Die juten Sitten

BordellFoto: Flickr / BJ Alias

Eine kaiserliche Orgie im Jagdschloss Grunewald? Die hat um die Jahrhundertwende tatsächlich stattgefunden – Anna Basener erzählt gewohnt humorvoll davon.

Man kann sich das heute – wo auf jedem zweiten Plakat im öffentlichen Raum halbnackte Frauen zu sehen sind – kaum vorstellen: Dass einst das Entblößen eines weiblichen Knöchels zu einem Skandal führen konnte. Gar nicht erst zu reden von einer entblößten Brust! Im Wilhelminischen Kaiserreich (1888 – 1918) beherrschte Prüderie den Alltag. Und, naja: Eine ausgeprägte Doppelmoral.

Wer als ehrbare Frau gelten wollte, musste sich in ein Korsett schnüren, stets hübsch lächeln und den kleinen Finger abspreizen, wenn von den Hausangestellten Tee aus feinstem chinesischen Porzellan im Salon serviert wurde. Völlig andere Sitten herrschten jedoch in der „Halbwelt“: Bordelle florierten, Negligés knisterten, es wurde gevögelt, bis der Morgen graute. Wer dort arbeitete, machte zwar gutes Geld, war von der feinen Gesellschaft jedoch weit entfernt.

„Im Jahr 1895 dauert es sehr lange, bis eine Frau ausgezogen ist. Haken, Knöpfe, Schnüre, unzählige Unterröcke. Ein Hindernis nach dem nächsten. Im Weißen Schwan wird in Unterwäsche gearbeitet. Strümpfe, Negligés, schwarze Schlüpfer, viel Seide… Das liegt am Korsett. […] Ein Freier zahlt nicht dafür, dich erst mal achtundzwanzig Minuten lang aus dem Fischbeingestänge zu wickeln.“

Minna „jefällt dit“. Sie wächst als eines von vielen Kindern in Prenzlauer Berg auf, der im späten 19. Jahrhundert entstand und zwar kein ganz so verkommenes Viertel wie der Wedding oder Neukölln, aber ebenfalls geprägt war von Mietskasernen (in denen wir heute, saniert und verschnörkelt, alle wohnen wollen). Weil sie keine Lust hat, weiterhin im dritten Hinterhof zu wohnen und sich das Plumpsklo mit allen Bewohnern zu teilen, heuert sie im Edelbordell „Weißer Schwan“ im mondänen Charlottenburg an. Von da an muss sich sich keine Sorgen mehr um Essen und ein warmes Bett machen, die Männer umgarnen sie und Arbeit hat sie genug.

Alles geht seinen lüsternen Lauf, bis Minna eines Tages Ernst Günther von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg – der aus selbsterklärenden Gründen am Hof nur „Herzog Rammler“ genannt wird – unter ihrer Bettdecke aufnimmt. Dieser ist derart angetan von der charmanten Dirne – die aus Stilgründen zwar hochdeutsch sprechen soll, am liebsten aber derbe berlinert – das er sie als Animierdame zu einer geheimen Feier auf dem Jagdschloss Grunewald einlädt. Das die letztendlich zu einer Orgie ausufert, bei der sich alles miteinander paart, was zwei Beine hat, war vorher nicht abzusehen. Und dass die preußische Monarchie dadurch ganz ordentlich durcheinandergewirbelt wird – denn natürlich dringen die Details schnell nach außen – ebenfalls nicht.

„Die Gesellschaft ist nach dem Essen in einen anderen Salon weitergezogen. Wobei man wohl eher sagen muss, weitergehüpft. Die Damen und Herren surren durch dieses Haus wie ein Bienenschwarm. […] Minna fühlt sich genauso überdreht wie alle anderen. Die Krawatten und Fliegen sitzen auch schon locker, Lottka liegt auf einem Bärenfell am Kamin und zeigt ihre Knöchel, was sich für eine Dame nicht schickt, aber keinen im Raum stört.“

Wir erfahren dass von Minna, die diesen Eklat rückblickend schildert: 1935 sitzt sie mit ihrem „Sohn“ Emil im Zug nach Nizza; die Nazis haben Berlin übernommen und Minna musste nach fast 40 Jahren ihr beliebtes Bordell „Ritze“ in der Mulackstraße in Mitte schließen. Was vor allem in den 1920er Jahren dort alles passierte, wird ein einer anderen Geschichte erzählt, die ich vor anderthalb Jahren als Hörbuch gehört habe. Das sie damals der Auslöser für die „Kotze-Affäre“ war, glauben ihr Emil und der mitreisende Gustav erstmal nicht. Ein gewisser Leberecht von Kotze (es gab ihn wirklich) wurde im Zuge der Grunewald-Orgie nämlich bezichtigt, die Teilnehmer im Nachhinein mit detaillierten Briefen erpresst zu haben, wofür er zeitweise im Gefängnis landete.

Die juten SittenBesagte Orgie hat tatsächlich stattgefunden. Allerdings nicht 1895, sondern bereits vier Jahre früher – und ohne Minna, denn die ist ja eine fiktive Figur. Anna Basener hat sich die Freiheit genommen, sie in den Skandal, der die vordergründig sittsame wilhelminische Gesellschaft erschütterte, zu einer der Hauptfiguren zu machen. Dabei weiß sie nicht nur die Charaktere geschickt zu beschreiben, auch die damaligen Verhältnisse sind derart plastisch geschildert, dass es eine einzige Freude ist, diese Geschichte zu lesen. Wer sich für einen humorvollen, manchmal schlüpfrigen, aber nie kitschigen Unterhaltungsroman über die Jahrhundertwende interessiert, liegt mit Die juten Sitten genau richtig!

Anna Basener
Die Juten Sitten. Kaiserwetter in der Gosse
Goldmann Verlag, 2021
Taschenbuch, 336 Seiten, 12 Euro