ihrer Geschichten aufzuschreiben, dafür aber jede Woche munter drauf los phantasieren, kann man ja als direkte Analogie aus dem Leben des Autors lesen.

Und der widerum war, ebenso wie seine Figuren, mit einer so großen Phantasie gesegnet, dass er auf knapp über 200 Seiten einen riesigen Kosmos an Geschichten eröffnet, die von einer abgehandelten Hamlet-Erzählung über religiöse Geschichten bis hin zu erschreckenden Dystopien reichen. Ein Buch, für das man sich einen Nachmittag freihalten sollte – denn man wird es unbedingt in einem Rutsch durchlesen wollen!

Sigismund Krzyzanowski: Der Club der Buchstabenmörder. Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg. Dörlemann Verlag, 2015. 224 Seiten, 20€. ISBN 9783038200192

Kategorie Allgemein