„Die Dinge müssen zu einem Ende kommen“

Hamburger

Berlin-Chronistin Irina Liebmann hat der Großen Hamburger Straße in Mitte ein sehr persönliches und berührendes literarisches Denkmal gesetzt.

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“,  so ähnlich sagte es einst der gute Goethe. Literatur öffnet mir regelmäßig Teile der Erde, die ich in der Realität vielleicht niemals bereisen werde und für deren Besuch ich das Haus nicht verlassen muss. Oder sie bringt mich Gegenden näher, die direkt vor meiner Haustür liegen – und bisher trotzdem weitestgehend unbeachtet blieben.

Auf die Große Hamburger Straße im Stadtteil Berlin-Mitte trifft das zu und auch wieder nicht. Es handelt es sich um eine kleine Schneise zwischen der von Cafés und Geschäften belebten Auguststraße und der Oranienstraße, die stärker von Bars geprägt wird; auch der Straßenstrich verläuft hier oder verlief hier, viele Jahre lang. Trotz aller über das Ziel hinaus geschossenen Sanierungsarbeiten hat sich dieses kleine Sträßchen einen eigenwilligen Charme erhalten, die 400 Meter atmen Geschichte aus, an mancher Stelle findet man noch Einschusslöcher aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in den grauen Fassaden.

Hamburger

Von besagter Großen Hamburger Straße ist Irina Liebmann seit jeher fasziniert. Jeher, das bedeutet: Seit 1983, als sie begann, über die Geschichte der einzelnen Gebäude zu recherchieren; über die Vergangenheit des Viertels, dessen jüdische Wurzeln heute nur noch in Form eines gut bewachten Friedhofs und eines Mahnmals erkennbar ist. Tag für Tag, so liest es sich, ist Liebmann damals durch die Straße geschlichen, möglichst wenig Aufmerksamkeit erregend, meist stille Beobachterin. Was sie sah, dachte, träumte, recherchierte, hielt sie in verschiedenen Notizen und auf einem Konvolut aus Zetteln fest – die dreißig Jahre später wieder auf ihrem Schreibtisch liegen. Es ist an der Zeit.

„Anfang und Ende. Die Dinge müssen zu einem Ende kommen“, schreibt sie und: „Die kurze Straße mit dem verbreiterten Ende, warum geht sie mir nicht aus dem Kopf?“

Was folgt ist eine ebenso verträumte wie rationale, faktisch wie fiktive Sammlung von Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen, die nonchalant zwischen den beiden Jahrzehnten wechseln – zwei Jahrzehnten und zwei Ländern, denn die Große Hamburger Straße lag bis zum Fall der Mauer in der DDR. Es ist ebenso eine Verortung der Autorin nicht nur in ihrer persönlichen Vergangenheit, sondern auch in der Zeitgeschichte und der sich rasant verändernden Umgebung, zu der Berlin-Mitte mittlerweile geworden ist.

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Auf manchmal schüchterne Art und Weise ist es sogar eine Liebeserklärung an Berlin und die eigenwillige Architektur der nicht mit Platz geizenden Altbauten:

„Solche Hinterhaustreppen sind umso steiler, je älter das Haus ist. Es steht da auf manchem Treppenabsatz ein gepolsterter Stuhl, und ein vergessenes Alpenveilchen im Topf ziert auch manches Fensterbrett eines hohen, so hohen – warum sind die denn immer so hoch? – Treppenhausfensters, und an all diesen Blumentöpfen und Treppenhausfenstern muss ich vorbei, bis ich oben bin – meine Güte!“

Irina Liebmann ist eine geübte Chronistin der zarten Zwischentöne in der überwältigend lauten Großstadt, ihr gelingt es, den längst verstorbenen Personen und Gepflogenheiten auf unaufgeregte und unsentimentale Weise ein Denkmal zu setzen. Als Leser*in sitzen wir mit der Autorin im ältesten Café der Straße, wir reisen zu den längst vergessenen Handwerksmeistern und den Geistern der Hinterhofremisen – und zu den erzählenden Details einer Gegend, die man auch heute noch erkennen kann. Sofern man denn hinschaut.

Irina Liebmann
Grosse Hamburger Strasse
Verlag Schöffling & Co, 2020
Gebunden, 240 Seiten, 22 Euro