Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder

Mieter

In den letzten Jahren erschienen einige Romane, in denen Mieter*innen um ihr Haus kämpfen müssen – immer spielen diese in Prenzlauer Berg. Was steckt dahinter?

Amelie, Olli, Otti, Lynn, Donata, Kathleen, Grozki und Resi hätten sich sicherlich einiges zu erzählen, würden sie sich im Kollwitzkiez treffen. Dass sie das tun, ist gar nicht so abwegig, denn bis auf Olli leben alle in dem beliebten Gebiet rund um den Wasserturm in Prenzlauer Berg, in dessen Nähe auch ich wohne. Und doch ist es nicht ganz so einfach: Es handelt sich bei ihnen nämlich um die Hauptfiguren aus den Romanen Räuber von Eva Ladipo, Sanierungsgebiete von Enno Stahl, Die Entmieteten von Synke Köhler und Schäfchen im Trockenen von Anke Stelling.

Tatsächlich schlagen sie sich alle mehr oder weniger mit demselben Problem herum: Das Haus, in dem sie wohnen, wurde an einen neuen Eigentümer verkauft; es folgen astronomische Mieterhöhungen, Schikanen wie abgestelltes Warmwasser oder Gerüstplanen vor den Fenstern, obwohl nicht gebaut wird; es werden alle Register der „Entmietung“ gezogen, mal mit Abfindungen, mal auf die harte Tour. Es folgen Mieter*innenversammlungen, Protestaktionen, offene Briefe an die Politik; manchmal kann das Haus vom Bezirk oder den Bewohner*innen gekauft werden, mal schlurft der letzte Bewohner durch den bröselnden Hausflur und zieht die marode Tür hinter sich ins Schloss. Putz bröckelt herunter.

Einzig Resi aus Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen hat sich den drohenden Verlust ihrer Wohnung streng genommen selbst eingebrockt: Weil sie und ihr Freund als Freiberufler es sich nicht leisten konnten, bei der Baugruppe der Freundin*innen einzusteigen, schreibt sie aus Wut ein Buch über deren bourgoisen Heucheleien – und machte sich damit zur persona non grata. Blöd nur, wenn man in der Wohnung eines Freundes wohnt, der auch zu besagter Baugruppe gehört. Es folgt eine 260 Seiten lange Tirade über Klassenzugehörigkeit, mangelnde Privilegien und die Angst, jetzt selbst aus dem Kollwitzkiez verdrängt zu werden – obwohl man, als junges Ding aus dem Schwabenländle in den Prenzlauer Berg gezogen, ja selbst zur ersten Generation der Verdränger gehörte. Die Gentrifizierung frisst ihre Kinder? Eine Suada, die aufgrund der Überheblichkeit der Erzählerin nur schwer erträglich ist.

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Protest? Gibt es auch in Neukölln / Foto: Fräulein Julia

Warum haben sich diese Autor*innen überhaupt entschieden, über den kaputten Mietmarkt zu schreiben und dafür Prenzlauer Berg als Blaupause zu nehmen? Dass in deutschen Großstädten die Mietpolitik schon längst nicht mehr rund läuft, ist nichts Neues: In München, Hamburg und Köln gelingt es nur mit viel Glück oder Beziehungen, an eine gut gelegene und finanzierbare Wohnung zu gelangen. Und auch in Berlin ist diesbezüglich schon längst Hopfen und Malz verloren. Nachdem die Mauer gefallen war und den Blick freigegeben hatte auf vierzig Jahre unterlassener Hilfeleistung bei den einstürzenden Altbauten, entdeckte der Westen den ehemalige Osten – nicht nur als Spielwiese für künstlerische Selbstverwirklichung, sondern auch für billig erworbene Immobilien.

Prenzlauer Berg, damals noch ein eigener Bezirk (heute ist es nur noch ein Stadtteil von Pankow) wurde zum Sanierungsgebiet ausgerufen, Millionenbeträge in die Wiederherstellung des größten zusammenhängenden Altbaugebiets Deutschlands gesteckt. Doch dabei, zeigt sich rückblickend, ist man deutlich übers Ziel hinausgeschossen: In den Jahren nach der Deutschen Einheit wurde die Bevölkerung von Prenzlauer Berg fast komplett ausgetauscht, alte Menschen und solche mit niedrigem Einkommen wurden an den Standrand gedrängt. Ein Ergebnis, das Enno Stahl unter dem passenden Titel Sanierungsgebiete beschreibt.

Das Gespenst der „Gentrifizierung“ ging um, lockte unzählige Zuzügler aus den alten Bundesländern mit Quadratmeterpreisen, bei denen man in München hysterisch auflachte vor Neid. Doch auch hier stiegen die Preise irgendwann. Wer das Glück hat, vor der Jahrtausendwende oder kurz danach einen Mietvertrag unterschrieben zu haben, kommt auch heute noch glimpflich davon; Mietspiegel und Mietpreisbremse tun ihr übriges. Aber in eine größere Wohnung umziehen? Nur für die Gutverdienenden.

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„Lause bleibt“ / Foto: Julia Schmitz

Zu denen zählt Olli Leber, die Hauptfigur in Eva Ladipos Räuber ziemlich sicher nicht: Er ist ungelernter Bauarbeiter und lebt mit seiner Mutter in einer maroden Zweiraumwohnung kurz hinter den S-Bahn-Gleisen an der Prenzlauer Allee (der S-Bahn-Ring umfasst hier so etwas wie „die Innenstadt“, auch wenn es eine solche in Berlin natürlich nicht gibt). Aufgewachsen ist er in der Choriner Straße, von dort mussten die Familie erst in den damals noch eher räudigen Helmholtzkiez ausweichen, in eine schattige Erdgeschosswohnung; der nächste Umzug brachte sie in eine sanierungsbedürftige Siedlung.

Weil die jetzt von der „Europäische Wohnen“ gekauft wurde, sieht sich Olli schon wieder verdrängt – wie auch in den anderen genannten Romanen herrscht einhellige Panik vor dem erzwungenen Umzug in das Plattenbau-Viertel von Marzahn, scheinbar für viele der ultimative gesellschaftliche Abstieg – und entschließt sich, das Haus selbst zu kaufen. Auch wenn er alles andere als kreditwürdig ist. Zur Seite steht ihm dabei Amelie Warlimont, die frisch gebackene Zweifachmutter und investigative Journalistin mit Kontakten bis in die höchsten Kreise der Berliner Politik. Gemeinsam hecken sie den Plan aus, den ehemaligen Senator Falk Hagen unter Druck zu setzen, um den Hauskauf zu ermöglichen. Eva Ladipo, die selbst Journalistin ist und seit einigen Jahren in London lebt, vermischt hier Kritik an Politik und Gesellschaft mit einer humorvollen Prise was-wäre-wenn-wir-einen-nicht-ganz-so-legalen-Weg-gehen. Das macht den Roman zu einem gelungenen Kommentar der Situation.

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Foto: Fräulein Julia

Das gelingt auch Synke Köhler, die Ende 2019 ihren Roman Die Entmieteten veröffentlichte. Hier soll ein Haus in der fiktiven Marner Straße – aber auch im Kollwitzkiez – runderneuert werden. Die Altmieter*innen mit ihren winzigen Mieten sind dabei nur im Weg. Doch gegen die Schikanen des Vermieters – wochenlang wird der Müll nicht abgeholt, die Heizung fällt aus und wird nicht repariert – wehren sie sich mit künstlerischen Aktionen. Was den Besitzer aber nicht juckt.

Und weil so ein Mieterprotest ganz schön viel Kraft und Zeit kostet, müssen sich alle nach und nach fragen: Ist es das wirklich wert? „Ich wünsche mir, dass alle Investoren dieses Buch lesen. Vielleicht hätten sie dann mehr Mitgefühl mit den Menschen, denen sie ihr Zuhause teilweise gewaltsam entreißen“, hatte mir die Autorin bei einem Spaziergang durch den Kiez damals erzählt.

Schaut man sich an, wie viele Häuser in Prenzlauer Berg aktuell verkauft werden, liest man die verzweifelten Anträge der Bezirkspolitiker*innen und die betrachtet man die zähen Verhandlungen des Bezirks mit Hausbesitzern, sieht es allerdings nicht so aus. Und auch in der Literatur ist das Thema noch lange nicht auserzählt. Steter Tropfen höhlt den Stein? Vielleicht, möglicherweise, eventuell, haben sie ja auch die Romane ein bisschen Einfluss auf das Geschehen.

Häuser

Synke Köhler
Die Entmieteten
Satyr Verlag, 2019
Gebunden, 253 Seiten, 23,- Euro
Anke Stelling
Schäfchen im Trockenen
Verbrecher Verlag, 2019
Gebunden, 272 Seiten, 22,- Euro
Enno Stahl
Sanierungsgebiete
Verbrecher Verlag, 2019
Gebunden, 592 Seiten, 29 Euro
Eva Ladipo
Räuber
Blessing Verlag, 2021
Gebunden, 544 Seiten, 24 Euro