Die Kunst, sich zu verlieren

SolnitIn Brandenburger Wäldern kann man tatsächlich verloren gehen / Foto: Fräulein Julia

„Es irrt der Mensch, so lange er strebt“: Rebecca Solnits Essays in „Die Kunst, sich zu verlieren“, erzählen von Irrwegen, der Suche – und dem Finden.

Als ich mich das letzte Mal verirrt habe, wurde es fast gefährlich: Wir waren am Morgen zu einer Wanderung durch ein großes Waldgebiet nördlich von Berlin aufgebrochen, hatten das leise Rauschen der Kiefernwälder genossen und den Staub der Stadt abgeschüttelt. Doch an einer Stelle müssen wir vom Weg abgekommen sein. Als die Dämmerung einsetzte, war der Proviant längst aufgegessen und nur noch ein kümmerlicher Rest Wasser in der Flasche; weit und breit war kein Mensch in Sicht, ebenso wenig der Waldrand oder die Sonne, an deren Stand wir uns mühelos hätten orientieren können. Das Handy meldete: Kein Netz (Brandenburg halt). Wie war das nochmal, kramte ich in meinem Gehirn: Sind die Bäume zur Ostseite oder zur Westseite mit Moos bewachsen?

„Erst bis wir uns ganz verirrt oder umgedreht haben – denn der Mensch braucht nur einmal in dieser Welt mit geschlossenen Augen herumgedreht zu werden, um verirrt zu sein -, lernen wir die Weite und Fremdartigkeit der Natur schätzen. Nicht eher, als bis wir verloren sind – mit anderen Worten: bis wir die Welt verloren haben –, fangen wir an, uns selbst zu finden und gewahr zu werden, wo wir sind und wie endlos ausgedeht unsere Verbindungen sind.“

Dies ist ein Zitat aus Henry Thoreaus‘ Walden, das Rebecca Solnit im ersten Kapitel ihrer Essay-Sammlung mit dem schönen Titel Die Kunst, sich zu verlieren bemüht. In der Originalausgabe erschien es bereits 2005 unter dem Titel A Field Guide to Getting lost, nun liegt es endlich in der deutschen Übersetzung im Verlag Matthes & Seitz vor und bietet ausreichend Möglichkeiten, auf mentale Reise zu gehen.

„Getting lost“: Man kann es übersetzen mit sich verirren, verlaufen, abhanden kommen oder verloren gehen. Aber gehen wir in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt noch verloren? Dass wir uns heute kaum noch physisch verirren – und wenn es doch passiert, oft keine Ahnung haben, wie wir wieder rausfinden – liegt vor allem an der Allgegenwärtigkeit von Smartphones mit Ortungsfunktion und Navigationsgeräten. Dabei passieren oft die schönsten Dinge, wenn man einfach ziellos durch unbekanntes Terrain marschiert:

„Sich nie zu verirren heißt, nicht zu leben, nicht zu wissen, wie das In-die-Irre-Gehen einen in den Untergang führt, und irgendwo in der Terra incognita dazwischen liegt ein Leben voller Entdeckungen.“

Solnit

Aber Solnit geht es nicht nur um das körperliche, sondern auch oder vor allem um das Sich Verlieren im Geistigen, in den Gedanken. In ihren Essays verwebt sie deshalb immer wieder philosophische, literarische und historische Ereignisse und Erkenntnisse mit eigenen Erfahrungen. Etwa wenn sie erzählt, wie sie in den 1980er Jahren mit einem Freund einen Film in einem verlassenen Krankenhaus drehte und die Ruine nicht nur – für Solnit als Teil der damaligen Punkrockszene – als zeitgenössische Untergrundromantik fungierte, sondern auch als Analogie für urbane Wildnis:

„Genau wie Ruinen kann auch das Soziale eine Wildnis werden, in der sogar die Seele wild wird und etwas außerhalb ihrer selbst, außerhalb ihrer Vorstellungskraft sucht. Und es gibt eine bestimmte Art von Wildheit, die mit dem Erotischen zu tun hat, mit dem Berauschenden, dem Transgressiven, und die in Städten leichter zu finden ist als in der Wildnis. Es gibt sie während einer bestimmten Zeit: während der Jugend und während der Nacht.“

Sie erzählt von ihrer Freundin Marine, die – noch keine zwanzig Jahre alt – an einem Drogengemisch starb; von einer Beziehung mit einem Mann, der abgeschieden in der Wüste lebte; und von einer Schildkröte, die sie einst dort fand, und die sie jetzt zu Recherchen über die Chemehuevi-Indianer inspiriert, für die Schildkröten einst eine Delikatesse waren.

Dass es Solnit immer wieder gelingt, scheinbar weit voneinander entfernte Themengebiete mit einander zu verknüpfen, von einem Gedanken zum nächsten zu springen und zum Schluss kunstvoll alle aufgedröselten Fäden wieder sinnvoll zusammenzufügen, macht sie zu Recht zu einer der bekanntesten Essayistinnen unserer Zeit und hat mich bereits in ihrem Buch Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens sehr fasziniert. Die Kunst, sich zu verlieren ist ein wahres Panoptikum an interessanten und inspirierenden Sujets – in denen man sich ganz hervorragend verlieren kann…

Rebecca Solnit
Die Kunst, sich zu verlieren. Ein Wegweiser
Aus dem Amerikanischen Englisch von Michael Mundhenk
Matthes & Seitz, 2020
Gebunden, 204 Seiten, 22 Euro