Die Fragen der Nachwendekinder

DDR

„Wenn wir jetzt nicht fragen, ist es bald zu spät“: Johannes Nichelmann porträtiert die ab 1989 geborenen „Nachwendekinder“ und das Schweigen der Elterngeneration.

30 Jahre Friedliche Revolution, 30 Jahre Mauerfall, 30 Jahre ein Deutschland ohne Grenze zwischen Ost und West. Aber ist Deutschland wirklich vereint? In diesem Jubiläumsherbst sprießen die Publikationen zu dieser Frage wie Pilze aus dem Boden, erscheinen Romane, Autobiographien und politische Sachbücher. Eine Mischung aus den beiden letzten Kategorien ist das Buch Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen, das Johannes Nichelmann bei ullstein fünf veröffentlicht hat. „Nachwendekinder“ – gehört das in eine Reihe mit der Generation Golf oder der Generation Y?

Nachwendekinder, dass sind laut Nichelmann all die, die kurz vor oder unmittelbar nach dem Mauerfall zur Welt kamen, und zwar in der noch bestehenden DDR oder in der Zeit nach ihrer Auflösung. Sie können aufgrund ihres Alters nichts vom Leben in diesem Land mitbekommen haben – und sind doch durch ihre Eltern und Großeltern mehr oder weniger stark von 40 Jahren Diktatur geprägt. Dabei unterscheiden sich die Erzählungen über die Vergangenheit teilweise radikal. Nichelmann selbst erzählt:

„Die DDR meienr Eltern besteht für mich nur aus Anekdoten, in denen meistens Sommer und gute Laune herrscht […]. In all den Erzählungen herrscht ein besonderer Sinn für Gemeinschaft. Kritisches kommt kaum vor, ihre Stasi-Akten wollten meine Eltern nie sehen. Sie hatten nie Kontakt zum Geheimdienst und wollen bis heute auch nicht wissen, wer aus ihrer Umgebung sie eventuell bespitzelt haben könnte.“

 

DDR

Er habe das Gefühl, dass die DDR entweder vierzig Jahre Sommerausflug oder ein nie endender Aufenthalt im Stasi-Knast gewesen sei, je nachdem, wen man frage. Aber nicht alle reden gerne davon, schämen sich, wollen das Ganze lieber vergessen. Doch sollten – vor allem im Rahmen der aktuell aufschäumenden Debatte über die Kluft zwischen Ost- und Westdeutschen – nicht viel mehr Fragen gestellt, Erinnerungen geteilt, analysiert und eingeordnet werden?

Nichelmann beginnt, Menschen seiner Generation und seiner Elterngeneration zu befragen, er tut das mit viel Empathie und Objektivität und nimmt sich nicht heraus, das Gehörte allzu wertend einzuordnen. Selbst dann, wenn haarsträubende Vorurteile aus längst vergangenen Zeiten zur Sprache kommen. Seine eigene Familie nimmt er ebenfalls in die Zange, nicht ohne Unbehagen:

„Es fühlt sich seltsam und falsch an, bei den eigenen Eltern nachzubohren. […] Doch wenn wir den Dialog mit unseren Eltern und Großeltern nicht suchen, werden wir nicht in der Lage sein, gemeinsam etwas aus diesem Teil der deutschen Geschichte zu lernen. Wir werden außerdem nicht in der Lage sein, einige der politischen Schieflagen im Osten zu beheben.“

 

Es sei Quatsch, dass man ein Land vermissen könne, das man nie kennengelernt habe, musste sich der Autor während seiner Recherche häufig anhören. Und doch scheint es nicht nur in seinem Leben eine Leerstelle zu geben, was die eigene Herkunft betrifft. Definiert er sich als Ostdeutscher, Deutscher oder Europäer? Nichelmann gelingt es mit viel Fingerspitzengefühl, den innerdeutschen Ost-West-Konflikt aufzubereiten, ohne zu verurteilen. Man erkennt, dass sich sein Buch nicht nur, aber vor allem auch an eben jene Nachwendegeneration richtet: zahlreiche Erklärungen rund um die DDR (die man nicht zwingend braucht, wenn man etwas älter ist) erläutern den Staat und seine Struktur.

Dass Nichelmann (und dem Lektorat) dabei ein grober Patzer unterläuft, er seinen ersten Impfpass als „ein rotes Büchlein mit dem aufgeprägten Emblem der DDR, Hammer und Sichel im Ährenkranz“ beschreibt, verwundert allerdings. Hammer und Sichel, das Zeichen des Marxismus-Leninismus, sind zwar nicht ganz abwegig – im DDR-Wappen befinden sich aber ein Hammer und ein Zirkel. Zu kleinlich? Nicht, wenn sich das Buch um die DDR dreht.

Recherchepatzer beiseite gelassen: Weil Nichelmann einer Generation eine Stimme gibt, die zwischen den Stühlen sitzt, gehört dieses Buch definitiv zu den wichtigsten Beiträgen rund um drei Jahrzehnte ohne innerdeutsche Grenze – und das, ohne die Mauer in den Köpfen noch fester zu zementieren.

Johannes Nichelmann
Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen
ullstein fünf, 2019
Gebunden, 272 Seiten, 20,- Euro

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