Die Sache mit der Schönheit: Die Stiftung Buchkunst im Gespräch

© Fotografie: Conny Mirbach, München

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Was ist ein „schönes Buch“?  Die Stiftung Buchkunst prämiert jedes Jahr „die 25 schönsten deutschen Bücher“. Ich habe Geschäftsführerin Katharina Hesse gefragt, wie der Wettbewerb entstanden ist und worum es dabei geht.

Frau Hesse, was ist ein „schönes“ Buch?
Das ist keine leichte Frage! Eigentlich ist es bei Büchern wie bei den Menschen: Die wahre Schönheit kommt von innen. Ein schönes Buch ist von innen nach außen sinngerecht gestaltet, also dem Inhalt dienend und nicht nur um der Gestaltung willen. Also so, dass der Inhalt bestmöglich in Erscheinung tritt. Wenn es sich dann noch gut anfassen lässt und nicht stark riecht, ist das sehr positiv.

Die Stiftung Buchkunst wählt jedes Jahr die „25 schönsten deutschen Bücher“ aus. Wann und wieso ist dieser Wettbewerb entstanden?
Der erste Wettbewerb fand bereits vor dem zweiten Weltkrieg statt, damals hat die Jury fast 70.000 Bücher gesichtet, um daraus die 25 schönsten herauszufiltern. Das war aber eine einmalige Sache. Nach dem Krieg war die Produktion von qualitativ hochwertige Büchern nicht leicht. Damals hat sich der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dazu entschlossen, den Wettbewerb wieder aufleben zu lassen. Ich glaube, ein wenig ist das Taschenbuch daran schuld: Damals haben preiswerte Taschenbücher den Buchmarkt relativ stark geschwemmt und es bestand die Angst, dadurch würde die Buchkultur den Bach runtergehen – ein bisschen war das wie heutzutage mit den E-Books.

Taschenbücher hatten also damals kein gutes Ansehen?
Naja, eigentlich waren sie ja eine gute Sache, weil sie preiswert und für jeden zugänglich waren. Doch sie wurden teilweise im Automaten am Bahnhof verkauft, sie waren schnell verfügbar und in erster Linie handelte es sich um Literatur, die schnell zu konsumieren war. Also keine Hochliteratur. Die Buchbranche, zumindest einige Leute, waren aber überzeugt, dass Literatur in ein „gescheites“ Buch gehört und nicht in diese „Heftchen“. Die Stiftung Buchkunst hat dann eine zeitlang auch eine Kategorie „Taschenbuch“ prämiert. Seit 1966 wird die Auszeichnung nun kontinuierlich jedes Jahr vergeben und die Zielsetzung – ein gutes „Gebrauchsbuch“ zu prämieren – hat sich bis heute nicht verändert.

© Fotografie: Conny Mirbach, München

Katharina Hesse, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, bei der Jurysitzung
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Auf der Webseite der Stiftung ist die Rede von knapp 800 Einreichungen allein in diesem Jahr. Das ist eine ganze Menge! Wie geht man da als Jury vor, um nicht den Überblick zu verlieren?
Erstmal ist das für uns Mitarbeiter der Stiftung ganz großartig, weil jeden Tag super Bücher reinkommen, die ganz neu für uns sind. Für die Jury ist es zunächst ein ganz schöner Haufen Holz. Diejenigen aus der ersten Jury, die diese 756 Bücher sichten müssen, teilen wir in Zweiergruppen ein, bei Uneinigkeit kommt noch ein Dritter dazu. Sie bekommen dann eine Liste mit Kriterien, nach denen die Einsendungen zu beurteilen sind; jede Gruppe muss in drei Tagen ungefähr 300 Bücher anschauen. Das ist ein strammes Programm, denn zu jedem Buch muss ja ein Bewertungsbogen ausgefüllt werden – man kann also ein Buch nicht einfach zur Seite legen und sagen „das gefällt mir nicht“. Man muss schon begründen, warum es einem gefällt oder nicht.

Ungefähr ein Drittel der Bücher kommen auf eine Longlist und werden an die zweite Jury weitergereicht. Die wiederum tagt vier Tage und schreibt detaillierter auf, was an dem Buch gelungen und nicht gelungen ist. Auf den Bewertungsbögen kann man manchmal eine richtige Diskussion erkennen, das ist spannend zu sehen. Jeder Einsender bekommt diesen Bewertungsbogen übrigens zugeschickt und auch auf den Buchmessen können die Besucher diese einsehen. In der dritten Runde wird diskutiert: Welche Bücher kommen auf die Shortlist? Über jedes einzelne Buch wird ausführlich geredet, dann wird abgestimmt. Um prämiert zu werden, braucht ein Buch die Dreiviertelmehrheit.

Für mich ist die Bewertung eines Buches eine sehr subjektive Angelegenheit. Kommt es da in der Jury auch mal zu scharfen Diskussionen und Unstimmigkeiten?
Auf jeden Fall! Diskussion gibt es durchaus. Man kann nicht behaupten, dass der Wettbewerb 100 Prozent objektiv ist, das kann er gar nicht sein. Wenn es um Geschmack geht, wird das schwierig. Die Jury-Mitglieder unterhalten sich dann tatsächlich darüber, ob die Schrift jetzt passend ist oder nicht. Oder sie diskutieren über Ornamente, die in dem Buch nichts zu suchen haben. Sie versuchen immer, dabei möglichst objektiv zu sein – und ich finde auch, dass das gut gelingt. Natürlich kommt es auch mal zu Enttäuschungen, wenn jemand ein Buch ganz besonders mag, die anderen aber dagegen sind.

Welche Kriterien muss ein Buch erfüllen, um in die nähere Auswahl zu kommen?
Unsere Kriterien sind sehr vielfältig und gehen ziemlich ins Detail, aber grob zusammengefasst achten wir auf die Qualität des Druckes, die Qualität des Papiers und des Einbands. Dann schauen wir uns die Typographie an, die passend sein muss und auch die Mikrotypographie, die wirklich nur noch der Fachmann beurteilen kann, nehmen wir ins Visier. Das Gesamtkonzept wird immer als erstes und letztes bewertet und sollte in sich stimmig sein.

© Fotografie: Conny Mirbach, München

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Wer kann den überhaupt Bücher für den Wettbewerb einreichen, ist er offen für Alle?
Einreichen können Verlage, Gestalter und Druckereien. Sowohl Druckereien als auch Gestalter müssen natürlich vorher beim Verlag nachfragen, ob das überhaupt in Ordnung ist. Seit zwei Jahren läuft außerdem eine Aktion, bei der wir Buchhändlern kleine Karten geben; dort dürfen sie dann Vorschläge aufschreiben. Wenn Bücher dabei sind, die nicht eingesendet wurden, rufen wir den Verlag an und fragen nach, ob sie teilnehmen wollen.

Dürfen auch einzelne Autoren ihre Bücher vorschlagen?
Grundsätzlich darf jedes Buch mitmachen, das eine Auflage von 500 und eine ISBN hat, also im Handel erhältlich ist. Wenn der Autor – z.B. ein self publisher – diese Kriterien erfüllt, kann er sich bewerben. Andere Autoren müssten erst mit dem Verlag sprechen.

Der Wettbewerb besteht aus verschiedenen Kategorien, u.a. „Kunstbücher“, „Kinderbücher“ und „Allgemeine Literatur“. Wie beurteilt man denn die Schönheit eines Romans, bei dem es ja in erster Linie auf den Inhalt ankommt?
Das ist zugegeben eine schwierige Kategorie, weil gerade dort mit wenigen Mitteln viel richtig, aber eben auch viel falsch gemacht werden kann. Grundsätzlich ist immer Thema, ob das Cover zum Inhalt passt – das klafft ziemlich oft auseinander, weil das Cover häufig schon steht, bevor überhaupt nur eine Zeile geschrieben wurde. Bei Romanen wird natürlich sehr viel über Typographie und Satzspiegel gesprochen, also darüber, wie der Text auf der Seite steht. Da kann viel schief gehen, auch wenn uns selten Romane geschickt werden, die richtig schlimm aussehen. Generell geht es um die Lesbarkeit, dass man das Buch nett konsumieren kann.

Der Wettbewerb – bis auf den „Preis der Stiftung Buchkunst“, bei dem ein Buch mit 10.000 Euro prämiert wird – ist nicht mit einer Geldsumme dotiert. Was bewegt die Verlage dazu, trotzdem daran teilzunehmen?
Für die Verlage ist ein Grund, dass sie zeigen wollen, was sie geschaffen haben und das sie stolz auf die Produkte sind. Die Aussicht auf den Preis der Stiftung Buchkunst und die 10.000 Euro ist für einen großen Verlag vielleicht nicht so aufregend, für einen kleineren aber etwas Tolles. Die meisten nehmen wohl teil, weil es schön ist dafür belohnt zu werden, dass man diesen wichtigen Teil der Buchkultur aufrecht erhält. Wenn die Bücher prämiert werden, sind sie natürlich auch nicht ganz ungesehen. Welche Effekte das auf den Verkauf hat, ist leider nicht messbar; aber alleine dass die Bücher auf Reisen gehen und vielleicht auch in Buchhandlungen landen, in denen sie normalerweise nicht liegen würden, bringt ein ganz ordentliches Publikum.

© Fotografie: Conny Mirbach, München

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Das heißt es ist nicht nachmessbar, ob z.B. der goldene Aufkleber („ausgezeichnet von der stiftung buchkunst – eines der schönsten deutschen bücher“) – zur Kaufentscheidung beiträgt?
Ich weiß ehrlich gesagt grundsätzlich nicht, ob Aufkleber auf Büchern zum Verkaufserfolg beitragen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass es Kategorien gibt, in denen das besser funktioniert als in anderen. Ein Roman wird wohl nicht gekauft weil er besonders schön ist, sondern weil einen der Inhalt interessiert. Bei Bildbänden und Kinderbüchern könnte das schon anders sein. Allerdings kauft man ja nicht nur Bücher, von denen man es vorher schon weiß, sondern auch Bücher, die man zufällig entdeckt – vielleicht hilft unser Aufkleber dabei, entdeckt zu werden.

Wie wird der Wettbewerb denn außerhalb der Buchbranche, also bei den normalen Lesern wahrgenommen?
plakette_Var1_sw_4c_final.pngWenn wir eine Ausstellung in einer Buchhandlung machen und ich erkläre bei der Eröffnung kurz, worum es bei unserem Wettbewerb geht und nach welchen Kriterien wir bewerten, sind die Leser auf jeden Fall interessiert – viele hatten noch gar nicht darüber nachgedacht, welche Rolle das Aussehen eines Buches spielt. Letztes Jahr haben wir erstmalig in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse einen Publikumspreis durchgeführt, um genau dieses Leserinteresse zu messen.

Rund 700 Vorschläge wurden hochgeladen, der Wettbewerb wurde über 200.000 Mal angeklickt. Es hat sich gezeigt, dass der Geschmack der Allgemeinheit sich gut mit der Entscheidung der Fachjury deckt: Das vom Publikum als Sieger gekürte Buch hätte gut und gerne auch bei uns ausgewählt werden können. Meiner Meinung nach gibt es auf jeden Fall ein Bewusstsein für die Schönheit eines Produktes.

E-Books werden bisher nicht prämiert. Warum nicht? Ist das für die Zukunft geplant?
Wir sind dran. Bisher sind digitale Bücher noch nicht so überragend schön gestaltet, allerdings können wir unseren bisherigen Kriterienkatalog auch nicht einfach auf E-Books übertragen. Deshalb machen wir jetzt erstmal einen Workshop, um zu sondieren, was nach Stiftungsziel überhaupt bei einem E-Book bewertet werden müsste. Dann überlegen wir, ob wir daraus einen eigenen Wettbewerb machen oder ihn in den bestehenden integrieren. Vielleicht machen wir auch etwas komplett anderes und verteilen ein Gütesiegel, da ist noch alles offen. Bis zum Ende des Jahres wollen wir eine Entscheidung treffen. Beim Förderpreis könnten E-Books übrigens auch heute schon eingereicht werden, das hat aber bisher niemand gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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