Die Geister der Vergangenheit

Fasnacht

Was bleibt von einem Menschen nach seinem Tod übrig? „Späte Gäste“ von Gertrud Leutenegger ist ein leiser, nachdenklicher und angenehm langsamer Roman.

Im Tod sind wir alle gleich, mit ihm können lang aufrechterhaltene Differenzen beigelegt werden und verlieren frühere Auseinandersetzungen an Bedeutung. Man kann vergeben – auch wenn die Person, an die sich diese Art der zwischenmenschlichen Begnadigung richtet, dies nicht mehr wohlwollend oder ablehnend entgegennehmen kann. Als verzeihende Person muss man letztendlich damit irgendwie seinen Frieden machen.

Ungefähr in diesem Prozess befindet sich die Erzählerin in Gertrud Leuteneggers neuem Roman Späte Gäste. Sie erreicht am späten Abend das kleine Dorf in den Bergen nahe Italien, in dem sie jahrelang mit ihrem kleinen Kind und einem Mann namens Orion lebte. Der ist nun gestorben, seine bevorstehende Beerdigung ist der Anlass ihrer Rückkehr nach langer Abwesenheit. Viele Jahre sind vergangen, seit sie mit der mittlerweile erwachsenen Tochter fluchtartig den Ort verließ, um den unkontrollierbaren Wutausbrüchen ihres Mannes zu entgehen.

„Die Kühnheit eines leidenschaftlichen Lebensentwurfs, die mich einmal an Orion angezogen hatte und auf die meine eigene Unbedingtheit freudig antwortete, hatte sich gefährlich mit Liebe vermischt. Unsere verwundeten Träume kehrten sich nun in Feindschaft gegeneinander. Je eigensinniger sich Orion in sein Scheitern hineinarbeitete, desto unbeirrter hielt ich an meiner ebenso aussichtslosen Existenz fest.“

Wie immer möchte sie in einer bestimmten Pension übernachten, einem Haus, das ihr stets ein Zufluchtsort war; aber der Wirt ist nicht dort und Serafina, die Hauswirtschafterin, bei der Fasnacht in ihrem Heimatdorf. Alles ist dunkel und unbelebt, aber die Tür zum Gartenhaus steht offen und die Erzählerin zieht sich mit Decken in einen Rattanstuhl zurück. In diesem und in wechselnden Räumen des Gebäudes wird sie auf das Morgengrauen warten, doch das Grauen beginnt schon früher: Sind Gartenhaus und Garten nicht plötzlich von spukhaften Gestalten bevölkert, den „Schönen“ und den „Hässlichen“, die während der Fasnacht ihr Unwesen treiben?

Doch letztlich sind bei Nacht alle Katzen grau und der Umriss eines Kaktus kann bedrohliche Formen annehmen. In diesem Roman ist es auch nicht das Außen, das die Handlung bestimmt, sondern vielmehr das Innen: an einem für die Erzählerin so bedeutungsschwangeren Ort in einer emotional derart aufgeladenen Situation lässt sie sich durch ihre Erinnerungen treiben, als säße sie in einer kleinen Jolle auf dem Meer. Es sind jedoch nicht ausschließlich eigene Erfahrungen, die sich in dieser Nacht ihren Weg aus dem Unbewussten an die Oberfläche bahnen, es sind auch Erzählungen von Serafina und dem Wirt, die, in der ruhigen Reflexion, mit besonderer Bedeutung aufgeladen werden.

Fasnacht

Immer wieder spielen dabei Flüchtlinge eine Rolle, die auf überfüllten Booten an die italienischen und griechischen Stände gespült wurden, die in ihrer verzweifelten Suche nach Sicherheit keinen anderen Ausweg sahen, als sich in tödliche Gefahr zu begeben. Sie wirken wie Fremdköper in der dörflichen Umgebung, der Sprache nicht mächtig, verstört und verängstigt ob ihrer Erfahrungen. Immer wieder sucht der Wirt den Zugang zu ihnen, doch sie bleiben gesichts- und namenlos, und ja, sind eigentlich nur im übertragenen Sinne von Bedeutung. Hat nicht auch die Erzählerin ihre vertraute Umgebung aufgegeben, um vor einer Gefahr zu flüchten?

Man mag der Autorin diese unterschwellig herauszulesende, krude Assoziation zu Lasten legen: Die Darstellung von Geflüchteten als Fremdkörper, die erschrockenen Reaktionen auf die dunkle Haut, die Irritation darüber, dass sich einige von ihnen während der Fasnacht in den Lumpenkostümen der „Hässlichen“ in ein traditionelles Essen der Dorfgemeinschaft Serafinas geschlichen haben:

„Beinahe wäre Serafina die Stille im Saal entgangen, da ihre Aufmerksamkeit durch etwas, das plötzlich am Arm des Häßlichen neben ihr aufblitzte, gefesselt wurde. […] Im selben Augenblick bemerkte sie flüchtig, doch überdeutlich, die dunkle Hautfarbe ihres Tischnachbarn, der inzwischen die schmutzigen Gummihandschuhe, welche die meisten Häßlichen trugen, rasch wieder über die Armbanduhr gestülpt hatte.“

Oder haben wir es hier „nur“ mit über die Jahre angelernten Ängsten vor allem Fremden zu tun, denen die eher konservativ geprägten Figuren nicht entkommen? Die Erzählerin bewertet dies nicht, sie rekapituliert, reflektiert, stellt in Frage: Freundschaften, Liebe, Familie und die gesamte Existenz. Ein tonnenschweres Unterfangen für eine kühle Nacht, in der sie, eingewickelt in ein Kaninchenfell, auf dem Parkett eines ehemaligen Festsaales liegt und an das Deckenfresko starrt. Werden die Gestalten der Nacht sie bis in den neuen Tag hinein verfolgen?

Gertrud Leutenegger ist mit Späte Gäste ein Roman gelungen, in dem wenig passiert und gleichzeitig doch so viel, eine Geschichte voller Schatten, Mystik, Träume und Hoffnung. Das alles erzählt in einem sehr langsamen, fast schon meditativem Tempo, welches analog zum Voranschreiten der Nacht gelesen werden kann – und damit erfreulich aus der auf Pointe oder Handlung ausgelegten Literatur hervorsticht.

Gertrud Leutenegger
Späte Gäste
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 174 Seiten, 22 Euro

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