Die Leiden des Hipster-Werthers

werther_text_großDer alte Goethe hat es wahrscheinlich gewusst: Manche Themen sind einfach zeitlos und funktionieren auch noch nach 300 Jahren. Weshalb es völlig normal wirkt, dass Franziska Walther sich den unglücklich verliebten Werther geschnappt und ihn in ein zeitgenössisches Graphic Novel verfrachtet hat!

Bühne frei für Werther! 28 Jahre alt, aus Frankfurt nach New York gezogen, Art Direktor in einer Agentur und gefangen in seinem Hipster-Alltag: Die Kopfhörer auf den Ohren, das Smartphone in der Hand oder die Augen auf den Bildschirm gerichtet, ein schnelles Mittagessen am Schreibtisch, eine Line Koks auf der Unisex-Toilette, zwei-drei-vier-Drinks zum Feierabend, ein Mädel aufreißen und auf dem Küchentisch vernaschen – und dann allein in der kleine Wohnung im kalten Bett liegen, einsam und unzufrieden. Da hilft auch kein Anruf von Mama: Es muss etwas geschehen, ein Burn Out wabert über der Szenerie wie ein Damoklesschwert! Werther packt seine Sachen, bucht sich einen Flug und schaltet das Handy aus.

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“Wie froh ich bin, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! […] ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. […] Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz,” schreibt Werther – das weiß man ja noch aus dem kleinen gelben Reclam-Heftchen – an einen seinen Freund Wilhelm.
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Doch bald ist sie hin, die Ruhe: “Warum ich dir nicht schreibe? […] Du solltest raten, daß ich mich wohl befinde, und zwar – kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiß nicht.” Lotte ist in sein Leben getreten, doch so sehr sie sich zu dem charmanten jungen Mann hingezogen fühlt (der sie zur Abwechslung NICHT sofort mit ins Bett nimmt), macht sie gleich deutlich: “Albert ist ein braver Mensch, dem ich so gut als verlobt bin.” Heißt ja nix, denkt sich Werther, sein Herz klopft im bis zum Hals, wann immer er mit Lotte Zeit verbringt – und dann kehrt Albert zurück. Aus die Maus, Ende im Gelände, gegen den quasi schon Angetrauten kann Werther nicht anstinken.

Den Rest der Geschichte kennt ihr – oder doch nicht? Franziska Walther hat sich das melodramatische Ende vorgeknüpft und es deutlich entschärft, anstatt mit durchgeschossenem Kopf zu enden, weist sich Werther in eine Psychosomatik-Klinik ein. 12345 Personen liken daraufhin sein Instagram-Bild, die Hashtags #NeueWege und #FacingMyself sind selbst erklärend.

Schon zu meiner Schulzeit mochte ich “Die Leiden des jungen Werthers” sehr gerne (auch wenn die zahlreichen Verzierungen auf dem Reclam-Heftchen durchaus eine andere Geschichte erzählen) und da Neu-Adaptionen literarischer Klassiker (siehe auch das Graphic Novel “Kleider machen Leute”) immer eine gute Idee sind, konnte die Illustratorin hier nur Punkte sammeln. Doch “‘Werther reloaded'” ist keine Nacherzählung, sondern nutzt den literarischen Text lediglich als Referenz”, erklärt Franziska Walther im Anhang. Der Original-Text des Briefromans von 1774 wurde nicht verändert, aber mittels der gleichermaßen wundervollen wie aussagekräftigen Bilder in unsere Zeit geholt – und das passt erstaunlich gut zusammen!

Geeignet für:
Fans literarischer Klassiker und witzige Neu-Adaptionen, Graphic Novels und Illustrationen, aufwändig gestaltete Bücher

Franziska Walther
Werther Reloaded
Kunstanstifter Verlag 2016
Hardcover, 224 Seiten
24,5o€
ISBN: 978-3-942795-37-1

Kategorie Allgemein