Die Bohèmiens vom Prenzlauer Berg

Greifenhagener Ecke Stargarder Straße in den 1980er Jahren / Foto: pardonreeds

Greifenhagener Ecke Stargarder Straße in den 1980er Jahren / Foto: pardonreeds

Der Drang, sich die Erinnerung von der Seele zu schreiben scheint groß: Mit „Pappellallee“ legt Andreas H. Apelt den nächsten Roman vor, der in den letzten Tagen der DDR spielt. Und zwar im Prenzlberger Pappelkiez, der seitdem komplett umgepflügt wurde.

Jemand musste Hans Hülsmann verleumdet haben, denn ohne dass er wusste warum, wurde er eines Tages in die Volkspolizei auf der Schönhauser Allee bestellt. Dort teilte man ihm mit, dass es ihm ab sofort untersagt sei, Berlin zu verlassen. Warum? Na, das wisse er ja sicher selbst.

Hans Hülsmann weiß es nicht, doch wundert ihn nichts: Der Staat in dem er lebt – die Deutsche Demokratische Republik – ist bekannt für ihre kafkaeske Verurteilung scheinbar harmloser Menschen. Passt man nicht auf, hat man Steine im Weg liegen, die so groß sind, dass die Zukunft unwiederbringlich verbaut ist. Hülsmann erhofft sich sowieso keine großen Sprünge: Er ist Kulissenschieber an der Volksbühne in Mitte, hat eine kleine Wohnung mit Blick auf die Gethsemanekirche und verbringt seine Freizeit am liebsten in den urigen Kneipen namens Luftikus oder Wiener Café, wo er die ein oder andere Molle mit Bekannten zischt und darüber grübelt, was sich die Obrigkeit wohl als nächstes ausdenkt. Auf Außenstehende wirkt er manchmal etwas seltsam:

„Ein komischer Vogel ist er ja.“ […]
„Ach der, jaja, wie der schon rumläuft. Mit dieser schweren alten Zimmermannskluft. Und das nur wegen der großen Taschen und dem Stoff, der so derb ist, dass er noch in hundert Jahren hält.“ […]
„Ja, das sieht schon komisch aus, ein bisschen wie früher. Und der Hut erst. Vielleicht weil keiner die langen schwarzen Haare sehen soll“

rezension_pappelallee_coverDass sich etwas ändern muss in der DDR, darüber ist er sich einig mit der bunt zusammengewürfelten Kaffeehaus-Truppe, denn zusammen kann man beachtliche Erfahrungen mit Ausreiseanträgen (abgelehnt oder zugelassen), auffällig unauffälligen Beschattungsaktionen der „VEB Horch und Guck“, immer stärker werdendem Frust und ersten oppositionellen Aktionen aufweisen. Doch dass an diesem eigentlich harmlosen Abend des 9. Novembers 1989 plötzlich die Mauer offen steht und man an den Grenzern vorbeispazieren kann, als wäre nichts gewesen – wer hätte das ahnen können?

Die letzten Tage im Bohème-Kiez

„Pappelallee“ ist ein ruhiger (und mit sehr vielen biographischen Elementen gespickter) Roman, der mit ganz viel Einfühlungsvermögen für die verschiedenen Charaktere die letzten Tage der DDR im „Bohème-Kiez“ Prenzlauer Berg und im speziellen in einem Mietshaus an der Gethsemanekirche schildert. Wo ein Obrigkeitstreuer Hauswart über jeden Schritt im Treppenhaus sorgfältig Buch führt, eine Frau wohnt, die seit 40 Jahren keine Beine mehr hat und eine Hexe im Erdgeschoss lebt.

Mit viel Liebe zum Detail baut der Autor eine Atmosphäre zwischen Unbehagen über das abstruse System und „wir kennen es ja nicht anders“-Schulterzucken auf – das ist gleichermaßen beklemmend wie irgendwie gemütlich. Prenzlauer Berg zwangsentschleunigt, mit Kopfsteinpflaster und Trabi-Parade – man braucht eine ganze Menge Phantasie, um sich das angesichts der heutigen Kiezstruktur vorzustellen.

Andreas H. Apelt: Pappellallee. Mitteldeutscher Verlag, 2014. Gebunden, 304 Seiten, 17,95€. ISBN 978-3-95462-327-3

Kategorie Allgemein