Der Mann der Zeitreisenden

Zeitreise

Zeitreisende Menschen bevölkern seit langer Zeit die Literatur. Sandra Newman sticht mit ihrem Roman „Himmel“ trotzdem aus dem Genre heraus.

Ich wohnte noch bei meinen Eltern, als 2003 der Roman Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger erschien; ich war stunden-, eher tagelang nicht ansprechbar, weil mich die Geschichte um Henry und Claire dermaßen einnahm. Die Beziehung der beiden litt an der Tatsache, dass Henry mit einem sehr seltenen Gendefekt geboren wurde, der ihn immer wieder durch die Zeit reisen ließ – allerdings nicht steuerbar, sondern willkürlich und unberechenbar. Auf einer dieser Zeitreisen begegnet er der noch jungen Claire, die später seine Frau werden wird. Was er natürlich schon weiß, sie aber nicht.

Im Falle von Kate und Ben, den Hauptfiguren in Sandra Newmans Roman Himmel, gestaltet sich die Lage etwas anders. Hier ist es Kate, die durch die Zeit geschleudert wird, allerdings immer dann, wenn sie schläft und träumt – und als Emilia im elisabethanischen England erwacht. Oder zu erwachen glaubt. Sie ist Mätresse verschiedener Männer von Rang, führt geistreiche Gespräche auf großen Banketten und weiß: Sie hat die Aufgabe, die Welt zu retten. Nicht die aktuelle im 16. Jahrhundert, sondern die Welt einer fernen Zukunft, die ihr immer wieder in Visionen von brennenden, einstürzenden Türmen begegnet. Sie weiß, dass sie nicht nur Emilia ist, sondern auch Kate, einer Mittzwanzigerin im New York des Jahres 2000, ist.

„Ich sah also im Schlaf eine tote Stadt, eine solche Stadt, wie die Welt sie noch niemals gesehen hat. Wundersam hoch; die Stirn ihrer Dächer berührte die nebligen Wolken. Ihre Mauern waren aus Kohlen und Eis gefertigt, und ihre Erde war ein unnatürlicher Stein, auf dem kein Tier lebte. An diesem Ort waren keine Wälder, keine gesunden Wiesen. […] Ein Königreich des Nichts, der Winde und der Stille.“

Aber wie soll sie die Welt retten? Muss sie dafür diesem etwas verschüchterten Mann namens Will, der Sonette schreibt und als Schauspieler arbeitet, zu Ruhm verhelfen, so dass er auch 400 Jahre später nicht vergessen ist? Er solle jetzt besser nicht nach London zurückkehren, sagt Emilia dem Barden, mit dem sie bei Nacht im Obstgarten vögelt, deshalb, denn dort wüte die Pest und das würde er nicht überleben. William Shakespeare befolgt ihren Rat – der Rest ist Geschichte.

Zeit

Oder vorerst auch nicht: Denn mit jeder Bewegung, jedem Niesen, jedem Brief, den Emilia Ende des 16. Jahrhunderts an ihre Mäzene schreibt, verändert sie die Zukunft. Manchmal nur ganz fein – aber doch unübersehbar. Mal wacht Kate aus ihren Träumen auf und der Straßenzug vor der Wohnung, in der sie mit Ben lebt, sieht anders aus als am Tag zuvor. Mal ist plötzlich keine Frau mehr Präsidentin der USA, sondern ein Mann, haben sich die Biographien ihrer Freunde und Freundinnen minimal in eine andere Richtung verschoben, lebt ihre Mutter plötzlich an einem anderen Ort. Was Kate, die fest davon überzeugt ist, dass sie auf verschiedenen Zeitachsen und in Paralleluniversen unterwegs ist, verwirrt, kann sich Ben nur mit Psychosen oder Schizophrenie erklären – eine gehörige Belastungsprobe für ihre Beziehung. Vor allem für Kate, die sich nach jedem Aufwachen erstmal orientieren muss.

„’Es begann damit, dass sie fragte: ‚Hast du schon einmal von einem Dichter namens William Shakespeare gehört?‘
Ben schreckte aus seinen Tagträumen übers Heiraten hoch und brauchte einen Moment, bis er die Frage verstand. Dann sagte er: ‚Ich glaube nicht. Sollte ich?‘
‚Nein? Ein Dichter aus dem 16. Jahrhundert?‘
‚Vielleicht, aber ich kann mich nicht erinnern. Warum fragst du?‘
‚Ich habe von ihm geträumt.‘
‚Oh.’“

Weil Kate aus jedem Traum in einer anderen Dimension auftaucht und alle Gewissheiten, die sie zuvor über ihr Leben hatte, über den Haufen geworfen werden, kapituliert sie irgendwann; lässt sich in die Psychiatrie einweisen und versucht nicht mehr, ihr Umfeld von ihrer psychischen Gesundheit zu überzeugen. Und was denken wir als Leser*innen?

Sandra Newman hat mit Himmel keine Genreliteratur geschrieben, sondern ein fein ausgearbeitetes literarisches Gedankenspiel, in dem wir uns nie sicher sein können: Wessen Realität ist denn eigentlich die richtige? Wer hat überhaupt das Recht zu entscheiden, ob etwas Realität oder Traum ist? Befinden wir uns in den eindrücklich geschilderten Phantasien einer psychotischen Person oder wird Kate wirklich ohne ihr Zutun durch die Zeit geworfen?

Bis zum Ende des Romans weiß man nicht, welcher der Personen man vertrauen kann – das macht dieses Buch zu einer Mischung aus dystopischem Weltuntergangsszenario und einer bestechend plastischen Traumwelt, welche einem seitenlang die Haare zu Berge stehen lässt.

Sandra Newman
Himmel
Aus dem Englischen von Milena Adam
Matthes & Seitz, 2020
Gebunden, 294 Seiten, 22 Euro

Foto von Jeremy Thomas auf Unsplash