Deckname „Forelle“

Die Geschichte von OL

Foto: Flickr / Sludge G

Man kennt Olaf Schwarzbach als Zeichner der „Mütter vom Kollwitzplatz“, den Comics, die das Leben im Prenzlauer Berg auf den Punkt bringen. Nun hat er mit „Forelle Grau. Die Geschichte von OL“ seine Jugend in der DDR zu Papier gebracht – und damit das wohl beste „Geschichtsbuch“ seit langem verfasst.

„…die ZP zeichnet und schreibt ‚Ganze Bücher‘ mit Gedichten und Geschichten. Wörtlich erklärt die Zielperson: ‚Vielleicht schreibe ich mal das große Buch‘. In welche Richtung die Gedanken und Absichten gehen, dürfte dieser Auszug aus einem M-Material (16.2.1983) belegen: ‚Ich sehe, und andere Leute auch, hierzulande im Moment keine Änderungsmöglichkeiten, dazu gehts den Leuten noch nicht dreckig genug.'“ Jahrelang wurde Olaf Schwarzbach von der Stasi bespitzelt, unter Druck gesetzt und in eine Richtung gezwungen, die er eigentlich gar nicht gehen wollte. Im Herbst 1989 flieht er in Ungarn über die Grenze in die Bundesrepublik Deutschland – obwohl er eigentlich nie in den Westen wollte. Doch die Umstände hatten ihn gezwungen.

Die Geschichte von OLAll die Jahre hatte man sich irgendwie arrangiert. Nachdem seine Mutter – OL war gerade drei Jahre alt – Selbstmord begangen hatte, wächst er bei seiner Tante und seiner Cousine in Potsdam auf. Das das System der DDR streng reglementiert und durchorganisiert ist, nimmt er schon als kleiner Junge eher belustigt zur Kenntnis – muss man sich daran halten? Diese laxe Einstellung behält er sich bei, als Jugendlicher haben er und seine Freunde einigen Dreck am Stecken, sie betrinken sich bei jeder Gelegenheit und machen sich ein schönes Leben. So weit, so normal.

Wenn es nach Olaf ginge, könnte das immer so weiter gehen, doch da hat die Obrigkeit einen anderen Plan für ihn: In der neunten Klasse muss er sich für einen Beruf entscheiden, wer studieren will, muss zunächst zur NVA. Letzteres ist keine Option für den Jungspund mit den langen Haaren, also beginnt er eine Lehre als Offsetdrucker. Doch wie wichtig ist Arbeit? Da gibt es wirklich interessantere Dinge zu tun, außerdem hatte man ja alles: Geld konnte man sparen, denn zu kaufen gab es ja nicht so viel, die Miete war billig und zur Not besetzte man einfach eine Hinterhofwohnung am Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg.

Er ist der Stasi ein Dorn im Auge, vor allem auch wegen seiner Kontakte zu anderen Künstlern und dem so genannten Untergrund; man trifft ihn auf Vernissagen in Wohnungen und auf Dachböden, auch bei der Eröffnung der Umweltbibliothek an der Zionskirche, dem Treffpunkt für die Opposition ist er dabei, auch wenn er sich selbst auf gar keinen Fall zu den langhaarigen „Müslis“ zählen würde, die sich dort vorwiegend rumtreiben.

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Immer mehr Menschen in seinem engeren Umfeld stellen Anträge auf Ausreise in den Westen. Doch OL will gar nicht raus. Eigentlich möchte er nur eins: Comics zeichnen.
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Doch in der DDR lässt sich das schlicht nicht verwirklichen. Also packt er seine Sachen und fährt nach Ungarn… Der Rest ist Geschichte. Dass Olaf Schwarzbach in „Forelle Grau“ („Forelle“ war übrigens der Deckname, den ihm die Stasi gegeben hat) nicht nur seine Lebensgeschichte, sondern eine ganze Menge über Leben und Alltag in der DDR erzählt, macht dieses Buch zu einer Pflichtlektüre für alle, die sich für die ehemalige Teilung Deutschlands interessieren. Wie sehr hätte ich mir zu meinen Schulzeiten einen so anschaulichen Text gewünscht, den ich den trockenen (und überhaupt sehr, sehr spärlichen) Lehrtexten hätte entgegensetzen können!

Olaf Schwarzbach: „Forelle Grau. Die Geschichte von OL“. Berlin Verlag, 2015. Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten. 19,99€. ISBN: 978-3-8270-1179-4

Nächste Lesungen:

Donnerstag, 23. April, Buchlokal, Ossietzkystr. 10, 13187 Berlin // 20 Uhr
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Mittwoch, 20. Mai, Buchhandlung Die Insel,  Greifswalder Str. 41/42, 10405 Berlin // 20 Uhr

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