„Der Wedding ist irgendwie real“

Wedding

Berlin, dieser pulsierende Schmelztiegel voller gestrandeter Existenzen: Hier liegen die Geschichten auf der Straße. Ich halte ein paar von ihnen fest.

Ein Freitagabend im Herbst, 23 Uhr. Ich sitze auf dem Weg nachhause in der U8, als eine kleine Gruppe aus zwei Frauen und einem Mann in den Waggon steigt, schätzungsweise sind sie Mitte zwanzig. „Ich hab mir gestern eine MonstERA gekauft“, sagt die eine; sie trägt Mittelscheitel und ihr Augen Make-up ist leicht verwischt, dazu schwarze Feinstrumpfhosen mit kinky Löchlein (es muss auf jeden Fall zufällig aussehen) und einen übergroßen, unförmigen grauen Mantel. Wahrscheinlich aus einem der überteuerten Vintage-Läden in Kreuzberg.

Mich irritiert, dass sie den Pflanzennamen auf der zweiten Silbe betont, da sagt sie es noch einmal: „Diese MonstERAs haben ja momentan alle, da wollte ich auch so eine. Gibt es billig bei Ikea. Ich weiß allerdings nicht, ob sie in meiner Wohnung genügend Licht bekommt. Seitenflügel 1. Stock und so.“ „Wo wohnst du nochmal?“ fragt der Typ. „Im Wedding, Pankstraße. Ich bin voll der Fan vom Wedding. Klar, Neukölln ist auch ganz nice, aber Wedding ist irgendwie real. Und Friedrichshain ist ja mittlerweile auch ganz nett.“

Ganz nett, schmunzle ich und denke über das mittlerweile nach.

„Wedding, hmm, ja – so am Humboldthain ist es ganz schön“, schaltet sich der Typ ein. Wieder die Blonde: „Humboldthain? Das ist doch voll Prenzlauer Berg da! Seit ich in diesem Café arbeite, wo die ganzen Teenies aus Prenzlauer Berg rumhängen, denke ich immer wieder: die reden voll derbe asi, dabei kommen die aus so reichen Elternhäusern!“ „Klar müssen die reiche Elternhäuser haben, anders kann man sich das da ja auch nicht mehr leisten!“ schaltet sich die dritte im Bunde ein, auch sie in eine unförmige Jacke gekleidet, Modell Lederimitat aus den 80er Jahren, Herrenabteilung. „Ja ey, deswegen Wedding!“, entgegnet die Blonde.

Ich überlege kurz, ob ich aus Versehen in einer Satire gelandet bin, wo ist die versteckte Kamera? Am liebsten möchte ich mich auf den freien Platz auf ihrem Vierersitz setzen und fragen, ob sie ihre Klischee-Phrasendrescherei wirklich ernst meinen und dabei nicht merken, dass sie sich selbst mitten in einem befinden? Aber vielleicht ist das einfach real


Dies ist ein Text aus der Reihe „Spazierganggeschichten“, die ich in loser Folge hier aufschreibe. Alle älteren Geschichten findet ihr hier.