Die Magie der Rauhnächte

RauhnächteFoto: Fabian Mardi / Unsplash

In den „zwölf Nächten“ lüften sich die Schleier zwischen den Welten, heißt es. Das merkt auch die Erzählerin in Claudia Wengenroths Roman „Dort, wo die Zeit entsteht“.

Kein Roman passt gerade besser: In Kürze beginnt die Zeit „zwischen den Jahren“, auch als Rauhnächte bekannt. Während das Mondjahr 354 Tage umfasst und daher bereits vorbei ist, umfasst das Sonnenjahr 365 Tage – daraus ergibt sich eine Differenz von elf Tagen beziehungsweise zwölf Nächten. Seit jeher wird ihnen etwas Magisches nachgesagt; der Schleier zwischen den Welten, heißt es, sei währenddessen geöffnet und die Kommunikation mit Verstorbenen möglich.

Es ranken sich allerlei Bräuche und Rituale um diese Zeit, mal fallen diese unter Aberglauben (man soll z.B. während der Rauhnächte keine Wäsche waschen und aufhängen, damit sich keine Geister im Leinen verfangen), mal passen sie zu einem achtsamen Abschluss des Jahres (man soll alle Rechnungen begleichen und Geliehenes zurückgeben etc.).

Die Hauptfigur in Claudia Wengenroths Roman Dort, wo die Zeit ensteht, hat allerdings noch nie von diesen besonderen Nächten gehört. Sie arbeitet als Internistin in einem Krankenhaus und ist dort großem Stress und viel Verantwortung ausgesetzt. Nach den Weihnachtstagen setzt sie sich deshalb spontan in ihr Auto und fährt in die Berge, wo ihre Familie seit langem eine kleine Hütte besitzt. Hier will sie zur Ruhe kommen, sich ausruhen, neue Kraft schöpfen. Und auch gewisse Dinge vergessen und verdrängen.

„Katharina ist hierher gefahren, ohne dass ihre Familie davon weiß. Ohne dass ihre Kollegen in der Klinik davon wissen. Sie will allein sein. Mit den Büchern, dem Schnee, der Stille. So dachte sie es sich beim Losfahren. Das Denkknäuel entwirren oder am besten gar nicht denken.“

RauchnächteDoch das ist in den Rauhnächten gar nicht so leicht. Als Irmelin, eine ältere Frau, die etwas weiter Richtung Dorf auf einem Hof lebt, Katharina von der „Wilden Jagd“ erzählt, tritt sie damit ganz schön was los. Denn statt ihr zu erklären, dass es sich dabei um eine Sage handelt – von Wotan und seinem wilden Heer, die während der zwölf Nächte tosend und klappernd durch den Himmel ziehen und damit die Winterstürme umschreiben – jagt sie ihr mit knappen Worten einen Schaue rüber den Rücken und holt alte Kinderängste zurück an die Oberfläche. Denn eingeschneit und mutterseelenallein in einer Berghütte zu sitzen, das kann ganz schön gruselig sein – vor allem, wenn man dabei auf sich und seine eigenen Gedanken zurückgeworfen ist.

Doch Claudia Wengenroth hat keine Schauergeschichte geschrieben, sondern das feinfühlige Porträt einer jungen Ärztin, die dringend eine Verschnaufpause von ihrem Berufsalltag braucht. Sie erzählt von einer Frau, die Halt in ihrem Leben sucht und letztendlich sowohl durch banale, alltägliche Handlungen (Kaffee trinken, Wasser holen, Suppe kochen, Holz hacken) als auch durch die Kraft von alten Geschichten wieder in ihre innere Mitte findet. Dass es dabei mitunter magisch und mysteriös zugeht – und dann, so weiß es schon der Aberglaube, bisweilen auch die Tiere anfangen zu sprechen –, passt nicht nur zu den Rauhnächten, sondern hilft auch der für gewöhnlich rational denkenden und handelnden Protagonistin, Träume und Phantasien in ihr Leben zu lassen.

Dort, wo die Zeit ensteht ist eine stille und märchenhafte Geschichte, die auch außerhalb der Zwischenzeit eine klare Botschaft sendet: Wir alle sollten uns öfter einmal zurückziehen – das passt ja auch zum derzeitigen physical distancing – das Handy ausschalten, an die Decke schauen und die Gedanken frei flottieren lassen. Und die Augen offen lassen für das Wundersame.

Claudia Wengenroth
Dort, wo die Zeit entsteht. Roman einer Selbstfindung
Diederichs Verlag, 2020
Gebunden, 176 Seiten, 18 Euro
Beim Verlag gibt es eine Leseprobe