Die Narben von Berlin

Berlin

Foto: Flickr / Roger W

Elf Jahre nach Kriegsende kehrt Eric aus seinem Exil in London nach Berlin zurück – und sieht sich dort mit den Trümmern seiner Vergangenheit konfrontiert. Verna B. Carlton, deren Roman „Zurück in Berlin“ bereits 1959 erschien, schrieb erstaunlich einfühlsam über die schwierige Nachkriegszeit in Deutschland.

Als die namenlose Erzählerin des Romans auf der Schifffahrt von Miami nach London dem britischen Ehepaar Devon begegnet und ihnen erzählt, dass sie auf dem Weg nach Berlin ist, reagieren diese ziemlich schmallippig: Warum ausgerechnet Berlin? Der Krieg sei erst elf Jahre vorbei und die Deutschen schon wieder sehr gut darin, sich die Vergangenheit schönzureden:

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„Die Deutschen werden Ihnen das Blaue vom Himmel herunterlügen: Schon immer seien sie treffliche kleine Demokraten gewesen. Das Elend, das die Nazis über Europa brachten, sei einzig und allein die Schuld einer Handvoll übler Schurken, die nichts mit dem hochgesinnten, von Geistesidealen durchdrungenen deutschen Volk gemein hätten.“
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berlinBestätigt werden die Voruteile Eric Devons kurz darauf, als Emil Grubach aus Köln an Bord des Schiffes geht – und das eingespielte Grüppchen die nächsten Tage mit seinen Lobeshymnen auf seine deutsche Heimat nervt. Doch was steckt hinter der extremen Abneigung Eric Devons gegenüber den Deutschen? Was hat er während des zweiten Weltkriegs erlebt?

Durch Zufall erfährt die Erzählerin, dass Eric gar kein Brite, sondern gebürtiger Deutscher ist, der Ende der 1930er Jahre aus Selbstschutz seiner Geburtsstadt Berlin den Rücken kehrte. Wäre es nicht an der Zeit, diese mal wieder zu besuchen, vielleicht wieder Kontakt zu der noch lebenden Verwandtschaft aufzunehmen? Zunächst als absurder Vorschlag abgetan, willigt Eric (der eigentlich Erich Dalburg heißt) ein.

Dass Berlin zerbombt wurde, war ihm natürlich bekannt gewesen – doch das ganze Ausmaß der Zerstörung überrascht ihn dann doch. Wo einst die Wohnung seiner Eltern stand, klafft nun eine riesige Lücke, noch immer sind die Straßen von Brandwunden gezeichnet, die wie stumme Mahnmale an die Schrecken des Krieges erinnern. Und auch in die Gesichter der Menschen haben sich die vergangenen Jahre eingebrannt, haben Spuren hinterlassen, die nicht zu tilgen sind. Aber jetzt ist Deutschland doch „entnazifiziert“ und wieder auf dem rechten Pfad, oder nicht?

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„Wohin, glaubt die Welt, sind all diese Fanatiker verschwunden?“ fragt Erichs Tante, die glücklicherweise noch immer in dem Haus im Grunewald zu finden ist. „Die haben sich nicht in Luft aufgelöst. Überall in Deutschland leben sie – in Ost wie in West – und nehmen friedlich ihren Alltag wieder auf, ohne sich für das, was sie getan haben, auch nur im mindesten schuldig zu fühlen. Wenn du sie fragst, sagen sie, sie hätten doch nur Befehle ausgeführt.“
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Doch nun ist es an der Zeit, die Wogen etwas zu glätten und so muss auch Erich feststellen, dass er Anschuldigungen mit ins Exil genommen und über die Jahre verfestigt hatte, die überhaupt nicht stimmten. Vergessen: Nein. Weitergehen: Ja.

Verna B. Carlton, selbst in den USA geboren, wusste mit erstaunlich feinfühligen Worten die Nachkriegszeit im zerschundenen Deutschland zu portraitieren, ohne dabei durchgehend die Moralkeule zu schwingen. So ist eine einfühlsame Geschichte über einen Exilanten entstanden, der nach vielen Jahren der Abwesenheit zurück in sein Heimatland kommt – und dort nicht nur nach seiner eigenen Identität, sondern auch nach der Identität eines ganzen Landes sucht. Ein eindringliches und intensives Buch!

Verna B. Carlton
Zurück in Berlin
Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull
Aufbau Verlag, 2016
Gebunden, 391 Seiten, 22,95€
978-3-351-03642-3

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Kategorie Allgemein